Jamaika, das verlorene Paradies
Der Traum der Karibik wird demontiert.

Meilenweit nur Sandstrand, Palmen und Sonne, ein paar Schluck Tequila, Reggae-Musik. Sonne, Sex und Sünde komen in den Sinn, wenn man an die Karibik denkt. Die tropischen Träumereien, die Sehnsüchte des nebelgeplagten Europäers, der 40 und Wochen schuftet, um ein paar Wochen auszuspannen, diese Träumereien können schnell in Albträume umschlagen, wenn die Destination Jamaika heisst. Denn ausgerechnet auf der für Reggae-Klänge und Marihuana - das lokale Kraut heisst "ganja" - bekannten Insel weht nicht nur für Schwule und Lesben ein steifer Wind.

Das Land kämpft um um sein touristisches Überleben. Denn über 500 Morde und 170 Erschiessungen durch eine wildgewordene Polizei, alleine zwischen Januar und Juni dieses Jahres, sind kein Aushängeschild. Jamaika verzeichnet weltweit die höchste Rate an Toten per capita, die durch Armee und Polizei ums Leben kamen. Zugegeben, kein schönes Bild. Aber für Schwule heute wichtiger zu wissen als je zuvor.

"Schwule und Lesben auf Jamaika, oder solche, die auch nur im Verdacht stehen, schwul zu sein, sind regelmässig die Opfer von Polizeibrutalität, Verfolgung und Folter", schreibt Amnesty International in einem kürzlich publizierten 80-seitigen Bericht mit dem bezeichnenden Titel "Killings and violence by the Police - how many more victims?" Tatsache ist, dass Jamaika unter Regierung des Percival James Patterson, dessen Partei seit 13 Jahren an der Macht ist, immer mehr in Richtung Bananenrepublik abrutscht.

Patterson und seinem Polizei- und Justizminister K. D. Knight, der seit einem Jahrzehnt ganz offensichtlich die Gestapo als Vorbild hat, ist es anzulasten, dass die weit verbreitete Homophobie breiter Bevölkerungsschichten in den vergangenen Jahren noch geschürt wurde. Premier Patterson, der knackigen jungen Männern selbst nicht abgeneigt ist (das Gerücht hält sich schon seit zwei Jahrzehnten) tat erst vor zwei Monaten das Seine, um den Hass gegen Homosexuelle weiter anzuheizen: erst rühmte er sich im Parlament und sagte: " So lange ich Premierminister dieses Landes bin, wird kein Homosexueller je ein öffentliches Amt bekleiden"; ein paar Wochen später, ungefragt und ohne Anlass, tat er einer verdutzten Bevölkerung kund via Radio, dass er "einen unbefleckten heterosexuellen Leumund habe". Das zu einer Zeit, wo Jamaika nun wirkliche Probleme zu lösen hat: vor zwei Wochen wurden 30 Zivilisten, darunter Kinder und Alte, in einem von den internationalen Medien als "Krieg" bezeichneten Wochenende der Gewalt, von der Polizei, meist von hinten, regelrecht abgeschlachtet. Dies, nachdem erst im März dieses Jahres 7 Jugendliche durch Nackenschüsse von der Polizei exekutiert wurden. Durch die selben Polizeikräfte, die vor Tagen einen ganzen Stadteil terrorisierten. Die "Eliteeinheit", das berüchtigten "Crime Management Unit".

Es soll hier nicht darum gehen zu eruieren, warum Patterson seine Neigung abstreitet. Es soll auch nicht darum gehen, jemanden zu finden, der diesen Volksverhetzer "outen" könnte. Es geht darum, aufzuzeigen, dass Jamaika nicht nur für Schwule und Lesben heute "jenseits von Eden" ist. Es ist ein Land, wo die Menschenrechte mit Füssen getreten werden, wo Menschen, die nur schon im Verdacht stehen, schwul zu sein, degradiert und in Polizeihaft vergewaltigt werden. Amnesty schreibt: "Schwule und Lesben sind auf Jamaika massiven Vorurteilen ausgesetzt. Sexuelle Akte zwischen Männern sind kriminelle Handlungen, die mit Gefängnis und Zwangsarbeit bestraft werden. Diese Gesetze werden von der Regierung (Patterson) auf das Vehementeste verteidigt."

Wichtige Aufgaben, wie AIDS Aufklärung, leiden unter diesem Regime besonders (die stetig wachsende Zahl der HIV Fälle ist dementsprechend horrend) . Ein Sozialarbeiter, der zur AIDS-Bekämpfung Kondome an Prostituierte verteilte, wurde von der Polizei festgenommen, trotz Identitätskarte, die ihn als Sozialarbeiter auswies und zu dieser Arbeit legitimierte. Er wurde unter schlimmsten Bedingungen während 9 Stunden von der Polizei verhört; es wurde ihm während dieser Zeit weder gestattet, mit einem Anwalt oder seiner Familie Kontakt aufzunehmen. Nach stundenlangen Drohungen und übelsten Beschimpfungen durch die Polizei wurde er schliesslich mitten in der Nacht freigelassen. Dass er mit Amnesty International sprach, ist das Eine. Dass er keine Anzeige erstattete, ist das Andere: die Angst vor weiterer Verfolgung, Folter durch die Polizei bis hin zum Totschlag sitzt tief auf Jamaika. Nicht nur bei Schwulen.

Und das Paradies? Einen schweren Stand haben die Freunde bei J-Flag, einer Organisation von Schwulen und Lesben, die krampfhaft versucht, etwas Toleranz in die unmenschliche Haltung der Regierung Patterson zu bringen. Dass dies unter den geschilderten Gegebenheiten heute (noch) ein hoffnungsloses Unterfangen bleiben muss, versteht sich von selbst. Dass J-Flag und andere kleine Gruppen Unterstützung suchen, ist auch klar. Dass "Ferien für Schwule" im tropischen Paradies Jamaika in der Anonymität und hinter fest verschlossenen Türen stattfinden müssen, braucht nicht weiter hervorgehoben zu werden. Dass Jamaika für Ferien bis auf weiteres ein "no-no" bleiben muss, steht zumindest für uns fest. Für uns, die auf der ehemals paradiesischen Insel überleben.


Die Schweizer Menschenrechtsgruppe ADHOC Group for Human Rights (www.adhoc-group.org) widmet sich der Verbesserung der Menschenrechtslage auf Jamaika. ADHOC hat daneben auch einen Tourismusführer in Vorbereitung, der klassische Ferienziele nach Kriterien der Menschlichkeit und Toleranz beurteilen wird. Ein Besuch der Website sei empfohlen - Links zu Amnesty sind aufgeführt. ADHOC ist auch bereit, die wenigen Lokale und Hotels anzugeben, wo Schwule und Lesben auf Jamaika willkommen sind, falls verlässliche Angaben vorhanden sind. Bei Anfragen an information@adhoc-group.org bitte den Betreff "Cruising" aufführen.

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