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Sind
wir kondommüde geworden?
Die Zahl
der Geschlechtskrankheiten hat zugenommen
Ende
Jahr meldete das Berliner Robert Koch-Institut «eine erhebliche
Zunahme der Syphilis-Meldungen in Berlin, Hessen und Baden-Württemberg»
und weiter «Die vorliegenden Daten und Informationen belegen, dass
insbesondere homosexuelle Männer in den Grossstädten betroffen
sind. Syphilis erhöht auch deutlich das Risiko, sich mit HIV zu infizieren
und das Risiko, eine HIV-Infektion weiterzugeben. Es wird daher nachdrücklich
daran erinnert, dass die konsequente Verwendung von Kondomen nicht nur
das Risiko einer HIV-Übertragung vermindert, sondern auch das Risiko,
an Syphilis oder einer anderen sexuell übertragbaren Infektion zu
erkranken.»
Wenn die alten Geschlechtskrankheiten wieder vermehrt auftauchen, muss
man doch davon ausgehen, dass sich die Leute wieder weniger schützen.
Natürlich kann man jetzt aus medizinischer Sicht einwenden, dass
es für die unterschiedlichen Geschlechtskrankheiten ausser unsafem
Sex auch noch andere Übertragungswege gibt. Eine Tatsache ist aber
auch: «Erstmals seit 1992 hat die Zahl der HIV-Infektionen in der
Schweiz wieder zugenommen.»
Woran liegts? Warum schützt man sich wieder weniger? Die Kampagnen
wie z.B. «Ohne Dings kein Bums» hat nun doch jeder mitbekommen.
Warum wird das Kondom weggelassen?
Antworten sind schwierig, und man läuft schnell Gefahr, sich in spekulativen
Interpretationen zu verlieren. Das weiss auch Thomas Seeholzer von der
Zürcher Aids-Hilfe. Dementsprechend äussert er sich vorsichtig.
Doch es gibt einerseits verschiedene Erfahrungen aus der Beratung und
der Präventionsarbeit und andererseits Untersuchungen, auf die sich
der Präventionsverantwortliche stützt:
«Aids hat kein Gesicht mehr. Die Bilder von bis auf die Knochen
ausgezehrten Menschen gibt es nicht mehr. Es leben keine Menschen mehr
an unserer Seite, die mit Flecken auf der Haut gekennzeichnet sind. Die
Medizin hat die einst offensichtlichen Krankheitsmerkmale im Griff. Das
Verschwinden der Merkmale hilft', die eigentliche Krankheit zu vergessen,
zu verdrängen.
Das Bild von Aids hat sich verändert. Aids wird von vielen nicht
mehr als todbringende Krankheit verstanden. Es hat sich zu einer behandelbaren
Krankheit gewandelt, und somit steht das Leben - mit der Krankheit - im
Vordergrund. Das hat Auswirkungen auf das Präventionsverhalten.
HIV-Therapien werden oft als etwas betrachtet, was sie nicht sind: eine
Möglichkeit zur Heilung von Aids. Neben der Verbreitung der Safer-Sex-Botschaft
muss die Aidshilfe in ihren Präventionsbemühungen auch noch
falsche Vorstellungen korrigieren. Die Botschaft heute heisst: Medikamente
schützen nicht vor einer HIV-Ansteckung, deshalb Safer Sex!
Kopf und Handeln sind zwei Dinge... Das ist eine situative Geschichte...
Ein paar Beispiele: der eine ist gerade soooo verliebt und sehnt sich
nach innigster Verschmelzung. Ein anderer ist einfach spitz und muss unbedingt
bumsen. Dann gibt es Lebensphasen, wo man auf sich selber weniger acht
gibt, eine gewisse Gleichgültigkeit an den Tag legt. Nach einer Trennung
etwa oder beim Verlust des Arbeitsplatzes.
So gesehen ist ein gutes Selbstbewusstsein wichtig. Mit andern Worten,
die Unterstützung des Selbstwertgefühls spielt in der Prävention
eine wichtige Rolle. Männer, die miteinander Sex haben - egal in
welcher Situation, an welchem Ort - müssen an den Punkt kommen, wo
sie sich sagen: «Ja, wir sind es wert» (uns zu schützen).
Auch der ZürichExpress
wurde aufgrund der Zunahme der HIV-Infektionen in der Schweiz hellhörig
und stellte die Frage:
«Sind Männer und Frauen kondommüde geworden?» 5
verschiedene Antworten:
Renato, 29, hetero,
keine One Night Stands
Sex mit Kondom ist für ihn ein Ablöscher. Sex hat er deshalb
nur mit Partnerinnen, die er schon länger kennt. In der festen Beziehung
müssen bald ein mal die Dinge geklärt sein. Dazu gehört
der Aids-Test. Er meint, «das Thema Aids ist in den letzten Jahren
ein wenig in Vergessenheit geraten. Vor allem die Generation der 16 bis
23jährigen nimmt die Aidsgefahr zu wenig ernst. Leute, die seit den
Achzigerjahren die ganze Aidsproblematik und die Kampagnen miterlebt haben,
sind stärker sensibilisiert.»
Rita, Prostituierte,
ohne Gummi läuft nichts
«Ich habe Angst vor Aids und schütze mich sogar bei Oralverkehr.
Die meisten Männer, die nach Sex ohne Gummi fragen, kann ich von
Gegenteil überzeugen. Vor allem ältere Männer, die mit
dem Kondom nicht richtig umgehen können, wollen darauf verzichten.
Denen zeige ich, wie man den Gummi spielerisch ins Vorspiel einbeziehen
kann. Ich kann die Ehefrauen beruhigen. Ihre Männer sind im Puff
besser aufgehoben, als wenn sie sonst fremdgehen.»
Karl, 33-jährig,
schwul, seit 7 Jahren HIV-positiv
Hat bereits verschiedene Therapien abbrechen müssen, da er die Medikamente
schlecht vertrug oder resistent war. Schluckt zur Zeit täglich 23
Pillen täglich. Ist 20% krankgeschrieben, klagt über mangelnde
Energie und empfindet sich aggressiver als früher. Er ist erstaunt,
wie gewisse junge Schwule schlecht über Aids informiert sind oder
dass ältere Schwule meinen, Aids sei nun heilbar. Er glaubt, «in
der Schwulenszene mag man nichts mehr von Kondomen hören. Viele sehnen
sich nach den sorglosen Zeiten zurück und praktizieren Sex ohne Kondom.»
Markus Flepp, Aidsspezialist
vom Universitätsspital
Eine brauchbare Impfung, die wirklich vor dem Erreger schützt, wird
es erst in ein paar Jahrzehnten geben. Kondome gibt es aber heute schon.
Und die schützen.
Zwar sind heute in der Schweiz rund 15 Medikamente auf dem Markt und mit
einer Dreierkombination stehen die Chancen gut, die Virusvermehrung weitgehend
einzudämmen. Die Medikamente müssen aber lebenslang genommen
werden und belasten die Krankenkasse monatlich mit rund Fr. 2000.-.
Barbara Williman,
Fachfrau in der Zürcher Aids-Hilfe
Viele sind es leid, sich immer schützen zu müssen. Früher
sprach man von Risikogruppen. Heute von einem Risikoverhalten in Risikosituationen.
In der Schweiz schätzt man die Zahl der Seitensprünge pro Jahr
auf 2,2 Millionen.
Davon sind rund 1 Million prostituive Kontakte. Nach Aussagen von Freiern
und Prostituierten kommt es dabei zu rund 450 ungeschützten Kontakten.
Eine Internetlösung der  |