Luzerner Skin als Fabrikdirektor
Skinhead Can (25) lanciert mit X-Factory Luzerns ersten Cruising-Event

Der Luzerner Can (25) gehört einer Minderheit in der Minderheit an: er ist schwuler Skinhead. In Zukunft wird er wohl nicht nur durch sein Outfit von sich reden machen. Mit X-Factory schickt er nämlich den ersten, regelmässig stattfindenden Luzerner Cruising-Event ins Rennen. Alles halb so wild oder ist die Innerschweizer Postkarten-Idylle in ernstlicher Gefahr?

Schwuler Skin

Ich treffe Can am Bahnhof Luzern und bin zunächst einmal erstaunt: Anstatt in Springerstiefeln und Bomberjacke begrüsst er mich in dunkelblauer SBB-Uniform. Und auch sonst scheint er nicht dem Klischee des bösen Skins zu entsprechen, freundlich und munter beginnt er von sich aus, über seine Arbeit als Zugbegleiter drauflos zu plaudern. Später sitzen wir vis-à-vis in einer Bar, ich bestelle ein Bier, er eine Cola. Zu Beginn unseres Gesprächs will ich von Can mehr über seine politische Einstellung erfahren: «Die meisten Leute sehen mein Outfit und denken dann ich sei rechts. Dies ist aber falsch. Ursprünglich hatte Skinsein überhaupt nichts mit Politik zu tun, die Bewegung ist in den sechziger Jahren in England aus der Arbeiterbewegung entstanden. Es gibt ja zum Beispiel auch linke Skins.» Dass sein Vater Türke ist, erzählt er mir erst nach dem Interview. Skinsein und Schwulsein - diese zwei Neigungen scheinen auf den ersten Blick nicht unbedingt zusammen zu passen. Can jedoch sieht darin keinen Widerspruch, er sei auch nicht Skin geworden, um sich seine Männlichkeit zu beweisen, er habe keine Mühe mit seinem Schwulsein, nur zeige er das halt nicht gross.

Allein auf weiter Flur

Mit seinem Lifestyle ist Can in der Innerschweiz ziemlich allein auf weiter Flur. Es sei sehr schwierig, Gleichgesinnte kennenzulernen. Die einzige Möglichkeit in der Schweiz seien allenfalls Fetisch-Parties, wobei dort eher «verkleidete Hobby-Skins» unterwegs seien, die sich vor allem mit dem Outfit und nicht mit dem Lebensstil identifizieren würden. Was denn der Skin-Lebenstil sei, will ich von Can wissen: «Saufen und Parties», kommt es wie aus der Kanone geschossen. Wobei wir beim Stichwort wären: X-Factory heisst Cans Baby, eine Cruising-Party, die in Zukunft monatlich stattfinden soll und für die er kräftig die Werbetrommel rührt. Pikant an der Sache: als Veranstaltungsort muss das Uferlos, Luzerns kleines aber feines schwullesbisches Zentrum herhalten. Auf der Website der X-Factory wird die Party mit folgenden Worten angepriesen: «Der Trieb des Mannes, die Wollust der Gefühle, gemeinsam mit den Fantasien sowie deinen Träumen, das ist die X-Factory.» Droht Sodom und Gomorrha in den Räumlichkeiten der Homosexuellen Arbeitsgruppe Luzern?

Viel Lärm um nichts?

Emil Steiner, Präsident der Homosexuellen Arbeitsgruppen Luzern (HALU) nimmt´s gelassen: «Bleiben wir auf dem Boden. Die Räumlichkeiten des Uferlos sind für einen Darkroom aus praktischen Gründen völlig ungeeignet, da es einfach zu wenig Platz hat. Man könnte höchstens in die Garderobe ausweichen, aber auch dort müsste man aus Platzgründen einen abwechselnden Turnus einführen (LACHT). Ich betrachte diese allgemeinen Werbephrasen eher als Kundenfang, und der ist schliesslich legitim.» Auch Can relativiert die Sprengkraft seiner Party, X-Factory sei keine Fetisch-Party, sondern auch ein Ort für Leute, «die einfach an der Bar ein gutes Gespräch führen möchten». Und ja es stimme, im Moment sei es im Uferlos noch ein Problem, «wenn zwei weiter gehen möchten, die sich kennengelernt haben.» Noch träumt er von einer fixen Lokalität, an dem man zum Beispiel auch einen S/M-Raum einrichten und somit auch ein grösseres Publikum über die Kantonsgrenzen hinweg erreichen könnte. Bis es aber soweit ist, wird wohl noch viel Wasser die Reuss herunter fliessen.

Die nächste Party findet am Freitag, 18. April 2003 statt. Türöffnung ab 21.00 Uhr. Weitere Infos unter www.x-factory.ch

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