| «Wir machen nie Musik für unsere Fans»Die beiden Pet-Shop-Boys Neil Tennant und Chris Lowe über New York,
Verkleidungen und ihre fabelhafte neue CD «Nightlife»
Neil Tennant, Chris Lowe, Sie haben
gerade zum 32. Mal in Serie eine Single in den englischen Top 30 plaziert. Verraten Sie
uns, wie man einen Hit schreibt?
Neil Tennant: Das Rezept? Ganz einfach! A vermindert, H vermindert, G 7, C-Moll. Damit kann nichts schiefgehen. Chris Lowe: Wenn man diese Akkorde benutzt, kommt garantiert ein weltweiter Hit heraus (beide kichern). Zu Ihren Hits zählt der aktuelle Titel «New York City Boy» aus der neuen CD «Nightlife». Fasst diese schwärmerische Hommage an die Discolegende Village People in Töne, was das Nachtleben heute für Sie bedeutet?Tennant: Musikalisch repräsentiert «New York City Boy» sicher die Spassseite des Nachtlebens. Der Song ist einfach grossartig, wie auch das Video. Da ist Aufregung drin, Spass, Glück, es ist ein No-problem-Stück. Lässt Sie Ihr Discosound wieder wie aufgeregte Teenager empfinden? Tennant: Oh ja. Aber mir geht es nicht nur bei unserer Musik so. Jedesmal, wenn ich in eine neue Stadt komme, erinnere ich mich an meine Jugend. Ich wurde in einem nordenglischen Kaff namens North Shields geboren. Als 12-Jähriger ging ich oft nach Newcastle, um Freunde zu treffen - und war überwältigt vom ganzen Rummel, von der Aufregung. Dasselbe Gefühl empfinde ich, wenn ich heute bei Nacht durch Grossstädte fahre. Das neue Album «Nightlife», an dem neben David Morales auch der Sinfoniker Craig Armstrong und der Danceproduzent Rollo mitgearbeitet haben, klingt wie ein Geschenk für die Fans - Discomusik mit Streichern, ein quintessentielles Pet-Shop-Boys-Album.Lowe (protestiert): Moment mal, wir machen nie Musik für unsere Fans. Tennant: Stimmt. Wir haben eigentlich schon immer nur für uns Songs geschrieben. Unsere Fans würden vielleicht noch einmal «Its A Sin» von uns fordern. Aber wir schreiben unsere Lieder nicht nach einer solchen Formel. Wir haben überhaupt nie nach einer Formel gehandelt und immer das getan, was wir wirklich mochten. Darauf bin ich rückblickend ein bisschen stolz. Die «Nightlife»-Songs sind voller gebrochener Herzen, zermürbender Einsamkeit und enttäuschter Gefühle. Sind die Pet Shop Boys eigentlich eine verkappte Blues- und Soul-Band?Tennant: Seit wir älter sind, haben unsere Lieder definitiv mehr Soul. Ich glaube, wenn auf diesen Liedern nicht meine Stimme zu hören wäre, würde das viel mehr Leuten auffallen. Meine Stimme gilt ja nicht gerade als sehr gefühlvoll. Aber in Songs wie «Footsteps» stecken wirklich ehrliche, aufrichtige Gefühle. Im Lied «Footsteps» wartet jemand allein in einer Wohnung auf seine Liebe ... Tennant: Ja. Der Titel steht ganz am Schluss des Albums. Im ersten, «For Your Own Good», singe ich: «Es wäre ganz in deinem Interesse, wenn du mich heute abend anriefst.» Doch am Schluss, nach einer Reihe von Songs, hat niemand angerufen. Der Liebhaber liegt alleine da und hört plötzlich Schritte in der Wohnung. Sie erzählen in der dritten Person - weil sich die Pet Shop Boys auf Platten und Fotos gerne distanziert geben? Tennant: Das hat damit nichts zu tun. Die Texte sind diesmal nicht autobiografisch. Was nicht heisst, dass die Lieder nicht aufrichtig gemeint sind. Sie handeln einfach nicht von mir. Wenn in unseren Stücken, wie in «For Your Own Good», jemand alleine zuhause herumsitzt, ist das jemand anders. Ich habe mir die Stimme einer Discodiva vorgestellt, als ich den Text schrieb. Auch der Titel «In Denial», den ich mit Kylie Minogue singe, ist aus weiblicher Sicht verfasst. Hier beklagt sich eine junge Frau über den seltsamen Lebensstil ihres schwulen Vaters. Haben Sie deshalb diese um-werfend künstliche Maskerade gewählt - farbige Perücken und Sonnenbrillen, Glitzerjacken und Samurairöcke? Tennant: Nicht nur. Wir denken, dass dieser Look spannender ist als Lederjacke und Holzfällerhemd. So wie zum Beispiel Alanis Morissette auszusehen ist ja auch nur ein Stil. Zuerst war sie eine kanadische Discosängerin, jetzt macht sie auf ernsthafte Künstlerin. Ich kritisiere das nicht, ich stelle das nur fest. Sie macht ihren Fans etwas vor, würde das aber nie zugeben. Unser Look ist da viel ehrlicher: Wir geben augenfällig vor, etwas anderes zu sein. Unsere Musik ist zwar sehr real, aber sie wird künstlich präsentiert in unseren Auftritten und Videos. Natürlich nicht nur, weil wir ehrlich sein wollen, sondern auch, weil wir denken, dass so ein Look mehr Unterhaltung bietet. Wenn Sie die Manager einer Boy- oder Girlband wären - was würden Sie den Mitgliedern raten? Tennant: Auf jeden Fall müssten die Leute Talent haben. Gut aussehen sollten sie natürlich auch. Vor allem aber müssten sie eine eigene Meinung haben und eine Vorstellung darüber, welche musikalische Richtung sie einschlagen wollen. Heute sind Boybands ja eine reine Marketingangelegenheit. Bei Gruppen wie Westlife wissen die Plattenfirmen schon im Voraus, dass es diese nur zwei, drei Jahre geben wird. Oder nehmen Sie Geri Halliwell - sie ist nicht berühmt wegen ihrer Songs, sondern weil sie in der Öffentlichkeit für etwas steht, ob das nun Girlpower ist oder ihr naiver Wunsch, die Welt zu verbessern. Chris, Sie haben in diesem Interview nicht viel gesprochen - können Sie uns erzählen, was auf der neuen Pet-Shop-Boys-Welttournee zu sehen sein wird? Tennant: Ach ja, unsere neue Welttournee. Die Londoner Stararchitektin Zaha Hadid hat unsere neue Bühne entworfen. Ich denke, man könnte sie als Dekonstruktivistin bezeichnen ...Lowe (rümpft die Nase): ... Dekonstruktivistin! Das klingt mir jetzt sehr nach Achtzigerjahre! Ich frage mich, ob sie sich selber so bezeichnen würde ... Tennant: Anyway, das neue Design ist weniger theatralisch, viel abstrakter als in unseren früheren Shows. Hadid hat die neue Bühne so gestaltet, dass man sie laufend verändern kann, auch während der Konzerte. Unsere Backingsänger werden die Bühne während der Show umbauen müssen - nur wissen die das noch nicht (kichert). Interview: Allie Amir
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