Schwarz und Pink in Australien
Eine Minderheit grenzt eine Minderheit aus

Australien ist ein Einwandererland. Über die Hälfte der australischen Staatsbürger sind nicht in Down Under geboren. Sie haben China und Chile, Portugal und Polen, Vietnam und Venezuela verlassen in der Hoffnung auf Glück und Wohlstand.
Kein Wunder, dass in den Schwulenszenen von Melbourne oder Sydney «Wo kommst du her» noch vor «Worauf stehst du» die am häufigsten gestellte Frage ist - und auf die auch jeder eine Antwort weiss. So wie Dean stolz erzählt, wie er vor vier Jahren aus seinem Heimatland Mazedonien auswanderte. Oder Tony seine italienisch-irische Abstammung betont und in einem Nebensatz erwähnt, dass seine Mutter ihre Vorfahren auf die Erste Flotte zurückführen kann. Sie kamen als Sträflinge aus England.

Jack könnte auch erzählen, wann seine Vorfahren nach Down Under gekommen sind. Nämlich vor rund 50'000 Jahren. Aber das behält Jack in der schwul-lesbischen Szene Sydneys lieber für sich. Und gibt vor, einen indischen Hintergrund zu haben. Das ist sicherer. Aboriginals sind in der Gay Community ebenso ungerne gesehen, wie in der ganzen australischen Gesellschaft. Deborah Cheetham sagt, es sei ihr leichter gefallen, sich «als Lesbe zu outen, denn als Aboriginal». Jedoch wohl fühlte sie sich auch in der Gay Community nicht. «Es gab Zeiten, da war es für liberale Australier politisch korrekt, einen Aboriginal zum Freund zu haben. Wenn man wie ich lesbisch und schwarz ist, war es für diese Leute umso schicker, mich einzuladen», klagt die international bekannte Sopranistin.

«Die Szene ist rassistisch», zu diesem harten Urteil kommt Steven Ross, Direktor im Ministeriums für Aboriginals im Teilstaat New South Wales. Trotzdem gehe er aus, auch in die Bars der Oxford Steet, dem schwul-lesbischen Zentrum Sydneys. Aber nicht zu oft. Die meisten seiner Freunde seien heterosexuell und - wie er - Aboriginals. Er sei in erster Linie Aboriginal und dann schwul, betont er. «Ich war Aboriginal lange bevor ich schwul war. Meine Aboriginal-Identität hat deshalb einen stärkeren Anteil an meiner Persönlichkeit als mein Schwulsein.»
Die 600 000 Zuschauer der Mardi-Gras-Parade jubelten im vergangenen Jahr den 700 schwulen und lesbischen Ureinwohnern und ihren Freunden zu. Die Gruppe Black-White-Pink wurde angeführt von den höchsten Repräsentanten der eingeborenen Australier.

Geoff Clark, der Vorsitzende der Dachorganisation der Aboriginals marschierte Arm in Arm mit Pauline Pantsdown, der fleischgewordenen Satire auf die rassistische Politikerin Pauline Hanson, in der Parade mit.
Gary Lee, Autor einer australienweiten Studie über die Situation schwuler und transsexueller Aboriginals, weiss auch über die Probleme, denen sich schwule und lesbische Aboriginals in der schwarzen Gemeinschaft gegenübersehen. Es gebe zwar Hinweise, dass es vor der Ankunft der Weissen 1778 gleichgeschlechtliche Beziehungen ebenso unter jungen Aboriginals wie auch zeitlich begrenzte Beziehungen zwischen älteren Männern und jüngeren gegeben habe. Jedoch habe die von den Kolonialherren aufgezwungene «christlich-jüdische» Moralvorstellung die Einstellung der Ureinwohner gegenüber (Homo-)Sexualität verändert.

Schwule Aboriginals müssen zwei Coming-Out-Prozesse durchmachen: als Schwuler und als Aboriginal. Um dann zu erleben, in der Gay Community als Aboriginal, in der schwarzen Gemeinschaft als Schwuler und im Rest der Gesellschaft als Schwuler oder Lesbe und als Ureinwohner ausgegrenzt zu werden. Viele zerbrechen an diesen Konflikten und greifen zu Alkohol und Drogen, weiss Lee. Und werden anfälliger für HIV-Infektionen und andere sexuell übertragbare Krankheiten. Ein Schicksal, das die Aboriginals mit den meisten eingeborenen Völkern in dieser Welt teilen. «Die Bedeutung von Sexualität und sexueller Orientierung als Merkmale von Identität stehen oft im Schatten anderer wichtiger Probleme, denen sich eingeborene Völker überall auf dieser Welt gegenübersehen», kritisiert Wendy Brady. Das zu ändern ist ein Ziel der Konferenz «This First Cultures: Race, Sexuality and Identity», die im Rahmen der Gay Games im November diesen Jahres in Sydney stattfinden wird.
Auch in der diesjährigen Mardi-Gras-Parade marschierte Black-White-Pink über die «queere Meile» Oxford Street. «Unsere Gruppe erinnert daran, dass das Thema Gerechtigkeit für eingeborene Australier noch immer aktuell ist und daran, dass wir nicht lockerlassen.»

Michael Lenz

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