Trister Regenbogen im Südpazifik
Noch immer Gewalt gegen Schwule und Lesben.

von Michael Lenz

In Berlin feierten in den Strassen Schönebergs gut 400 000 Menschen Mitte Juni zum zehnten Mal das «Lesbisch-Schwule Stadtfest». 20 000 Kilometer weiter südlich lauschten am gleichen Wochenende in Fidschis Hauptstadt Suva zehntausend Menschen dem fundamentalistisch-christlichen US-Prediger Robert Cunville. Der Gesandte der christlich-fundamentalistischen Billy-Graham-Association, auf Missionstour durch den Südpazifik, machte seinen Zuhörern das Schicksal von Homosexuellen klar: Einsamkeit und Tod. Als Gleichnis bemühte der Prediger den an Aids verstorbenen Musiker Freddy Mercury. «Dieser Mann war berühmt, erfolgreich und wohlhabend. Aber in einem Interview bekannte Mercury, er sei einsam», sagte Cunville und fuhr nach einer dramatischen Pause fort: «Zwei Wochen später war er tot.»

«Solche gehören nicht hierher»
Szenenwechsel: Das Lokal O'Reillys, laut Reiseführer eines von zwei «schwulenfreundlichen» Lokalen in Suva: «Die Schwulen treffen sich auf der rechten Seite des Tresens.» In der Bar, nur wenige Schritte von der Missionsveranstaltung im Albert Park gelegen, ging eine Benefizshow über die Bühne. Einschliesslich des Auftritts einer Travestiegruppe. Die Touristen johlten vor Begeisterung. Die Inselbewohner schüttelten den Kopf. Einer sagte: «Solche gehören nicht hierher.» Nach ihrem Auftritt zogen die drei Drag Queens in die gleichfalls als schwulenfreundlich beschriebene benachbarte Bar «Trap». Sam, wieder in «zivil», aber noch mit Make Up und Schmuck, sagt: «Weiter würde ich in dieser Aufmachung nicht zu Fuss gehen. Das ist zu gefährlich. Es gibt hier viel Gewalt gegen Schwule und Lesben.»

Christlich-fundamentalistischer Einfluss
Die Regenbogenfahne weht noch nicht über den Trauminseln des Südpazifik. Christliche Missionare haben zwischen Tahiti und Fidschi ganze Arbeit geleistet. «In keiner anderen Region der Welt sind Kultur, Gesellschaft, Politik und Christentum so eng miteinander verwoben wie im Südpazifik», sagt der deutsche Politologe Manfred Ernst, der an dem Pacific Theological College in Suva lehrt. Besonders Besorgnis erregend sei der wachsende politische Einfluss christlich-fundamentalistischer Sekten aus den USA.
Erst im vorigen Jahr war der offen schwule Leiter des Roten Kreuzes von Fidschi, John Scott, ermordet worden. «Wir hatten danach alle furchtbare Angst», erinnert sich Schwulenaktivist Carlos Ferera. «Als bekanntester Schwuler Fidschis wurde ich von nationalen und internationalen Medien um Interviews gebeten, die ich zunächst aus Angst vor Gewalt alle zurückgewiesen habe.»

Strafrecht kontra Verfassung
Fidschi leistet sich das gesetzliche Paradox, im Strafrecht Schwule zu kriminalisieren und in der Verfassung die Homosexuellen vor Diskriminierung zu schützen. «Die Regierung plant aber eine Verfassungsreform. Auf Druck der Kirchen will sie diesen Passus streichen«, sagt Sipeli. Dabei gehe es Fidschis Schwulen gar nicht um die Homoehe, wie die Kirchen behaupten. «Wir wollen gleiche Rechte», so Ferara. «Das heisst Zugang zu Jobs und Ausbildung.»
Hoffnung setzen die schwul-lesbischen Fidschis auf eine Teilnahme an der internationalen schwul-lesbischen Sport- und Kulturveranstaltung «Gay Games» im November in Sydney. «Das ist eine grosse Chance, Erfahrungen auszutauschen und Kontakte zu knüpfen», sagt Peni Moore von der Organisation Women's Action for a Change. Das Projekt ist Beratungsstelle, politische Lobbygruppe und schwul-lesbisches Zentrum gleichermassen. «Zu unseren Grillabenden kommen regelmässig über 100 Schwule, Lesben und Transsexuelle».

Viele Homosexuelle sind arbeitslos
Die Teilnahme vieler Fidschis an den Gay Games ist aber noch unsicher. Für viele Schwule sei die Reise einfach zu teuer. Zwar bezahlen die Gay Games den etwa 20 fidschianischen Teilnehmern die Kosten für Flug und Unterkunft, aber das nötige Kleingeld für Essen, Trinken und Ausgehen im teuren Sydney müssen die Teilnehmer selbst aufbringen. «Viele Homosexuelle hier sind entweder arbeitslos oder verdienen ihr Geld als Sexarbeiter», so Ferera. Briefe an Unternehmen in Suva mit der Bitte um Sponsorship blieben unbeantwortet. «Die haben Angst, mit Schwulen und Lesben in Verbindung gebracht zu werden.» Jetzt soll eine Reihe von Parties im WAC-Zentrum das «Taschengeld» bringen.

Von Christopher-Street-Day-Paraden können Schwule und Lesben auf Fidschi deshalb nur träumen. «Wenn der Schutz der Schwulen in der Verfassung bleibt, dann können wir vielleicht in zwei Jahren versuchen, einen Gay Pride zu organisieren», hofft Ferera. Und wenn nicht? «Dann eben frühestens in zehn.»

 

Eine Internetlösung der