«Weshalb sollte ich heiraten wollen?»

Mister Gay Ian Humbert über sich, die Liebe und die Kinderwünsche der Schwulen

Die Eindrücke nach der Wahl? Da muss Ian Humbert, amtierender Mister Gay.ch, nicht lange überlegen. Ohne Punkt und Komma beginnt er zu erzählen. Er sei gestresst gewesen, an der Wahl. Den ganzen Nachmittag habe er sich überlegt, was er auf der Bühne sagen solle. Dann sei alles Schlag auf Schlag gekommen. Der Sieg, die Gratulationen, die Umarmungen und dann die Medien. Fragen, immer wieder dieselben Fragen. Dabei wollten die Leute ja bloss eines: «Meinen Körper sehen», sagt der Genfer und lächelt. «Interessiert es überhaupt, wer dahinter steckt?»

Es interessiert: Ian Humbert ist 33 Jahre alt, lebt in Genf, arbeitet als freier Grafiker, mag Bilder, Musik, die Astrologie und sein Motorrad. Auf der Website www.mistergay.ch wird er im Jahre 2000 immer wieder Statements zu aktuellen Themen des schwulen Lebens abgeben. Stichproben gefällig? Bitte schön! Für den Cruiser äussert sich der schönste Schweizer Schwule zu Schlagwörter, die ihm besonders wichtig sind.

Schwule Gemeinschaft: «Wir Schwulen sind eine Gruppe Menschen, die eines gemeinsam haben: die sexuelle Orientierung. Nichts mehr und nichts weniger!»

Coming out: «Es wird viel und oft darüber gesprochen. Doch dabei wird manches vergessen. Ein Mensch muss zuerst selbst akzeptieren, dass er schwul ist. Für viele ist das einfach, für andere eine schmerzhafte Erfahrung. Ausserdem leben Schwule in der Schweiz nicht ausschliesslich in Zürich, Lausanne, Bern oder Genf. Viele leben in kleinen Dörfern, wachsen in homophoben Familien auf oder in konservativen Kreisen. Es sind jene Schwulen, die Unterstützung brauchen. Ausserdem lebt die überwältigende Mehrheit der sechs Milliarden Menschen auf diesem Planeten nicht in der Schweiz. Vielerorts werden Homosexuelle ihrer Veranlagung wegen verfolgt und getötet. Versuchen wir daran zu denken, wenn wir das nächste Mal bei einer Gay Pride halbnackt auf einem Lastwagen durch die Strassen ziehen. Das Leben ist auf diesem Planeten nicht überall so rosig!»

Heirat, Partnerschaft: «Wer die «Schweizer Illustrierte» gelesen hat, ist vielleicht erstaunt, dass ich die Institution der Heirat nicht unterstütze. Meine Eltern haben sich scheiden lassen, als ich etwa 4 Jahre alt war. Während die Gesellschaft die Ehe im weitesten Sinne diskutiert und in Frage stellt, verlangen schwule Gruppen, an dieser Institution teilhaben zu können. Oder sie verlangen eine «schwule» Version. Dabei vergessen wir das Individuum, das aus dem einen oder anderen Grund sein Leben nicht mit einem Partner teilen kann oder will. Wollen Schwule sich in ein solches Schema pressen lassen, das zu einer Zweiklassen-Gesellschaft führen könnte? Eine Klasse der guten, assimilierten Schwulen, die zu zweit leben. Und jene der anderen Schwulen, die alleine leben und den «richtigen» Weg noch nicht gefunden haben. Ich habe einen Freund, weil ich für ihn etwas empfinde und er für mich. Aber ich darf diejenigen nicht verurteilen, die alleine leben. Ich war auch schon alleine und könnte es eines Tages wieder sein. Was die Erbfolge anbetrifft, die Mietverträge, das Besucherrecht in den Spitälern, sollten wir nicht eine Gesellschaft auf der Familie konstruieren, könnte eine «familiäre» Einheit nicht auch etwas anderes sein als zwei Personen, die sexuell miteinander verbunden sind? Sind wir nicht auf dem besten Wege, uns einzuschränken, statt neue Lösungen zu suchen? Ich stelle Fragen - die Antworten kenne ich nicht.»

Schwule, Kinder und Adoption: «Ein anderes schwieriges Thema. Ich denke, das Kind benötigt einen Mann und eine Frau um sich herum. Es ist nicht nur die Frage der Liebe, es ist auch eine Frage der psychosexuellen Identifikation in der Entwicklung des Kindes zum Erwachsenen. Für mich bedeuten Kinder die grösste Verantwortung, die Menschen wahrnehmen dürfen. Die Möglichkeiten, Kindern auch ohne Adoption zu helfen sind immens. Vielleicht sind sie nicht so befriedigend für das Ego, wie wenn man ein Kind selbst aufzieht - doch Kinder sind nicht da, um das eigene Ego zu befriedigen!

Kurt Büchler

 

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