Kater nach den Wahlen

Schwule Kandidaten scheitern in Zürich und Bern deutlich

Das Parlament hat seinen ersten offen schwulen Nationalrat: Fast 24 000 Stimmen machte Claude Janiak (SP) im Kanton Baselland bei den Wahlen. Sogar ein Ständeratssitz lag für den Jurist im Bereich des Möglichen. Er scheiterte erst im zweiten Wahlgang vom 29. November.

Der Erfolg von Janiak ist einzigartig, zumal er kaum auf schwule Wählerstimmen setzte. Sämtliche anderen offen schwulen Kandidaten, welche auf Gay-Solidarität setzten, haben einen Sitz in Bern deutlich verfehlt.

Von einem regelrechten «Debakel» spricht Adrian Ramsauer, der Kandidat aus Winterthur mit dem grössten Siegerwillen. Er konnte nur gerade 16 026 Stimmen für sich verbuchen und lag innerhalb der Grünen Liste des Kantons Zürich, welche einen Sitz machte, auf Platz 6. Auf derselben Liste erreichte Martin Abele mit 12 323 Stimmen den 13. Rang. In Zürich ebenfalls gescheitert sind Peter Püntener und Peider Filli.

Ein ähnlich ernüchterndes Bild zeigen die Ergebnisse im Kanton Bern: Trotz seiner Bekanntheit als ehemaliger Generalsekretär der Grünen und seiner Präsenz im Wahlkampf kam Bernhard Pulver mit 13 171 Stimmen lediglich auf den 13. Ersatzplatz. Der Anwalt Daniel Weber (2605 Stimmen) erreichte Platz 4 auf der Liste der Unabhängigen, welche aber keinerlei Chancen auf einen Sitz hatte. Auch in der Stadt Basel verfehlte Daniel Stolz (3930 Stimmen) erwartungsgemäss einen Sitz bei den Freisinnigen - und, eher überraschend, auch das angepeilte Mandat für den baselstädtischen Verfassungsrat.

Für Adrian Ramsauer ist klar: Die schwule Solidarität hat zuwenig gespielt. Denn die 40 000 Schwulen und Lesben hätten im Kanton Zürich durchaus gereicht, um einem Kandidaten den Weg in den Nationalrat zu ebnen. Ramsauer empfiehlt den Schwulenorganisationen, sich künftig stärker auf Kandidaten mit Leistungsausweisen in der Bewegung zu konzentrieren und keine «Auswahlsendung» zu präsentieren.

Parteikollege Bernhard Pulver ist da anderer Meinung: «Die unorganisierten Schwulen wählen einen Schwulen nicht, weil er schwul ist. Sondern sie wählen ihn vielmehr nicht, weil er ein Grüner oder zuwenig links, profiliert oder sonstwas ist.» Und mit den Stimmen der organisierten Schwulen sei kein Mandat zu holen. «Wollen wir einen aktiven Vertreter im Parlament, müssen wir diesen vorbehaltlos mit Geldmitteln unterstützen und keinen schwulen Wahlkampf erwarten».

Ähnlich sieht es Martin Abele: Die schwule Solidarität habe dieses Jahr besser gespielt als noch vor vier Jahren. «Weit mehr Schwulen wussten, dass eine schwule Wahl propagiert wird und viel mehr Schwule haben das auch beherzigt», bilanziert der Soziologe. Doch um wirklich erfolgreich zu sein, brauche es ein erhebliches Stimmenpotenzial auch ausserhalb der Szene.

«Um gewählt zu werden, muss man über ein politisches Profil verfügen und bekannt sein», schreibt der erfolgreiche SP-Nationalrat Claude Janiak. «Dann muss man einer Partei angehören, die einen günstig plaziert. In meinem Fall ist das geschehen aufgrund einer langjährigen Karriere in der kantonalen Politik. Das alles hat mit der sexuellen Orientierung nichts zu tun.»

Rolf Trechsel

 

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