Sydneys Erzbischöfe leisten Widerstand
Mit allen Mitteln wird die «natürliche Ordnung der Sexualität» verteidigt

von Michael Lenz


Herrschen in Sydney Zustände wie im alten Rom? Oder gar schlimmer? Für den Erzbischof der Anglikaner und den Erzbischof der Katholiken scheint es so. Die beiden führen den Kampf gegen Sittenzerfall Seite an Seite und bauen Sydney zur Metropole des Widerstands aus. Auch gegen Schwule und Lesben.

Katholischer Feldzug gegen Gays

Mit dem Segen des Vatikans zieht Sydneys Erzbischof George Pell gegen die Gays zu Felde. Nachdem der Erzbischof kürzlich vom Vorwurf des sexuellen Missbrauchs eines Jungen vor 40 Jahren freigesprochen wurde, berief der Papst seinen Gefolgsmann in das Leitungskomitee des «Päpstlichen Familienrates», zuständig für Themen wie Abtreibung, Empfängnisverhütung, Scheidung, Stammzellenforschung, künstliche Befruchtung - und Homosexualität. Wohlkalkuliert startete der so aufgewertete katholische Erzbischof eine antischwule Kampagne wenige Tage vor der Eröffnung des diesjährigen schwul-lesbischen Mardi Gras in Sydney. Auf seine Einladung zogen die Frontmänner der us-amerikanischen Organisation «Courage» - der katholische Priester John Harvey und der Psychologe Peter Rudegeair - mit der Botschaft durch australische Diözesen: «Homosexualität ist heilbar».

Anglikanischer Rückschritt

Der anglikanische Kollege, Erzbischof Peter Jensen, mauserte sich in den vergangenen Monaten als Anführer der konservativen und bibeltreuen Anglikaner, die Sturm laufen gegen Rowan Williams als neuen Erzbischof von Canterbury. Traditionell ist der Erzbischof von Canterbury das geistliche Oberhaupt der Anglikaner weltweit. Der liberale Williams tritt sowohl für die Ordinierung offen Homosexueller als auch von Frauen ein. Teufelszeug in den Augen des australischen Erzbischofs Jensen, der international von seinen konservativen Freunden als «Gegenpapst» zu Williams gehandelt wird. Zum Mardi Gras selbst schwiegen beide Kirchen beredt. Aus der Pressestelle der katholischen Erzdiözese verlautete hinter vorgehaltener Hand: manchmal ist keine Nachricht eine gute Nachricht. Ähnlich sahen es die Anglikaner.

«Acceptance - Gay Catholics».

Laut und fröhlich meldeten sich jedoch schwule und lesbische Christen in der Mardi-Gras-Parade zu Wort. Stärkste unter den religiösen Schwulengruppen waren die «Acceptance - Gay Catholics». Ihre simple Forderung: Anerkennung «unserer von Gott gegebenen Sexualität» und «Teilhabe an den Sakramenten als vollwertige Mitglieder der Katholischen Kirche». Lobenswerte Ziele, jedoch unerreichbar, solange Kirchenführer wie Pell und der Papst das Wort haben. Pell verweigert offen Homosexuellen die Heilige Kommunion und nickte zustimmend, als Courage-Priester Harvey auf einer Veranstaltung in Sydney verkündete: «Gott hat keine Homosexuellen erschaffen.» Michael Kelly, Sprecher der Organisation schwuler und lesbischer Katholiken «Rainbow Sash» in Australien sagte, diese «schwulenfeindliche Propaganda» könne Jugendliche auf der Suche nach ihrer sexuellen Identität zusätzlich «verwirren». Kelly betonte: «Australien hat nach den USA die höchste Selbstmordrate unter Jugendlichen und viele dieser Selbstmorde sind auf Probleme mit Sexualität zurückzuführen.»


«Neues Denken» gefordert

Theologieprofessor Gideon Goosen von «Australian Catholic University» in Sydney diagnostiziert: «Viele der traditionellen Kirchen erweisen sich als unfähig, mit der Zeit zu gehen. Zum Beispiel wird der autoritäre Führungsstil von jungen Leuten nicht akzeptiert.» Weltweit laufen der Kirche die Gläubigen davon, abgestossen durch die sexualfeindliche Haltung der Kirche einerseits und klerikale Kindersexskandale andererseits. Statt durch «Neues Denken» grundlegende Reformen einzuleiten, setze die Kurie in Rom konservative Bischöfe ein und diszipliniere «Abweichler», kritisiert Goosen.

Für den Papst geht es um mehr als die Verdammnis Homosexueller. Auf dem Spiel steht die 2003-jährige Existenz der katholischen Kirche. Zu gesellschaftlichen Themen wie Abtreibung, Verhütung, Kondome als Schutz vor einer HIV-Infektion, vor- und aussereheliche Sexualität sowie Scheidung wird die Kirche nicht einmal mehr von der Mehrheit ihrer Gläubigen ernst genommen. E. Michael Jones, Chefredakteur des ultra-konservativen, katholischen Magazins «Culture Wars» aus den USA klagt: «Grundsätzlich haben sie (die Progressiven) bisher jede Schlacht gewonnen…Die Schlacht zum Thema Homosexualität ist in vielerlei Hinsicht das letzte Gefecht. Wenn Homosexualität als OK angesehen wird, dann gibt es nicht mehr so was wie Natur. Das aber heisst, die Katholische Kirche lag vollkommen falsch mit ihrer Lehre einer natürlichen Ordnung der Sexualität.» Wie wahr.

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