Lesben und Schwule am Arbeitsplatz
In der Schweiz fühlen sich 2/3 der ArbeitnehmerInnen benachteiligt oder werden gar disikriminiert

Udo Rauchfleisch ist Professor für Klinische Psychologie an der Universität Basel und Psychotherapeut mit eigener Praxis in Binningen/BL. Er publizierte verschiedentlich zu Fragestellungen um lesbische, schwule und bisexuelle Lebensweisen. Im nachfolgenden Interview mit Pietro Realini beantwortet er Fragen zum Thema Lesben und Schwule am Arbeitsplatz.

Wie häufig werden lesbische und schwule Mitarbeiter/innen diskriminiert? Haben Sie oder andere Arbeitspsychologen/innen - angesichts der Tatsache, dass etwa 5-7 % der Erwerbstätigen homosexuell veranlagt sind - entsprechende Untersuchungen durchgeführt?
Ja, es finden Diskriminierungen in einem erschreckend hohen Ausmass statt. Die Untersuchung aus der Schweiz von Andres Schneeberger weist auf auf eine Diskriminierungsrate von 65,3% hin. In einer Studie aus Deutschland ist sogar von 80,9% die Rede. Weitere Untersuchungen, vor allem zu Interventionskampagnen gegen solche Diskriminierungen, sind nötig, am besten vielleicht im Zusammenhang mit Kampagnen zum Verbot sexueller Belästigung am Arbeitsplatz.

Wie erfolgen solche Diskriminierungen in der Regel, welche Formen der Diskriminierung gibt es überhaupt?
Das Spektrum von Diskriminierungen ist sehr breit. Diskriminierend ist bereits die Tatsache, mit der eigenen sexuellen Orientierung und Lebensweise nicht wahrgenommen zu werden. Die Ausgrenzungen im engeren Sinne reichen von Lesben- und Schwulen-"Witzen" über abfällige Bemerkungen bis hin zur Nicht-Berücksichtigung bei Beförderungen und sogar manifester Gewalt. Die Untersuchungen weisen darauf hin, dass derartige Ausgrenzungen erhebliche negative Auswirkungen auf die psychische und körperliche Gesundheit der betreffenden Lesben und Schwulen haben.

Wie können Betroffene überhaupt feststellen, dass sie diskriminiert werden und wie kann man darauf reagieren?
Bei den direkten Formen von Ausgrenzung ist die Situation allen Beteiligten völlig klar. Schwieriger sind die indirekten Diskriminierungen. Hier besteht die Gefahr, dass man/frau Schwierigkeiten, die an der Arbeitsstelle auftreten, nur auf ihre sexuelle Orientierung beziehen, obwohl den Konflikten unter Umständen andere Ursachen zugrunde liegen. Hier gilt es, im Gespräch die Situation genau zu klären und dann eine Entscheidung zu treffen (direktes Angehen gegen die Diskriminierung, klärende Gespräche mit den Konfliktpartnern, Information von vorgesetzten Stellen oder allenfalls auch Kündigung).

Werden offen lebende Lesben und Schwule weniger diskriminiert, als solche die Ihre sexuelle Veranlagung verheimlichen?
Die erwähnten Untersuchungen und alle bisherigen Erfahrungen zeigen, dass es keine allgemein gültige, "richtige" Strategie gibt. Was im einen Fall der einzig richtige Weg ist (z.B. völlige Offenheit von Beginn an), kann in einem anderen Fall genau die falsche Strategie sein. Das macht die Situation für Lesben und Schwule am Arbeitsplatz ja auch so schwierig. Sie müssen auch hier, wie sonst in ihrem Leben, stets von Neuem entscheiden, wem - was - zu welcher Zeit.

Gibt es liberalere Berufsgruppen und solche, die generell eher dazu neigen, Lesben und Schwule zu diskriminieren?
Auch in dieser Hinsicht lassen sich keine allgemein verbindlichen Aussagen machen. Die stärksten Disrkiminierungen erfolgen im allgemeinen in Berufen mit stark hierarchischem Aufbau und traditionellen Männerrollen-Bildern. Besonders grosse Probleme haben MitarbeiterInnen im Dienst der katholischen Kirche und in freikirchlich-evangelikalen Gruppierungen, zum Teil aber auch in der reformierten Kirche. Auch Lesben und Schwule im Schuldienst bleiben oft verdeckt, um nicht dem (völlig absurden!) Vorwurf ausgesetzt zu sein, sie würden Kinder und Jugendliche zur Homosexualität "verführen". Eine wesentlich grössere Akzeptanz herrscht im allgemeinen in den künstlerischen Berufen.

Verschiedene Firmen haben eine Personalpolitik, die eine Diskriminierung verbietet. Wie werden solche Gebote durchgesetzt? Kennen Sie gute Beispiele in der Schweiz, wo eine solche Personalpolitik erfolgreich umgesetzt worden sind?
Im Grunde sollte ein Diskriminierungsschutz in allen Betrieben gewährleistet sein, da er unter die Bestimmungen des Verbots von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz fällt. Bekannt ist, dass die Firma NOVARTIS ausdrücklich eine Diskriminierung wegen der gleichgeschlechtlichen Orientierung untersagt und das Pensionskassenreglement eine Begünstigung gleichgeschlechtlicher Lebenspartner enthält, wenn vor dem Tod des/der Versicherten eine mindestens 5 Jahre dauernde Beziehung mit Unterstützungsvertrag bestanden hat.

Wurden Sie von Personalverantwortlichen schon angefragt, welche Elemente eine Personalpolitik enthalten sollte, wie sie kommentiert werden soll, damit eine erfolgreiche Umsetzung resultieren kann?
Ich bin bisher diesbezüglich noch nie angesprochen worden. Wie die erwähnte Studie aus Deutschland zeigt, sind sich die Personalverantwortlichen in vielen Betrieben wohl der Brisanz des Themas gar nicht bewusst und ziehen sich gerne hinter das Argument zurück: "Das ist bei uns kein Problem".

Worauf sollen Lesben und Schwule Ihrer Ansicht nach achten, wenn Sie eine neue Stelle suchen oder sich beruflich neu ausrichten wollen?
Am besten ist es natürlich, wenn sie schon Lesben und Schwule im neuen Betrieb kennen und von ihnen wissen, welche Atmosphäre dort herrscht. Wenn mehrere gleichwertige Stellen zur Auswahl stehen, kann es sinnvoll sein, ganz offen über die eigene sexuelle Orientierung zu sprechen und die Entscheidung von der darauf folgenden Reaktion abhängig zu machen.
Sinnvoll wäre es sicher auch, Diskriminierungserfahrungen den Lesben- und Schwulen-Verbänden zu melden. Die können intervenieren und, falls sich die Situation in dem betreffenden Betrieb nicht bessert, in ihren Informationen ausdrücklich vor einer Anstellung in diesen Betrieben warnen.

 

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