Nirgendwo ganz zuhause
Bisexuelle werden weder von Hetero- noch von Homosexuellen verstanden.

von Martin Ender und Albert Vischherr

Sie treten nirgends in Erscheinung, haben keine eigenen Treffpunkte, sind nicht erkennbar - sie sind in unserer Gesellschaft nicht vorgesehen, deshalb auch nicht sichtbar und doch existieren sie in grosser Zahl: die Bisexuellen. Sie haben keine typischen Verhaltensweisen und tragen keine spezielle Kleidung, sie können einander auch nicht erkennen. Und doch sind sie anders als die Andern, anders als die Hetero- und anders als die Homosexuellen. Da sie sich zu beiden Geschlechtern hingezogen fühlen, sind sie bei beiden Gruppen ein bisschen zuhause, aber nie ganz, und von beiden häufig nicht akzeptiert. Sie kennen zwei Lebensgefühle: das Weder-noch und das Sowohl-als-auch.

Wie oder wer sind sie denn?

Schwule, die nicht zu ihrem Schwulsein stehen können oder wollen? Heteros, die als «Modegag» oder aus Abenteuerlust die Grenzen der Normalität überschreiten? Oder sind Bisexuelle besonders natürliche und freie Menschen, die in ihren Beziehungen keine Grenzen setzen wollen? Das sind Fragen, welche die Bisexuellen sich selber immer wieder stellen. Und meistens bleiben die Fragen unbeantwortet. Wie auch immer: Es sind durch und durch unklare und unsichere Identitäten und Situationen, die sie bewältigen müssen. Bisexuelle, die sich outen, stellen häufig fest, wie viele andere Bisexuelle um sie herum leben: In der Familie, im Freundeskreis, in der Nachbarschaft, im Beruf, im Park, in der Sauna...

Gesprächsrunden bei den HAZ

Damit Bisexuelle wenigstens teilweise Antworten bekommen, die sie alleine kaum finden, bieten die HAZ (Homosexuelle Arbeitsgruppen Zürich) seit Mai 2002 als neues Angebot eine Gesprächsgruppe für bisexuelle Männer an. Geleitet werden diese durch einen Betroffenen, den Psychologen Albert Vischherr. Bisher sind zwei Gruppen mit je 8 Männern durchgeführt worden. Diese kamen bis Ende 2002 je 6 Mal in zweiwöchentlichen Abständen zusammen. Abgesehen von der gemeinsamen Bisexualität könnten die Teilnehmer dieser Gruppen nicht unterschiedlicher sein: Das Altersspektrum reichte von 23 bis 63 Jahren und ihre Lebenssituationen waren sehr unterschiedlich: Singles, Verheiratete, mit einer Frau Zusammenlebende, alleine lebend und mit einer Frau liiert. Einige Partnerinnen wussten von der homosexuellen Seite des Mannes, andere nicht, einige lebten ihre homosexuellen Bedürfnisse irgendwie aus, andere befürchteten, damit die Ehe zu gefährden und die Familie zu verlieren. Für alle teilnehmenden Männer aber war es ein Erlebnis, meist erstmals frei über ihre besondere Situation sprechen zu können und sich auf Anhieb verstanden zu fühlen.

Das Interview mit Edgar, einem Gruppenteilnehmer, zeigt anschaulich, wie wichtig das Angebot solcher Gruppenabende ist;


Albert Vischherr:
Was waren deine Beweggründe, um in dieser Gruppe mitzumachen?

Edgar
Ich bin seit fast vier Jahren verheiratet, habe in meiner Vergangenheit mehrere Frauen- und Männerbeziehungen gehabt. Ich dachte immer, entweder verdränge ich das eine oder das andere Sexualleben, je nachdem, ob ich intensiver mit Frauen oder mit Männern zusammen war. Ich erlebe in der Beziehung zu meiner Frau sehr viel Geborgenheit und Liebe, und dennoch, es fehlt mir der Männersex. Dieses ewige Hin und Her trieb mich dazu, mich endlich etwas genauer damit zu befassen. Wenn es nicht schwul ist und auch nicht total hetero, so muss die Sache irgendwo in der Mitte liegen, also bisexuell. Ich las ein oder zwei Bücher darüber, wollte aber unbedingt persönlich Männer kennenlernen, die in einer ähnlichen Situation sind.

Wie hast du die Gruppenabende erlebt?

Angenehm und auch spannend. Angenehm, weil ich das erste Mal offen speziell über meine Bisexualität und alle Aspekte rundherum reden konnte, ohne dass es irgendwie peinlich war, da weder die Heteros noch Homos meiner Erfahrung nach das Ganze irgendwie richtig nachvollziehen können (ich brauchte ja auch meine Zeit...). Spannend mitzukriegen, wie unterschiedlich einzelne Männer ihre Situation bewältigen - vom totalen Verschweigen ihrer Veranlagung gegenüber ihren Partnerinnen bis zur offenen Kommunikation und Integration ihrer Wünsche in die Beziehung. Ich fand es auch schön, mal nur unter Männern zu sein mit einem männerspezifischen Thema, und das hat uns auch verbunden.

Was hat die Gruppe dir gebracht?

Langsam entwickelt sich in mir das Gefühlt einer bisexuellen Identität, einer Selbstverständlichkeit, so zu sein. Man kriegt ja diesen Stil nicht einfach so vorgelebt, also muss man sich bemühen, ihn zu finden und für sich selber auch zu akzeptieren. Meine Frau weiss von meiner Doppelspurigkeit, trotzdem hat sie mit meinen gelegentlichen Ausschweifungen in den Männersex auch Mühe und Vorbehalte. Es ging also nicht um ein Comingout in meiner Beziehung. Meine Gruppenbesuche stärkten mich und gaben zwischen uns den Anlass, darüber wieder vermehrt zu sprechen.
Eine Gruppe heisst ja dann auch für meine Frau, dass ich kein Einzelfall bin und sie vielleicht diese Ausschweifungen nicht persönlich nehmen muss. Das ist ein recht langer Weg. Aber ich bin stolz darauf.


Gesprächsrunden für Bisexuelle Männer
Information und Anmeldung:

HAZ (Homosexuelle Arbeitsgruppen Zürich)
Sihlquai 67 8005 Zürich
www.haz.ch

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