Und immer lockt die Jagd...
Das Revier scheint grenzenlos und unerschöpflich

Wenn die Tage kürzer und die Nächte länger werden, hat ein Medium Hochsaison, das wohl wie kaum ein anderes die schwule Welt in den letzten Jahren revolutioniert hat. Vorbei sind die Zeiten, in denen Mann den Fuss über die Türschwelle eines einschlägigen Lokals setzen musste, um mit Gleichgesinnten in Kontakt zu treten. Heute wird das Objekt der Begierde bei Gefallen per Mausklick in die warme Stube gelotst. Ein Blick in die schwule Internet-Chat-Landschaft der Schweiz.

«Was suchst du?» - auf die Gretchenfrage des Chats gibt es viele mögliche Antworten. Sei's schneller Sex, ein romantisches Tête-à-Tête bei Kerzenlicht oder gar die grosse Liebe, der virtuelle Dialog öffnet Tür und Tor für die Befriedigung der unterschiedlichsten Bedürfnisse. Der Kick, in den Weiten des World Wide Web ein wenig Nähe zu finden, lockt täglich Millionen von Internet-Usern vor Bildschirm und Maus. Mittlerweile buhlen auch verschiedenste Schweizer Sites um die Gunst der schwulen Chatter.

Gaynet - Jahrmarkt der Eitelkeiten

Mit 44'000 registrierten Profilen und täglich 500-800 Usern online ist www.gaynet.ch eine der erfolgreichsten Schweizer Site. Die Website der Baarer Firma Alcontex ist ein Kommunikationsforum mit auffälliger Ähnlichkeit zur webumspannende Gaydar-Site (Eigenwerbung Gaydar: «What you want, when you want it»). Jeder Benutzer hat sein eigenes Profil mit Fotos, kommuniziert wird via Kurzmessages. Auf diesem Jahrmarkt der Eitelkeiten werden die verschiedensten Strategien angewendet, um einen Mann an Land zu ziehen: Seelenstriptease inklusive Rilke-Gedichte, Grossaufnahmen intimer Körperregionen, Angaben von horizontalen- und anderen Körpergrössen, aber auch Verfassen von differenzierten Charakterstudien. Wer zu faul ist, einen ganzen Roman über seine Person in die Datenautobahn hinauszujagen, befolge am Besten das Beispiel von «Dennis26», der sich der Internetgemeinde kurz und prägnant vorstellt: 26-180-60-18*5cut, shaved and horny, suck, fuck, rim, lick, cum, ws....that's it! Dass es auf www.gaydar.ch vor allem auch um das Eine geht, bestätigt ein Blick auf die Nicknames der User: Groupguys, blowjob, slave23 oder geilZH gehören zu den züchtigeren Varianten.

Kink - Nichts für schwache Nerven

Wer sich unter www.kink.ch in den eher fetisch- und S/M-orientierten Kink-Chat einlogt, ist gut beraten, seine Hemmungen im Bezug auf vulgäre Sprache vorher abzulegen. Ins Auge sticht in diesem Chat die Anlehnung vieler Pseudonyme an das Tierreich. Es wimmelt von Paarhufern und Exemplaren, die sonst die Zimmerwände von Wendy-Leserinnen im Teenie-Alter tapezieren. Allen Moralaposteln zum Trotz sind die Mitgliederzahlen des Kink-Chat seit April 1998 stetig gewachsen, heute zählt er 13'457 Accounts (Stand 20. November 02), wie Reto Rahm von Ministry of Kink berichtet. Mitte Dezember wird das Kink-Angebot im Premiumbereich erweitert, Hardcore-Chatter wird's freuen.

Gaychatter und Spot 25 - Einschränkung der Kampfzone

Schwule Chatter bilden keine Spezies, die vom Ausstreben bedroht ist. Umso mehr erstaunt es, dass im Sinne von Artikel 60 ff des Schweizerischen Zivilgesetzbuches ein Verein besteht, der laut Statuten die Förderung von homosexuellen Bekanntschaften durch moderne Kommunikationsmittel bezweckt. Ende 1999 gründeten vier Twens aus der Region Basel den Verein Gaychatter, der unter www.gaychatter.ch eine eigene Website betreut und regelmässig Treffen und Veranstaltungen in der realen Welt veranstaltet. Allerdings wurde das Wirkungsfeld dieser eingeschworenen Chatter-Gemeinschaft mit dem systembedingten Niedergang des Spot 25-Chats der schwulen Jugendgruppe Zürich empfindlich eingeschränkt. «Als ich den neuen Spot 25-Chat mit völlig veralteter Technologie zum ersten Mal sah, dachte ich, ich spinne. Der neue Spot 25-Chat ist absolut lahm und mühsam», so Christian von den Gaychattern. Jvo Maurer hingegen, der den neuen Webauftritt von Spot 25 gestaltete, begründet den Wechsel zu einem neuen Chatsystem mit dem geringeren Preis und der besseren Kontrolle, die gerade in einem von Jugendlichen besuchten Chat besonders wichtig sei. Totgesagte leben manchmal länger - vielleicht gilt diese Devise ja auch für den Spot 25-Chat.

Eine Internetlösung der