Editorial
Schon wieder Party-Stimmung auf der Cruiser-Titelseite?

Liebe Leser und Leserinnen

Schon wieder Party-Stimmung auf der Cruiser-Titelseite? Wir hatten uns erst für eine andere Geschichte entschieden. Aber erstens kommt man an einer Angels-Party nicht vorbei und zweitens zwingt ein ganzseitiger Bericht in der Zürcher Tagespresse über die schwule Party-Szene der Sache mehr Gewicht zu geben.

Drei Tage nach der Party im Volkshaus titelte der Tages-Anzeiger «Koksen, tanzen und ein bisschen Sex». Die Reise beginnt kurz vor Mitternacht und der TA-Journalist «begleitet» drei knapp Dreissigjährige durch die Wochenend-Nacht und durch die Zürcher Bars, Parties und Clubs bis in den Morgen. Das Trio-Motto heisst: «Live the moment - morgen bist du tot»

Dem Hetero-Leser wird aufgezeigt: «in Zürichs Schwulenklubs geht jedes Wochenende die Post ab», «ein richtiges Partywochenende mit allem Drum und Dran kann locker 1000 Franken pro Nase verschlingen» und «dass es sich ein Club kaum leisten kann, keine Dealer zu haben» weil sonst die Gäste an einen andern Ort ziehen, wo die Stimmung dank Drogen gelöster ist.

Müssen Schwule und Lesben jetzt mit Neidern rechnen, weil sie scheinbar jedes Wochenende locker für pures Vergnügen 1000 Franken ausgeben können? Müssen sich Party-Veranstalter vor durchgreifenden Massnahmen fürchten? Werden die politischen Erfolge für die Community gar zunichte gemacht? Müssen nun junge Schwule und Lesben wieder Angst haben, sich zu outen, weil schwullesbische Lebensweise mit Sucht und Sumpf verknüpft wird?

Relativieren wir: die Party-Szene ist ein Teil der schwullesbischen Community. Und von der Party-Szene gehört wiederum nur ein Teil zu jenem harten Kern, der kein Wochenende auslässt. Zum drogenbeschleunigten Leben auf der Überholspur meint denn auch der Autor des TA-Artikels: «Natürlich ist es nur eine Minderheit aller Schwulen, die regelmässig solche Partys besucht». Überdies die «schwule» Party-Szene ist längst nicht mehr nur schwul. An der Party im Volkshaus schätzte man «etwa 60 Prozent Schwule und 40 Prozent Hereros».

Der Konsum von stimmungsstimulierenden Mitteln ist nicht das Problem der schwulen Community, sondern der ganzen Gesellschaft. Und es ist nicht nur das Problem der heutigen Zeit. Mit rauschenden und berauschenden Festen versuchte man schon im letzten Jahrhundert gegen Krisen und Kriegsängste anzugehen.

Hoffen wir, dass wir bald aus andern Gründen rauschende Parties feiern können: weil die Welt zur Vernunft gekommen ist und weil es uns ganz einfach wieder gut geht.


Martin Ender

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