Von der Federboa zur Amtskette
Die steile Politkarriere einer transsexuellen Frau in Neuseeland

"Ich bin weltweit die erste transsexuelle Frau in einem nationalen Parlament", sagt Georgina Beyer selbstbewusst über sich. In ihrem Heimatland Neuseeland feiert die Presse sie als "Supreme Queen". Wo sie auftritt, wird die 43-jährige mit stehender Ovation begrüsst.
Die Karriere vom Mann zur Frau und aus dem Rotlichtmilieu in die Weltpresse war steinig. Die 1957 als George Betrand in Wellington geborene Beyer war bis vor gut zwölf Jahren hauptsächlich in den Rotlichtvierteln von Auckland, Wellington und Sydney bekannt, wo die transsexuelle Frau ihre Dollars durch Prostitution und Travestieshows verdiente. Gelegentliche Ausflüge ins "ernstere" Showgeschäft mit kleinen Filmrollen brachten ihr den Sprung zur Filmkarriere nicht. "Ich wurde fast immer nur für Rollen als Prostituierte oder Drag Queen angefragt."

Mitte der Achtzigerjahre, die konservative Farmer- und Bauerngesellschaft Neuseelands befand sich im Umbruch, sollte auch die Zeit der Veränderung für Beyer werden. Eine der Debatten war die erbitterte Diskussion über die Legalisierung der Homosexualität. "1985 hatten die Menschen Angst, die Entkriminalisierung der Homosexualität werde die Gesellschaft tiefgreifend und negativ verändern. Heute wissen wir, dass die Gesellschaft tatsächlich tiefgreifend verändert wurde. Sie ist sehr viel toleranter und offener geworden", erinnert sich Peter Wells, Regisseur des 1985 gedrehten Films "Jewel Star". Er habe damals zwei Jahre mit den Zensurbehörden des Landes ringen müssen, bis sein Film "ein Tag im Leben einer Transsexuellen" im Fernsehen gezeigt wurden durfte. Der Film erhielt dann jedoch fünf Nominierungen für den neuseeländischen Fernsehpreis GOFTA. Darunter den für die beste Hauptdarstellerin. Und das war Georgina Beyer.

Keine vier Jahre später begann Georgina Beyer, eher zufällig, ihre politische Karriere, die sie innerhalb von gerade mal neun Jahren von der Aktivistin gegen Kürzungen im Sozialetat zur international bekannten Parlamentsabgeordneten werden liess.
Anfang der 90er-Jahre hatte Beyer jedoch genug vom Leben in der Stadt und zog von Wellington ins nahegelegene, ländliche Carterton, wo sie einem Bekannten über den Weg lief. Der bot ihr einen Job als Schauspiellehrerin im Gemeindezentrum an.
Es war dieser Job, der sie geradewegs von der Federboa zur güldenen Amtskette des Bürgermeisters führen sollte. "Durch die Arbeit im Gemeindezentrum wurde mein soziales Gewissen geweckt", erinnert sich Beyer, die 1991 ihr politisches Engagement als Aktivistin gegen Kürzungen im Sozialetat von Carterton begann. 1993 liess sie sich von Freunden und Mitstreitern zu einer Kandidatur für einen Sitz im Stadtrat drängen und wurde zur grossen Überraschung aller gewählt. Nur ein Jahr später kürten die Bauern und Schafzüchter den neuen Politstar zu ihrer Bürgermeisterin.

In Beyers erstem Wahlkampf war ihre Transsexualität ein grosses Medienthema. "Ich war 17, als ich begann, alles Männliche in mir zu zerstören". Die von Maoris abstammende Beyer hatte sich selbst geoutet. Einen Monat vor ihrer Wahl in das Parlament Neuseelands veröffentlichte sie ihre Biografie "Change For The Better". "Die Wähler haben das Recht genau zu wissen, wer sich um ein Mandat bemüht", findet Beyer. Ihre Wiederwahl 1998 mit rund 90 Prozent der Stimmen war ein Erdrutschsieg. Offene Anfeindung wegen ihrer Transsexualität erfährt Georgina Beyer nicht. "Georginas Gegner", ist sich Regisseur Peter Wells sicher, "trauen sich nicht aus der Deckung heraus. Dazu ist Georgina zu beliebt. Aber die ‚Betonköpfe' laueren nur darauf, dass Georgina einen falschen Zug macht, und dann kommen sie aus dem Unterholz."

Das Verhältnis zu ihrer Familie ist distanziert. "Mich erfüllt es heute noch mit Bitterkeit, dass vor allem mein Bruder und meine Schwester nicht da waren, als ich sie am meisten benötigte." Ihre wichtigste Vertrauensperson und engste Freundin ist seit den Coming-Out-Tagen die opulente Carmen. Die heute 65-jährige, die schon in den prüden 50er und 60er Jahren als Transsexuelle in ganz Neuseeland bekannt war, ist "unsere Stammesälteste", sagt Beyer.

Es bedurfte zweier Anläufe der heutigen Ministerpräsidentin Helen Clark, um Beyer zum Einstieg in die landesweite Politik zu überreden. "Das erste Mal habe ich abgelehnt. Ich war glücklich in meinem Job als Bürgermeisterin." Im Herbst 1999 gab sie dem erneuten Werben der Labourpolitikerin nach. Die Rechnung Clarks, die mit der Kandidatur Beyers die Weltoffenheit und Liberalität ihrer Partei unterstreichen wollte, ging auf. Georgina Beyer eroberte in dem lange als konservative Hochburg geltenden Wahlkreis Wairarapa das Direktmandat. Für eine zweite Amtszeit steht Beyer nicht zur Verfügung. Sie will sich wieder stärker für die Menschenrechte von Schwulen, Lesben und Transsexuellen einsetzen und dafür auch auf internationaler Ebene ihren Ruhm als "erste transsexuelle Parlamentsabgeordnete" nutzen.

Für ihre Prominenz und ihren Kultstatus zahlt Beyer auch ihren Preis. Die 43-jährige ist Single und macht sich wenig Hoffnung auf einen festen Partner. "Zum einen müsste der mit dem Medienrummel klarkommen. Und zum anderen muss ein Mann, der sich mit einer transsexuellen Frau einlässt, sich zwangsläufig mit seiner eigenen Sexualität und seiner Rolle als Mann auseinander setzen. Das zusammen ist für die meisten zu viel." Selbst mal einen Mann für die Nacht "aufzureissen" traut sie sich in Neuseeland nicht. "Ich habe immer die Befürchtung, dass jemand sein Sexabenteuer mit ‚der Beyer' brühwarm an die Medien weiterreichen könnte." Für Vergnügungen dieser Art reise sie gelegentlich nach Sydney.

Michael Lenz

 

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