Ein Coming-out in der Kirche
Buochs hätte seinen Pfarrer gerne behalten

Am 16. Juni 2002 informierte der Buochser Pfarrer Kari Bürgler (37) die Kirchenbesucher über seine Beziehung zu einem Mann. Und stiess auf eine überwältigende Welle von Solidarität und Unterstützung, wie man sie im katholisch-konservativen Nidwaldner Dorf nicht unbedingt erwartet hätte. Noch bis zum 20. Oktober 2002 kann der inzwischen vom Churer Bischof suspendierte Priester in der Funktion eines Gemeindeleiters in Buochs bleiben. Dann muss er - trotz massiver Proteste von Pfarrei und Gläubigen - seinen Posten räumen. Ein Gespräch mit Kari Bürgler über ein nicht alltägliches Coming-out.

Am 16. Juni 2002 hast du dich während des Gottesdienstes zu deinem Schwulsein und zu deinem Lebenspartner bekannt. Was hat dich zu diesem Schritt bewogen?

Ich wollte den Leuten sagen, dass ich mich entschieden habe, eine partnerschaftliche Beziehung zu leben. Dass ich das Zölibat in diesem Sinne nicht mehr leben könne, dass ich kein Versteckspiel spielen könne und dass ich offen und ehrlich vor den Menschen stehen wolle. Vor allem wollte ich den Leuten wieder "in die Augen schauen können", was ich zuvor beinahe nicht mehr konnte. Es war ein langer Prozess, ich habe meine eigene Homosexualität sehr lange mit mir alleine herumgetragen. Hie und da hatte ich richtige Angst, ein alter, verbitterter Priester zu werden, d. h. etwas in mir zu tragen, das eigentlich heraus müsste. Es war ein Abwägen, und dabei war für mich immer Ehrlichkeit am wichtigsten. Zuallererst Ehrlichkeit zu mir selber. Gerade als Seelsorger gab es immer wieder Situationen, in denen ich nicht alles sagen konnte, was ich gerne gesagt hätte.

Was hat sich seit diesem Tag für dich verändert? Wie geht es dir heute, rund zwei Monate später?

Ich fühle mich viel freier, auch viel leichter, was mein inneres Gefühl betrifft. Ich stand unter einem inneren Druck, der jetzt natürlich weg ist. Andererseits hat sich im Bezug auf meine Arbeit viel verändert, ich kann gewisse Aufgaben in der Pfarrei nicht mehr wahrnehmen, zum Beispiel keine Eucharistie mehr feiern. Ich sitze jetzt bei den Leuten in der Kirchenbank und stehe nicht mehr vorne am Altar, was mich doch immer wieder aufwühlt und auch nachdenklich stimmt.

Wie haben die Buochser und Buochserinnen auf dein Coming-out reagiert?

In der Kirche herrschte Totenstille und eine absolute Ohnmacht machte sich breit. Es gab Leute mit Tränen in den Augen und Leute, welche die Welt nicht mehr verstanden. Ich war erstaunt, wie ruhig ich zur Gemeinde sprechen konnte. Es war merkwürdig: Einerseits merkte ich, dass es für mich stimmte, während auf der anderen Seite Hilflosigkeit und Trauer herrschten.

Dennoch ist dir auf dein Coming-out eine eigentliche Sympathie-Welle der Dorfbevölkerung entgegengeschwappt, wie in zahlreichen Medienberichten zu lesen war. Wie erklärst du dir diese Reaktion, die gerade in einer katholisch-konservativen Gegend nicht so selbstverständlich ist?

Ich denke, dass dies zu einem grossen Teil eine personenbezogene Reaktion ist. Während den fünf Jahren als Pfarrer in Buochs haben die Leute mich und meine Arbeit kennengelernt. Ich war selbst erstaunt über die positiven Reaktionen. Viele Leute, mit denen ich gesprochen habe, hatten vorher, wie ich denke, ein eher verzerrtes Bild von Schwulen. Ein Zerrbild, das leider oft durch die Medien verbreitet wird. Jetzt ist das Tabuthema Homosexualität an meiner Person für sie ganz konkret geworden, und da wird wahrscheinlich anders geurteilt, als wenn irgendein Klischeebild vorhanden ist. Auch das schwindende Verständnis für das Pflichtzölibat unter vielen Gläubigen spielt sicher eine Rolle.

Welches sind die Konsequenzen deines Coming-outs aus kirchlicher Sicht?

Ich wusste, dass mein Beruf, den ich enorm schätze, auf dem Spiel steht. Deshalb fiel es mir auch so schwer, mich zu outen. Eine Woche nach meinem Coming Out erhielt ich von Bischof Amédée Grab das Suspensionsschreiben, d. h. ich darf keine spezifisch priesterlichen Funktionen mehr ausüben (z.B. Sakramentenspendung). Als weitere Konsequenz musste ich mein Amt als Pfarrer zur Verfügung stellen. Wenn es vielleicht auch widersprüchlich tönt, ich empfinde trotz allem keine Wut angesichts der Haltung der Kirche, vielmehr ist es tiefe Trauer, dass die katholische Kirche mit Schwulen und Lesben, mit Sexualität allgemein oder auch mit Fragen, die das Pflichtzölibat betreffen, heutzutage noch nicht anders umzugehen weiss.

Denkst du, dass du mit deinem Coming-out innerhalb der Kirche etwas bewegt hast?

Ja, ganz sicher, wenn vielleicht auch nur im ganz Kleinen und scheinbar Unsichtbaren. Auch wenn es nur so wenig ist, dass sich gläubige Menschen Gedanken machen über Homosexualität, über das Zölibat, aber auch über Ehrlichkeit, so habe ich doch etwas bewegt. Ich bin von der biblischen Botschaft, nämlich der Botschaft der Liebe, die Jesus immer wieder gepredigt und auch gelebt hat, überzeugt. Die Botschaft der Liebe ist etwas Schönes, etwas Lebenswertes und etwas Wichtiges für die Menschen. Nach nichts anderem handelt ein schwules oder ein lesbisches Paar, das versucht eine echte Partnerschaft zu leben. Was soll daran schlecht sein? Da geht es wirklich um gelebte, um offene, um ehrliche Liebe. Dafür kämpfe ich nicht nur in meinem Leben oder in der Gesellschaft, sondern auch innerhalb in der Kirche.


 

Homosexuelle Subkultur in der Kirche
Studie in den USA

Befragungen der Priester gibt es regelmässig. In einer Studie der katholischen Kirche in den USA wurden 1200 Priester befragt - zum ersten mal wurden jedoch auch Fragen zur Homosexualität gestellt.
Die Mehrheit ist der Auffassung, dass es eine «homosexuelle Subkultur» in den Diözesen und Ausbildungsseminarien gebe. 19 Prozent meinten sogar «gewiss» 36 Prozent antworteten mit «wahrscheinlich».
Konservative Kreise der katholischen Kirche haben wiederholt davor gewarnt, dass homosexuelle Gruppen in Seminaren heterosexuelle Priesteranwärter abschreckten.
Ein Sprecher des Papstes erklärte kürzlich, dass Personen mit homosexuellen Neigungen nicht Priester werden dürfen. Ein offizielles Verbot der Ordination Homosexueller gibt es jedoch nicht.

 

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