Gay Touristen - die neue Zielgruppe
Berlin, Toronto, Sydney und Zürich setzen auf die grossen Events

Schon der deutsche Schriftsteller Kurt Tucholsky erkannte den grenzüberschreitenden Trieb von Schwulen und Lesben. «Es gibt nur drei wahrhaft internatio-
nale Mächte», lästerte der Satiriker vor über 70 Jahren, «und das sind Standard Oil, die Katholische Kirche und die Homosexuellen.»

Gay Marketing für die Limmatstadt

Susanne Staiger, «Leiterin Leisure» bei Zürich Tourismus, bemüht weniger pathetische Vergleiche, um die Attraktivität des rosa Reisemarktes zu beschreiben: «Diese Zielgruppe ist grösser als zum Beispiel die Zahl Fussballfans in Deutschland oder der Bauern in der Schweiz.» Kein Wunder, dass sich auch die Stadt an der Limmat anschickt, sich als schwulenfreundliche Metropole rauszuputzen. «Gay Marketing wird ein wichtiger Bestandteil der touristischen Vermarktung Zürichs.» Zürich Tourismus habe sich zum Ziel gesetzt, das Image der Stadt als Wirtschaftsmetropole in Richtung Freizeitmetropole zu verändern.

Touristik-Messen mit schwullebischen Angeboten

Frau Staiger reiste daher zur diesjährigen Internationalen Tourismusbörse Berlin in der Absicht, die «G(ay) & L(esbian) Strategie von Städten wie Berlin, Wien und Frankfurt zu durchleuchten». Diese Form der «Betriebsspionage» war einfacher denn je. Erstmalig präsentierten sich auf der weltgrössten Tourismusmesse Unternehmen und Destinationen mit ihren schwullesbischen Produkten und Dienstleitungen «Gay & LesbianTravel» in einer Spezial-Expo.
Studien des schwul-lesbischen Marktes aus den USA und Europa zeigen, dass Schwule und Lesben ein überdurchschnittlich hohes verfügbares Einkommen haben und bereit sind, einen guten Teil davon für Reisen auszugeben. Mit einem geschätzten Wert von 54 Milliarden Dollar jährlich ist die Gay Community der USA die umworbenste Zielgruppe überhaupt.
Schweiz Tourismus beackert den schwul-lesbischen Markt in den USA seit drei Jahren. «Seit einem Jahr arbeiten wir aktiv mit den Web-Portalen Gaywired.com, Lesbianation.com, QTMaga-zine.com und Gayjet.com».

Mega-Events sind keine Garantie für Gay-Touristen

Jedoch scheint die Rechnung Party plus Parade gleich volle Kassen nicht immer aufzugehen. Gut 40 Prozent weniger internationale schwul-lesbische Touristen hatten im vergangenen Februar den Weg zum Mardi Gras in Sydney gefunden, schätzen Experten. Die vor allem unter US-Bürgern verbreitete Reiseangst als Folge des 11. September als Ursache scheidet aus.
Eine im vergangenen Oktober in den USA durchgeführte Umfrage hatte ergeben, dass Schwule und Lesben sich von der Terrorgefahr nicht schrecken lassen.
66 Prozent sagten, sie würden mindestens drei Urlaubsreisen pro Jahr unternehmen.
Die Mardi-Gras-Veranstalter räumten ein, dass den Gays das Geld nicht so locker sitzt: «Wir haben damit gerechnet, dass durch die Gay Games die Besucherzahlen in diesem Jahr und im nächsten leicht abnehmen».
In der Tourismus-Branche herrscht noch breite Unsicherheit, wie mit der neu entdeckten «Special Interest Gruppe» umzugehen ist. Was genau ist das besondere Interesse schwuler und lesbischer Touristen? Städte wie Berlin oder Toronto, Sydney oder Zürich setzen auf die grossen Events wie die jährlichen CSD-Paraden im Sommer oder auf schwul-lesbische Sportveranstaltungen wie Eurogames oder Gay Games.

Gefragt ist nicht nur Jubel Trubel Heiterkeit

Schwule und Lesben suchen jedoch nicht in erster Linie Jubel, Trubel, Heiterkeit und Sex im Urlaub. «Wir wollen als Schwule und Lesben nicht ausgegrenzt werden. Aber wir wollen auch keine Sonderstellung in der Touristik einnehmen», sagte der deutsche Tourismusexperte Rolf Ohler. Oftmals sei es für homosexuelle Paare nicht möglich, in Hotels oder am Strand offen zu ihrer sexuellen Orientierung zu stehen. Ein Grund für die andauernde Attraktivität von warmen Hot Spots wie Gran Canaria oder Mykonos.
Die sprichwörtliche Feinfühligkeit von Schwulen und Lesben beschränkt sich nicht nur auf Frisuren und Mode. Blosse Marketinggimmicks werden schnell als solche erkannt und abgelehnt. Bob Witeck, ein Experte für Gay Marketing in Washington D.C., schrieb in Commercialcloset.com: «In einer Anzeige etwas Fleisch oder einen Regenbogen zu zeigen ist zu einfach und durchschaubar.» Vielmehr müssten Unternehmen ebenso wie Reisedestinationen vor der Ansprache des schwulen Marktes durch schwulenfreundliche Personalpolitik und Sponsoraktivitäten das «eigene Haus in Ordnung bringen.»

Michael Lenz

 

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