Aufruhr im Netz

Amokläufer treibt im Internet mit Kontaktanzeigen sein Unwesen

Urs* wollte gerade seine Wohnung verlassen, da klingelte das Telefon. Als er den Hörer abhob, stöhnte ihm ein fremder Mann die Ohren voll und nuschelte: «Ich will Dich ohne Gummi ficken!» Urs war sprachlos. Erst der Hinweis des Anrufers, er beziehe sich auf eine Kontaktanzeige im Internet, das Urs unter gay.ch geschaltet habe, löste das Rätsel: Fremde hatten offenbar für den Mann - ohne dessen Wissen - ein Sex-Inserat aufgegeben, mitsamt Foto, zugehöriger Telefonnummer und der Aufforderung zu Unsafe-Sex. Urs war geschockt: Nie hätte er einen solchen Text unter seinem Namen veröffentlicht.

Daten im Internet sind frei verfügbar und werden nicht immer im Sinne der Absender verwendet. Das müssen derzeit auch schwule Surfer erfahren, die zwecks Blind-Date und Kontaktsuche vertrauliche Angaben ins Netz speisen. Ein Amok-Surfer verwertet das Material auf seine eigene Art. Erhält er vom Chat-Partner einen Korb, publiziert er dessen Angaben als Kontaktanzeige und schmückt diese mit frei erfundenen und persönlichkeitsverletzenden Details aus. Bisher handelt es sich beim Amok-Surfer um einen Einzelfall, doch das Beispiel könnte Schule machen. Trotzdem schalten sich im Netz immer mehr Schwule zu: Die Suche nach Kontakten ist dort einfacher und kürzer, als etwa in Magazinen. «Dem Internet gehört auch in diesem Bereich die Zukunft», zeigt sich ein Branchenkenner überzeugt.

Wer steckt hinter den Attacken? Recherchen beim zuständigen Zürcher «Rainbow-Net» brachte Klärung. Die IP (Identifikations-Adresse) des Amok-Surfers konnte mehrfach zurückverfolgt werden. Offenbar handelt es sich dabei um einen ehemaligen Chefprogrammierer einer renommierten Bank an der Zürcher Bahnhofstrasse, der heute unter psychischen Problemen leidet, arbeitslos und IV-Rente-Bezüger ist. Seine langen Tage und Nächte verbringt er vorwiegend im Netz - und treibt dort seine Spielchen - meistens unter gay.ch oder boys.ch. Als Rache für Absagen anderer User, schreibt er zu deren Personalien erfundene Vermerke wie «Ficke ohne Gummi» oder «Stehe total auf NS und KV» oder «Mag junge Buben» und publiziert diese im Internet. Obwohl bei den Homepage-Betreibern schon diverse Reklamationen eingegangen sind, wurden bis jetzt keine rechtliche Schritte gegen den Übeltäter unternommen. Die Kontaktanzeigen, die bis zu zwei Tagen im Netz verbleiben, wurden nach den Einsprachen vom Betreiber subito gelöscht.

Urs Jung, Verantwortlicher des Zürcher «Rainbow-Net», gegenüber Cruiser: «Betroffene sollten sich umgehend mit uns in Verbindung setzen, solange ihr Inserat noch aufgeschaltet ist. Dann haben wir die Möglichkeit, den Verfasser des Textes ausfindig zu machen und somit einen Beweis für eine Anzeige bei der Polizei sicherzustellen.»

Kontrollmöglichkeiten, die solche fingierten Inserate verhindern könnten, gibt es keine. Jung räumt ein, dass die Dienstleistungen auf «Rainbow-Net» gratis sind und damit kein Gewinn erwirtschaftet werde. «Wir verdienen mit gay.ch absolut nichts. Daher sind wir auch nicht interessiert, wenn Probleme auftauchen, stundenlang kostenlos zu recherchieren.» Sollten sich die Probleme mit Kontaktanzeigen auf dem Netz häufen, hat er bereits eine Lösung parat: «Dann stellen wir den Dienst ein.»

(*) Name von der Redaktion geändert.

Soll die Zukunft gehören:Kontaktanzeigen im Internet

 

 

Eine Internetlösung der