Ein Mann für Mann und Frau
Ausgelebte Bisexualität beschert nicht nur eitel Freude

Ein Blick in die Kontaktanzeigen im Internet zeigt, der Bi-Mann ist bei Schwulen beliebt. «Bi -Boy gesucht (Zürich), Hallo. Lebst Du in einer Beziehung? Suchst Du sexuelle Abwechslung mit einem Mann? Ich suche nach einem attraktiven Typen (-30J.) für unkomplizierte Treffs…» Solche Anzeigen sind auf schwulen-Sites nicht selten und scheinbar das Salz im Kontaktmarkt. «Bi» ist schon fast ein Markenzeichen, ja Gütesiegel. Gar mancher, der auf der Suche nach einem Mann ist, sucht einen «Bi». Verspricht man sich da eher den männlichen Mann? Sucht man nach dem Reiz des Unerfahrenen? Oder liegt's an einer gewissen Unverbindlichkeit, weil ein Bi ja doch keine feste schwule Bindung eingehen wird oder kann?
Wie auch immer, das Wort Bi löst Phantasien aus. Sogar solch abstruse wie kürzlich aufgetaucht in einem Leserbrief eines (eingefleischten?) Heteros: «Schwul möchte ich nicht werden, wenn schon Bi. So würde sich das Potential meiner möglichen Partner verdoppeln!»
All diese Phantasien zeigen auf, wie sehr Schwule und Heteros diese spezielle Form der Sexualität nicht verstehen, nicht ernst nehmen. Die Vorstellungen über Bisexuelle müssen revidiert werden. Aufklärung tut not.

Die Bisexuellen werden sehr oft von zwei Seiten ausgegrenzt
«Den Bisexuellen gibt es so nicht», meint Albert Vischherr, Sozialarbeiter und Psychologe, und demnächst Leiter einer Gesprächsgruppe für bisexuelle Männer. «In der Bevölkerung gibt es eine grosse Zahl von Männern, die als bisexuell bezeichnet werden können. Definitionsgemäss heisst das, dass diese Männer das Bedürfnis nach sexuellem Kontakt zu Frauen und Männern haben und dieses wenn möglich auch leben. In dieser eindeutigen Form ist dies aber nur selten der Fall. Und jeder Fall liegt anders. Es gibt eine grosse Vielfalt von ganz unterschiedlichen Lebensläufen.»
Der Zeitpunkt des Sichbewusstwerdens ihres homosexuellen Begehrens ist bei bisexuellen Männern sehr unterschiedlich: er variiert von ganz früh (Pubertät und früher) bis zum Alter von 50 Jahren und mehr. Manche bisexuelle Männer leben ihre heterosexuelle und homosexuelle Seite in Phasen aus, die Jahre umfassen können.
So gesehen ist der Bisexuelle je nach Situation mal homo-, dann wieder heterosexuell.
Sehr viele bisexuelle Männer geraten dadurch in schwierige persönliche Situationen. Und bringen damit auch Partner, Partnerinnen, Familie und Kinder oft in fast nicht verkraftbare Lebensumstände.
Genau da will die «Gesprächsgruppe für Bisexuelle Männer» ansetzen. Albert Vischherr dazu: «Ich biete bei dieser Gruppenarbeit keine fertigen Rezepte an, aber eine Plattform für Auseinandersetzungen in einem wertfreien Raum. Ich gebe keine Ratschläge. Es geht darum, die bestmögliche Lösung zu finden für jeden einzelnen. Es macht doch keinen Sinn zu grübeln, ist man bisexuell weil man verführt wurde oder weil man keinen Vater hatte oder weil die Mutter dominant war, oder… Was bringt das?
Die Gespräche sollen vielmehr dazu beitragen, mit dem äusseren Druck der Gesellschaft fertig zu werden. Damit auch die innere Freiheit entsteht, zu sagen: Ja ich will beides. Ich habe das Bedürfnis - körperlich aber auch psychisch - nach Mann und Frau. Zwei Seelen wohnen (ohne «Ach») in meiner Brust.

Gesprächs-gruppe für bisexuelle Männer
Ein Angebot der Homo-sexuellen Arbeitsgruppe Zürich (HAZ)

Im Mai 2002 startet im Centro, dem Begegnungszentrum der HAZ, als neues Angebot eine Gesprächsgruppe für bisexuelle Männer. In vierzehntäglichen Abständen werden sich an 6 Abenden rund 10-12 bisexuelle Männer im persönlichen und vertieften Gespräch mit ihrer speziellen Situation auseinandersetzen. Geleitet wird die Gruppe vom Sozialarbeiter und Psychologen Albert Vischherr.
Er hat als Betroffener und als jahrelanger Leiter von Gesprächsgruppen von bisexuellen Männern die Erfahrung gemacht, dass für viele Männer ein solcher Kreis die erste Gelegenheit ist, sich frei über sich selber zu äussern, in der Gewissheit, verstanden zu werden, ohne sich lange erklären zu müssen. Das Ziel auch dieser neuen Gruppe ist es, jedem einzelnen Teilnehmer die Gelegenheit zu geben, sich mit seiner ganz individuellen Situation auseinanderzusetzen und mit Hilfe der Unterstützung durch die anderen Männer der Gruppe seine ganz eigenen Lösungen zu finden. Ziel ist einen positiven Lebensplan zu gestalten angesichts der zweifachen Sexualität.
Der Workshop umfasst ab 13. Mai 6 Montagabende von 19.30 - 21.30 Uhr. Kosten: Für alle 6 Abende Fr. 150.-. (Für HAZ-Neumitglieder ist der Besuch kostenlos.)
Auf einen späteren Zeitpunkt sind weitere Aktivitäten geplant, wie der Aufbau eines Treffpunkts für bisexuelle Männer, Engagements in der Öffentlichkeitsarbeit, etc.


Information:
a.vischherr@cyberlink.ch

Anmeldung:
HAZ Homosexuelle Arbeitsgruppen Zürich, Sihlquai 67, 8005 Zürich
Postfach 7088, 8023 Zürich
Tel./Fax: 01 271 22 50
E-Mail: info@haz.ch

 

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