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Unverschämt! Verschämt behandelten bis anhin die Historiker die Geschichte der Schwulen und Lesben in der Schweiz. Lange hielten sich aber auch die Schwulen und Lesben still und verschämt im Hinter- und Untergrund. Zulange wurden die Forderungen für eine Besserstellung in der Gesellschaft als unverschämt abgetan. Doch die Zahl derer wächst, die das selbstbewusste, un-verschämte Auftreten der modernen Schwulen und Lesben begrüssen. Sich für die Liebe schämen zu müssen hat ein Ende. Die Gesellschaft beginnt, den Begriff Partnerschaft neu zu definieren. Die politische Diskussion ist mitten in Gange. Da kommt die Ausstellung im Zürcher Stadthaus gerade richtig. «Unverschämt» heisst sie und trägt den Untertitel «Lesben und Schwule gestern und heute». Es war für die AusstellungsmacherInnen nicht einfach, die Vergangenheit nach Spuren von Lesben und Schwulen zu durchforsten. Oft wurde das, was von deren Leben berichten würde, nicht aufgehoben. Es war eben eine Schande, eine Sünde, eine Krankheit, ein Verbrechen. Dennoch konnten wichtige, spannende Geschichten zusammengetragen werden, die einen gut 150jährigen Zeitraum umspannen. Man lernt beispielsweise den Glarner Hutmacher Heinrich Hössli kennen, der bereits ab1830 seine Bücher «Eros» veröffentlichte und lange vor Magnus Hirschfeld Homosexualität als natürliche Veranlagung bezeichnete. Oder den Damenclub Amicitia der 30er Jahre. Oder da gibt es die Geschichten rund um die Personen, welche in den 40er und 50er Jahren die legendäre Zeitschrift «Kreis» herausgaben, mit ihrem Doppelleben samt Doppelnamen. Die Ausstellung beschäftigt sich natürlich auch mit der Gegenwart. Hier findet der Besucher Informationen über sämtliche heutigen schwullesbischen Gruppierungen. Die Ausstellung macht ein Paradox sichtbar: Einerseits will die Gruppe der Schwulen und Lesben zur Gesellschaft dazugehören. Andererseits wollen weder Schwule noch Lesben sich an Normen anpassen, die nicht zu ihnen passen. Ein Besuch und die damit verbundene Auseinandersetzung lohnt sich. Der Besuch der Ausstellung ist gratis. Ab 11. Oktober im Stadthaus Zürich.
Die Initiative Die Idee zu dieser
Ausstellung entstand in den Homosexuellen Arbeitsgruppen Zürich. Ideen und Inhalte Ernst Ostertag und Röbi Rapp wurden sehr früh beigezogen und leisteten einen grossen Beitrag ans Konzept und zum Inhalt. Beide feierten bereits ihren siebzigsten Geburtstag und sind somit Zeitzeugen der legendären Kreis-Zeit. Wenn Ernst und Röbi von dieser Zeit erzählen, kommt ihnen schon mal eine Formulierung über die Lippen wie «wir hätten damals nie geglaubt, dass es je eine Zeit geben wird, die so offen ist gegenüber Schwulen und Lesben wie sie es heute ist. Es war einfach nicht vorstellbar.» Schwer vorstellbar ist für uns das Damals: Ernst arbeitet bei der Zeitschrift Kreis mit. Er traf sich des öftern mit dem Redaktor Charles Welti in einer Villa am Zürichberg. Da waren zwei Wohnungen, die untere beschriftet mit Dr. Laubacher. Da ging man dran vorbei in den ersten Stock, in die Wohnung des Herrn Charles Welti. Jahrelang verkehrte Ernst in diesem Hause. Herrn Dr. Laubacher bekam er nie zu Gesicht. So dachte er, dem gehört das Haus, aber er wohnt irgendwo anders. Erst in den 80er Jahren wurde Ernst eines Tages in die untere Wohnung geführt. Ernst staunte und Herr Welti sagte: das bin ich auch: Eugen Laubacher. Doppelleben mit einer unauffälligen, angepassten Seite nach aussen und einem homosexuellen Leben im geschützten Kreis waren zu jener Zeit an der Tagesordnung. Da Ernst eng mit dem Kreis-Redaktor Charles Welti / Eugen Laubacher zusammenarbeitete, konnte er nach dessen Tod etliche Zeitdokumente retten, bevor sie (gewollt) verschwanden oder verloren gingen. Mit der Materialsichtung und -ordnung beschäftigte er sich über 18 Monate. Dann übergab er die Sammlung dem «schwulenarchiv schweiz» (sas). Die AusstellungsmacherInnen konnten hier auf wertvolles Material zurückgreifen.
Die professionelle Ausstellungsmacherin Sabine Brönnimann ist für die Ausstellung ein weiterer Glücksfall. Rund ein Jahrzehnt war sie Leiterin des Mühleramas (Stiftung Mühlemuseum in der Mühle Tiefenbrunnen, Zürich). Sie hat da sehr viele themenbezogene Ausstellungen gemacht und zwar von der Recherche bis zur Realisierung. Sie hat per Zufall vom Projekt gehört. Da sie sich gerade neue orientierte, packte sie zu. Sie fand es spannend «nicht vom Budget her, das war von Anfang an klar, aber ich habe politisches Interesse und fachliches Können und zudem lebe ich seit ich 18 bin in Frauenbeziehungen.» Sabines Hauptanliegen war, die Männer- und Frauenseite zusammenzubringen. «Das war recht anspruchsvoll, denn die Geschichte der Lesben und die der Schwulen ist nicht verknüpft gelaufen. Die Stränge haben sich sehr oft nicht berührt. Und das ist auch heute noch so». Ein Beispiel aus den 70er Jahren: Die Lesben waren einerseits bei der Frauenbefreiungsbewegung angesiedelt. Diese hatte aber nicht die Homosexualität zum Thema. Die lesbische Frau war bei den Frauen ausgegrenzt und eine Zusammenarbeit mit den (schwulen) Männern kam auch nicht zustande. So kam es, dass ein Teil der Lesben zu radikalsten Feministinnen wurden. Oder aus weiterer Vergangenheit: Der Damenclub Amicitia hat eigentlich dem Herrenclub Excentic wieder auf die Beine geholfen. Später wurde er Freundschaftsbund genannt. Dann kamen die Frauen unter die Räder, zogen sich zurück und im Kreis waren sie nicht mehr existent. Für die Frauen eine tragische Geschichte. Und Sabine Brönnimann meint: «Es ist durchaus sinnvoll, diese Geschichte aufzuarbeiten und zu studieren. Um Mechanismen, die heute noch funktionieren und am laufen sind, zu verstehen. Das ist ein Beitrag, den die Ausstellung geben kann». Die Ausstellung soll einerseits Verständnis wecken zwischen Schwulen und Lesben. Aber sie spricht natürlich in erster Linie die ganze Bevölkerung an. Und Sabine freut sich, dass die Ausstellung im Stadthaus «schon unten beginnt, da wo alle das Gebäude betreten, auch die Leute, die zum Heiraten kommen! Man kann ohne Eintritt einfach hereinspazieren, sich in Kürze einen Überblick verschaffen oder sich auch länger mit den Textheften in ein Thema vertiefen.»
- Vorkämpfer
für Männerliebe
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