Stürmische Liebe zum Stürmer
Schwule und Fussball: Hertha-Junxx ist der erste Bundesliga-Fanclub mit Regenbogenfahne.

Beim Jubeln nach dem Tor liegen sie herzhaft aufeinander. Die Spieler kopulieren auf oder mit dem Rasen, tatschen sich den Hintern, halten Händchen, rubbeln sich die Haare. Beim Fussball kann der gewöhnliche Mann seine gleichgeschlechtlichen Potenziale pflegen. Auf dem Spielfeld und auf den Rängen. Kernige Rituale sichern die Unterschwelligkeit der Homoerotik. Denn schwul wollen sie ganz bestimmt nicht sein, die Spieler der Fussball-Bundesliga. Und die meisten Fans wohl auch nicht.
Trotz aller stürmischen Liebe zum Stürmer gilt Fussball als Domäne der Heteros. Doch es tut sich was im Stadion: In Berlin wurden jetzt die Hertha-Junxx gegründet, der erste offizielle schwule Bundesliga-Fanclub bundesweit. Zwölf Mitglieder, darunter eine Lesbe, schwenken derzeit die Regenbogen-Fahne mit dem Logo von Hertha BSC. «Dass Schwule sich nicht für Fussball interessieren, ist doch ein ähnliches Vorurteil wie das, dass es keine schwulen Bauarbeiter gibt», sagt Stephan Meyer-Kohlhoff. Der 38 Jahre alte Schauspieler, der seit drei Jahren alle Heimspiele der Hertha im Olympiastadion verfolgt, kam auf die Idee mit dem Fanclub.
Den Hertha-Junxx geht es neben dem Spass auch um «Sichtbarkeit», Schwule sollen sich zu erkennen geben - zumindest auf den Rängen. Dass sich schwule Bundesliga-Spieler outen, hält Meyer-Kohlhoff «für eher unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich». Derweil träumen die Hertha-Junxx vom eigenen Fan-Block. Momentan fallen sie aber noch nicht so sehr auf. Das Stadion ist gross. Und die Hertha hat immerhin 679 Fanclubs mit insgesamt rund 13'000 Mitgliedern.

Und welche Rolle spielen die Schauwerte, das Aussehen der Spieler? «Das nimmt man eher am Rande wahr wie einen schönen Mann in der U-Bahn», sagt der 34-jährige Bernhard Weinschütz, schwuler Hertha-Fan und Politiker der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus. «Man guckt doch nicht Fussball, weil man da Männer sehen will», meint auch Florian Bischoff, ein 23 Jahre alter Software- Entwickler. Auf hübsche Gesichter achtet er «eher bei der EM oder WM, wenn die Hymnen gespielt werden». Fanclub-Gründer Meyer-Kohlhoff dagegen räumt ein, sich schon mal ein Bayern-Spiel «extra wegen Roque Santa Cruz» anzusehen. Und ist Deisler nun hübsch oder nicht? «Also erst mal ist er jung», sagt Meyer- Kohlhoff. «Und er hat keine Zeit für eine Freundin», ergänzt Bischoff.
Aufgeschlossen gegenüber den schwulen Fans zeigen sich die Vereinsleitung und die Fan-Beauftragten von Hertha. «Wir finden das Klasse. Bei uns ist jeder willkommen, der sich positiv mit dem Verein identifiziert», sagt Hertha-Sprecher Hans-Georg Felder. «Es geht ja um die Sache. Die tun nichts anderes als andere Fanclubs.» Schwule Unterstützer machen sich vielleicht auch deshalb ganz gut für den Verein, weil rechte und gewalttätige Anhänger immer wieder das Hertha-Image belasten. «Die können ganz froh sein, dass sie uns haben», so Meyer-Kohlhoff.
Das Zusammentreffen mit den Hetero-Fans lief bislang glimpflich ab. Es gab abfällige Bemerkungen, aber keine üblen Beschimpfungen oder Bedrohungen, sagt Meyer-Kohlhoff. «Es ist fast schon ein eigenartigeres Gefühl, in Fan-Montur in eine Homo-Bar zu gehen, als mit Regenbogenfahne ins Stadion.» In der Schwulenszene werden die Trikot-Träger komisch beäugt. Ganz entspannt ist die Lage im Olympiastadion aber nicht.«Schwule, Schwule», bekamen die Hertha-Junxx von anderen Fans zu hören. So werde üblicherweise die gegnerische Mannschaft beschimpft, sagt Meyer-Kohlhoff. Sich mit der Regenbogenflagge direkt in den Fan-Block zu setzen, halten die Schwulen allerdings für zu riskant. Sie sitzen im Oberring darüber.

Und was meinen die anderen Fanclubs zu den Hertha-Junxx? Ohne Begeisterung, aber politisch korrekt begrüsst der FCB, der grösste unter den Clubs (566 Mitglieder), die gleichgeschlechtlichen Kollegen. «Absolut nichts dagegen», hat Club-Chef Lutz Bartels. «Warum auch. Muss doch jeder wissen, was er macht.» Johannes Schmidt vom HFC, dem ältesten Hertha-Fanclub, äussert sich reservierter: «Ich bin Jahrgang 1937. Ich bin aus einer anderen Zeit. Darf ich dazu auch nichts sagen?»
Hans-Hermann Kotte


Mit Genehmigung der DIZ München aus der Süddeutschen Zeitung, 4.9.01

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