| Rüti
ist stolz auf sein Männerpaar Das Wirtepaar Stefan und Werner leben hinten im Glarnerland offen schwul. von Martin Ender Näfels, Netstal und Glarus sind auch dem Zürcher noch geläufige Namen, und diesen vorderen Teil des Tals erreicht er ja auch in rund 30 Minuten. Hier sieht er noch gewohnte Bilder einer prosperierenden Wirtschaft: Strassenbaustellen und eben fertig erstellte Neubauten. Die Kantonshauptstadt Glarus macht einen stattlichen Eindruck. Wer jetzt südwärts Richtung Klausenpass weiterfährt, liest wenig geläufige Ortsnamen wie Mitlödi, Nidfurn, Leuggelbach, Hätzingen, Betschwanden. Von Dorf zu Dorf sieht er immer öfter grosse Tafeln an den Häusern: «Zu verkaufen». Findet hier eine Landflucht statt? Haben die Leute seit der Krise der 70er Jahre in der einst bedeutenden Glarner Textilindustrie keine Existenzgrundlage mehr? Ernst Schindler, Gemeindepräsident im glarnerischen Rüti, beschwichtigt: «sicher sind im ganzen Tal Arbeitsplätze verlorengegangen. Doch diese Häuser, die da so zum Verkauf angeboten werden, das hat einen andern Grund. Wissen Sie, die wurden noch zu einer Zeit gebaut, wo man gerne direkt an der Dorfstrasse wohnte. Die Häuser haben keine Balkone, kaum Umschwung und heute stehen sie an einer Hauptstrasse. Da will einfach keiner mehr wohnen. Auch nicht, wer in der Gegend Arbeit hat.» Da geht es den knapp 500 Einwohnern von Rüti schon besser. Sie haben eine Umfahrungsstrasse und damit Ruhe im Dorf. Sie haben noch Bauland an schönster Lage. Und sie haben den Rütihof mit den zwei schwulen Besitzern, die dem Dorf in wenigen Jahren 20 Arbeitsplätze gebracht haben. Dafür hat das Hotelier-Paar Werner Lüönd und Stefan Michel dieses Frühjahr von der RGHS (Region Glarner Hinterland und Sernftal) den Förderpreis bekommen. Werner und Stefan freuen sich darüber. Sie freuen sich darüber, dass ihre unternehmerische Leistung in Anwesenheit von drei Regierungsräten öffentlich anerkannt wurde. Sie freuen sich darüber, dass es möglich ist, auch ausserhalb von Schwulenmetropolen offen sein Leben zu leben. «Als wir vor ein paar Jahren hierher kamen, haben wir auf der Gemeinde von Anfang an gesagt, wir sind schwul und wir wollen ein Hotel aufmachen. Die Leute sind uns sehr offen entgegengekommen». Wie kamen denn die beiden ausgerechnet auf des zweithinterste Dorf im Glarner Hinterland? Stefan korrigiert «nicht 'Hinterland', nein, das heisst 'südliches Glarnerland'». Zum Süden hat er sowieso eine tiefe Beziehung. Italien liebt er über alles. So hat er auch die Stühle fürs Restaurant, die Lampen und viele Accessoires in Italien selbst ausgesucht und mitgenommen. Die beiden Mittdreisiger kennen sich seit rund 10 Jahren, gingen damals noch ihren Jobs nach. Stefan, in Glarus geboren und aufgewachsen lebte eine Zeitlang in Zürich. Werner ist gelernter Koch und arbeitete auf dem Bau. Eines Sommers auf einer Wanderung durchs südliche Glarnerland machten sie sich gegenseitig Mut, den Sprung in die Selbständigkeit zu wagen. Ausschlaggebend war der Moment, als sie vor dem heruntergekommenen Haus standen, das heute ihr Hotel ist. Stefan:«Ich spürte sofort, daraus kann man etwas machen. Visionär entstand ein Bild von einem Hotel, wie es heute dasteht. Dann kam die Arbeit: Konzept entwickeln und die Banken überzeugen. Die Regionalbank schliesslich glaubte an uns und meine Eltern haben mir geholfen, das nötige Eigenkapital zusammenzubringen.» Heute gehört ihnen nebst dem Hotel auch noch der Dorfladen, der Mercatino heisst. Das verbindet sie natürlich noch mehr mit der Dorfbevölkerung. Auch im Restaurant sind die Leute vom Dorf anzutreffen Sei's bei Kuchen und Kaffee oder bei einem feinen Essen der gutbürgerlichen bis exklusiven Küche. Schön, dass auf der Karte auch ein typisches Glarner Gericht steht: «Zigerhöreli mit Apfelmus».
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