|
Schwarz und Pink
in Australien Australien ist ein
Einwandererland. Über die Hälfte der australischen Staatsbürger
sind nicht in Down Under geboren. Sie haben China und Chile, Portugal
und Polen, Vietnam und Venezuela verlassen in der Hoffnung auf Glück
und Wohlstand. Jack könnte auch erzählen, wann seine Vorfahren nach Down Under gekommen sind. Nämlich vor rund 50'000 Jahren. Aber das behält Jack in der schwul-lesbischen Szene Sydneys lieber für sich. Und gibt vor, einen indischen Hintergrund zu haben. Das ist sicherer. Aboriginals sind in der Gay Community ebenso ungerne gesehen, wie in der ganzen australischen Gesellschaft. Deborah Cheetham sagt, es sei ihr leichter gefallen, sich «als Lesbe zu outen, denn als Aboriginal». Jedoch wohl fühlte sie sich auch in der Gay Community nicht. «Es gab Zeiten, da war es für liberale Australier politisch korrekt, einen Aboriginal zum Freund zu haben. Wenn man wie ich lesbisch und schwarz ist, war es für diese Leute umso schicker, mich einzuladen», klagt die international bekannte Sopranistin. «Die Szene ist
rassistisch», zu diesem harten Urteil kommt Steven Ross, Direktor
im Ministeriums für Aboriginals im Teilstaat New South Wales. Trotzdem
gehe er aus, auch in die Bars der Oxford Steet, dem schwul-lesbischen
Zentrum Sydneys. Aber nicht zu oft. Die meisten seiner Freunde seien heterosexuell
und - wie er - Aboriginals. Er sei in erster Linie Aboriginal und dann
schwul, betont er. «Ich war Aboriginal lange bevor ich schwul war.
Meine Aboriginal-Identität hat deshalb einen stärkeren Anteil
an meiner Persönlichkeit als mein Schwulsein.» Geoff Clark, der Vorsitzende
der Dachorganisation der Aboriginals marschierte Arm in Arm mit Pauline
Pantsdown, der fleischgewordenen Satire auf die rassistische Politikerin
Pauline Hanson, in der Parade mit. Schwule Aboriginals
müssen zwei Coming-Out-Prozesse durchmachen: als Schwuler und als
Aboriginal. Um dann zu erleben, in der Gay Community als Aboriginal, in
der schwarzen Gemeinschaft als Schwuler und im Rest der Gesellschaft als
Schwuler oder Lesbe und als Ureinwohner ausgegrenzt zu werden. Viele zerbrechen
an diesen Konflikten und greifen zu Alkohol und Drogen, weiss Lee. Und
werden anfälliger für HIV-Infektionen und andere sexuell übertragbare
Krankheiten. Ein Schicksal, das die Aboriginals mit den meisten eingeborenen
Völkern in dieser Welt teilen. «Die Bedeutung von Sexualität
und sexueller Orientierung als Merkmale von Identität stehen oft
im Schatten anderer wichtiger Probleme, denen sich eingeborene Völker
überall auf dieser Welt gegenübersehen», kritisiert Wendy
Brady. Das zu ändern ist ein Ziel der Konferenz «This First
Cultures: Race, Sexuality and Identity», die im Rahmen der Gay Games
im November diesen Jahres in Sydney stattfinden wird. Michael Lenz |