Festival der schwulen Laune
Am 24. Mai singen in Riga 26 Länder um den Grand Prix Eurovision 2003

von Thomas Borgmann

Er ist seit Jahrzehnten der absolute Kneipen- und Klappen-Feger. Cruising, während im Fernsehen der Grand Prix Eurovision übertragen wird, ist so aussichtsreich wie weisse Weihnacht auf Gran Canaria. Der europäische Musikwettbewerb ist nach dem CSD für die meisten Schwulen das zweitwichtigste Ereignis des Jahres.


Begeisterung für das TV-Exotikum

Es gab Jahre, da wurde das Spektakel auch in Szenelokalen für den flagranten Ausdruck schlechten Geschmacks gehalten, gesehen hatten ihn aber trotzdem immer alle. Spätestens seit der Krönung von «Dana der Zweiten», die als Transsexuelle mit ihrem Song «Diva» 1998 die dritte Trophäe nach Israel brachte, ist die Affinität zwischen dem Grand Prix und der schwulen Gemeinde auch für Uneingeweihte nicht zu überhören. Und auch in der Szene zählt die Begeisterung für das TV-Exotikum schon lange zum guten schwulen Geschmack. Kaum ein Lokal aus dem Gay Guide, das an diesem Abend inzwischen nicht mit Grossbildleinwand, Fähnchen und Europa-Häppchen um die Gunst der Gäste wirbt.

Schliesslich bietet diese Veranstaltung ja auch alles, was in der Gaymeinde für Stimmung sorgt: ein Spiel mit schlechten Kostümen und kurzen Triumphen, Interpreten mit Trash-Appeal, Pop mit Pathos, den man auf MTV-Bühnen vergeblich sucht und schliesslich ein Wertungsschema, das nicht nur die Lieder grausam bestraft.

Angriffe auf Glanz und Glamour

Das Fossil der Fernsehgeschichte hat uns in seinen 48 Jahren auch schon bessere Jahrgänge serviert als den, den wir diesmal erwarten können. Schon allein wegen ihres letztjährigen Chart-Erfolgs «All The Things She Said» wird das vermeintliche Lesbenduo T.A.T.U. mit ihrem russischen Beitrag derzeit als Favorit gehandelt. Publicity verschafften sie sich zudem durch die Diskussion um eine mögliche Disqualifikation, weil sie ankündigten, während ihres Auftritts auf der Bühne onanieren und ihre Mikrophone als Gummivibratoren benutzen zu wollen.

Schwule Schlagerherzen können solche subversiven Angriffe auf Glamour, Glanz und grosse Gefühle kaum erfreuen. Bei dem Versuch, mit der bewussten Inszenierung der unfreiwilligen Komik des Contest punkten zu wollen, geht nämlich gerade die Leidenschaft und der Spass an der Sache gewaltig verloren. «Wadde hadde dudde da«, der deutsche 2000er Beitrag des TV-Spötters Stephan Raab, konnte bestenfalls seine Fans zum Mitfreuen motivieren, wahre Eurovisionsfreunde nahmen Raab den Verrat am Grand Prix ziemlich übel.

Auch die Schweiz kann wieder hoffen

Das Schlagerfest klingt auch in diesem Jahr wieder eher nach kurzem Verfallsdatum als nach europaweitem Evergreen. Doch auch schwache Jahrgänge können durchaus für eine gute Party sorgen, vorausgesetzt, man feiert sie in der richtigen Runde. Schliesslich ist der Grand Prix grad deshalb beste Unterhaltung, weil die ganze Show eine Zumutung ist, die nur gut goutiert werden will.

Im nächsten Jahr dürfen wir uns dieser Herausforderung übrigens gleich an zwei Abenden stellen. Um interessierten Kandidaten wie Albanien, Weissrussland oder den arabischen Ländern der Mittelmeerküste ihre Teilnahme nicht noch länger vorzuenthalten, findet ab 2004 am Vorabend des Grand Prix Eurovision ein öffentliches erstes Finale statt, bei dem über die Beiträge für den Samstagabend entschieden wird. Dann kann auch die Schweiz wieder damit rechnen, künftig in jedem Jahr dabei zu sein. Zumindest für die zweite Liga am Vorabend müsste das doch zu schaffen sein.

Der Grand Prix ist für Schlagerbars ein Pflichttermin:
Punkten und lästern in froher Runde kann man unter anderem in Thomy's Pigalle, Marktgasse14, Zürich, www.pigalle.ch



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