Ich bin schwul - und das ist gut so....
Goldene Amtsketten statt rosa Winkel

Mit einem Satz hat sich der amtierende Regierende Bürgermeister Berlins, Klaus Wowereit, in die Geschichte katapultiert. Der Sozialdemokrat outete sich vor seinen Genossen und der Öffentlichkeit als schwuler Mann und beendete seine Enthüllung mit: "Und das ist gut so!" Wowereit ist in diesen Tagen der prominenteste schwule Bürgermeister. Er ist aber weder der erste noch der einzige.

Für das US-Nachrichtenmagazin TIME zählt Harvey Milk zusammen mit den Kennedys, Marilyn Monroe, Che Guevara und Prinzessin Diana zu den einhundert bedeutendsten Persönlichkeiten des vergangenen Jahrhunderts. Milk war 1977 der erste offen homosexuelle Politiker, der je in ein öffentliches Amt gewählt wurde. "Milk hat für Heterosexuelle und Homosexuelle gleichermaßen neue Maßstäbe gesetzt und gezeigt, dass Schwule und Lesben ein aufrechtes Leben führen und Erfolg haben können", schreibt TIME. Der Bürgermeister von San Francisco bezahlte jedoch für seinen Mut und seine Offenheit mit dem Leben. Milk wurde im November 1978 zusammen mit seinem Bürgermeisterkollegen George Moscone in dessen Amtszimmer erschossen. Motiv: Schwulenhass. Der Täter war der Stadtrat Dan White. Der Fall wurde rasch zum Stoff vieler Bücher und Filme. Mitte der 90er-Jahre wurde sogar eine Oper über das Drama um Harvey Milk auf die Bühne gebracht. Die "Zeit" bezeichnete das Werk als "erste offizielle Schwulenoper der Musikgeschichte".

Von Neuseeland bis Katni, von Tel Aviv bis Aberystwyth, von Mexiko City bis Paris finden sich heute die Nachfolger Milks in Stadträten und auf Bürgermeistersesseln. So wählten die Bürger im walisischen Aberystwyth im Mai vergangenen Jahres die offen lesbische Jaci Taylor zu ihrer Bürgermeisterin. "Vor zwanzig Jahren wäre das ein Skandal gewesen, aber die Welt und Aberystwyth haben sich weiterentwickelt", freute sich Taylor nach ihrer Wahl.

Im indischen Katni konnte im vergangenen Dezember die Analphabetin Asha Devi mit sozial- und bildungspolitischen Themen und der Unterstützung von Shabnam Mausi die Wahl zur Bürgermeisterin für sich entscheiden. Devi war nach Mausi, Abgeordnete im Parlament von Madhya Pradhesh, die zweite Angehörige aus der verachteten Kaste der "Hirjas", der Eunuchen, die je in ein öffentliches Amt gelangte.

In Neuseeland startete 1993 die kometenhaften Politkarriere von Georgina Beyer. Die Schafzüchter und Bauern der Kleinstadt Carterton wählten die transsexuelle Frau zwei Mal in Folge zu ihrer Bürgermeisterin und im November 1999 mit überwältigender Mehrheit in das Parlament von Neuseeland. Beyer, die aus ihrer Transsexualität und ihrer Vergangenheit als Sexarbeiterin nie einen Hehl gemacht hat, sagt: "Die Wähler glauben, wer so offen mit sich selbst umgeht, der wird auch ehrlich zu uns sein."

Von wütenden Protesten orthodoxer Juden war die Kandidatur von Michal Eden für den Stadtrat von Tel Aviv begleitet. Im israelischen Wahlkampf im Februar diesen Jahres hatte Eden unter dem Slogan "Setzt die Zukunft nicht aufs Spiel. Keine Rückkehr zu der Zeit der Heimlichkeiten" den Wahlkampf für Ex-Ministerpräsident Ehud Barak in der Gay Community Israels organisiert.

In den USA hat es sich der Gay and Lesbian Victory Funds sich zur Aufgabe gemacht, schwul-lesbische Kandidaten für öffentliche Ämter zu unterstützen. "Seit unserer Gründung 1991 haben wir die Zahl offen schwuler und lesbischer Mandatsträger vom Stadtrat bis zum Kongressabgeordneten von 49 auf 159 verdreifachen können", freut sich der Siegesfonds auf seiner Website. Im nördlichen Nachbarland Kanada gibt es mit Glen Murray in Winnipeg erst einen schwulen Bürgermeister. "Aber im Parlament sind mit Svend Robinson und Real Menard gleich zwei offen schwule Politiker", betont George Hartsgrove von der Organisation Equality for Gays and Lesbians Everywhere. Zudem sei erst im Juni diesen Jahres der schwule Mann Laurie Lapierre zum Senator ernannt worden.

In Down Under spannt sich ein schillernder Regenbogen von Westaustralien bis Queensland Osten. Im Parlament von Perth gibt es einen schwulen Abgeordneten. Einige hundert Kilometer weiter östlich eroberte die transsexuelle Bordellbesitzerin und Vorsitzende des Damen-Dart Vereins Lee in der Goldgräberstadt Boulder-Kalgoorlie einen Sitz im Stadtrat. Ihr Wahlslogan: "Habt den Mut, anders zu sein." Der Rat von South Sydney hat gleich drei schwule Mitglieder und mit John Fowler einen schwulen Bürgermeister. In Brisbane gelang der Drag Queen Tamara Tonite mit einem dritten Platz bei den Bürgermeisterwahlen ein unerwarteter Überraschungserfolg.

Inzwischen gibt es sogar eine "Internationale Vereinigung von Schwulen, Lesben und Transsexuellen in öffentlichen Funktionen", abgekürzt INGLO. Die Organisation hat ihre Mitglieder zur Weltkonferenz am 18. November in die US-Hauptstadt Washington eingeladen. "Die Konferenz bietet eine einzigartige Gelegenheit, Erfahrungen auszutauschen und sich gegenseitig zu unterstützen", betonte die kanadische INGLO-Vorsitzende Mary-Woo Sims.

Milk hätte sicher den INGLO-Mitgliedern eine Lektion in Selbstbewusstsein erteilt. Der gelernte Finanzmakler und Opernfreund liebte den großen Auftritt. Was seine Gegner als "öffentlichkeitsgeil" bezeichneten, war für den Politiker ein Mittel zum Zweck. Milke wusste, dass gerade die Unsichtbarkeit der Homosexuellen zur ihrer Unterdrückung beiträgt. " So empfahl Milk seinen Mitstreitern: "Nehmt nie den Aufzug, wenn auch eine Marmortreppe da ist."

Michael Lenz

 

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