Bischöfe zwingen Bern in die Knie
Die neue STOP-AIDS-Kampagne erfreut nicht alle

von Martin Ender


Seit dem 22. April leuchten die gelben Plakate mit teils ironischen Texten in der ganzen Schweiz von den Plakatwänden. Ein Sujet jedoch wird nie zu sehen sein. Es wurde noch vor dem Aushang eingestampft. Die Bischöfe machten Druck.

Soldaten, denken beim Strammstehen!

Kurz vor Ostern wurde die Präventionskampagne 2003 des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) in Zusammenarbeit mit der Aidshilfe Schweiz den Medien vorgestellt. Die Plakate sollen indirekt ansprechen, indem sie «Autoritäten» wie Institutionen, Gruppierungen, Geschäfte, Akteure des gesellschaftlichen Lebens auffordern, über Prävention zu reden. So zum Beispiel die Wirte mit «Sehr geehrte Wirte, warum gibt's Gummiautomaten eigentlich nur auf der Herrentoilette?» Oder die Armee: «Stillgestanden! Ruhn! Und bitte denken beim Strammstehen, liebe Soldaten». Aber auch Eltern, die Schule, Gotten und Göttis erhalten Tipps, wie man das Thema AIDS im entsprechenden Kreis ansprechen könnte. «Wenn die Kinder schon nicht mehr an den Storch glauben, müsst ihr mit ihnen auch über Aids sprechen.»

Grüss Gott Herr Pfarrer....

Da die Kirche eine wichtige und immer noch einflussreiche Institution ist, wurden sie natürlich in die Kampagne mit einbezogen. Doch die Schweizer Bischöfe machen da nicht nur nicht mit. Sie intervenierten umgehend und äusserst heftig in Bern mit dem Argument, der Bund missbrauche den Sinn wichtiger Werte des christlichen Glaubens und mache die Haltung der katholischen Kirche lächerlich. Das Bundesamt für Gesundheit zog nach einer Aussprache mit den Bischöfen das Plakat zurück. Im Bundesamt hat man mit Reaktionen gerechnet, zeigte sich aber doch von der Stärke der bischöflichen Empörung überrascht und bedauerte, dass man den Witz und die Ironie nicht goutiere.
«Grüss Gott Herr Pfarrer, wenn Rom es schon nicht gerne hört, dass Sie über Verhütung sprechen, reden Sie doch über Präservative.». Das ist der strittige Text, einer von 87 deutschen, 40 französischen und 25 italienischen Plakattexten. Die meisten tönen sehr weltlich und lösen ganz einfach ein Schmunzeln aus wie der für Comic-Fans: «geifer, sülz, lechz, schmus, fummel, hechel, Gummi, stöhn. STOP AIDS»


«Es könnte gefährlich ansteckend sein, wenn die
Medien zum Thema Aids schweigen würden.»

Es gibt schönere Titelgeschichten als das Thema Aids. Auf die Gefahr hin, dass der CRUISER für einmal nicht zur Lieblingslektüre wird, steht Aids ganz vorne. Die Medien, auch die schwullesbischen, haben eine Verantwortung. Schweigen ist jetzt alles andere als Gold. Es ist verdammt gefährlich.

Die katholische Kirche geht den gefährlichen Weg. Und verdammt nach wie vor Prävention mit dem Pariser. Den Schweizer Bischöfen fällt es schwer, das Wort «Präservativ» in den Mund zu nehmen. Von «Schütze deinen nächsten wie dich selbst» wollen sie nichts wissen. Von Mann zu Mann sowieso nicht.

«25% mehr HIV-Fälle im letzten Jahr: reicht das, um Aids in der Schweiz wieder ernst zu nehmen?» Der Kirche reicht es scheinbar nicht. Und dass die HIV-Fälle unter Männern, die mit Männern Sex haben sogar um 37% zugenommen haben, ist den katholischen Geistlichen kein Grund zum Nachdenken.

Die Kirche hat in unserer christlich geprägten Kultur immer noch grossen Einfluss. Und damit auch Verantwortung. Den Einfluss hat sie genutzt. Sie hat das Bundesamt für Gesundheit dazu gebracht, ein umstrittenes Plakat einzustampfen. Jetzt müsste aber die Verantwortung folgen, ganz im Sinne eines der italienischen Sujets: «L'Aids non è un peccato: è il tema di und buona predica». (Aids ist keine Sünde, eher Thema einer guten Predigt.)

Aber halten wir nicht ausschliesslich der Kirche eine Strafpredigt. Wie konnte es soweit kommen, dass die Ansteckung mit dem HIV-Virus wieder derart zugenommen hat?
Die Schwulen waren die ersten Betroffenen, sie waren die ersten, die sich konsequent schützten und jetzt sind sie scheinbar wieder die ersten, die den Schutz vernachlässigen.

Seit Aids nicht mehr sichtbar ist, steigt die Gefahr der Ansteckung. So hart es für die Betroffenen bis zur Mitte der 90er Jahre war, ihre Hauflecken oder ihre Auszehrung bis auf Haut und Knochen waren wandelnde Warnung vor der tödlichen Krankheit. Diese Warnung wirkte. Männer, die Männer liebten, die Männer geliebt hatten, lebten nach dem Motto «im Minimum en Gummi drum!». Man redete und diskutierte offen darüber. Und das wirkte.

Die Medizin machts zwar möglich: Aids jagt keinen Todesschrecken mehr ein. Aber Aids ist nach wie vor unheilbar. Nur behandelbar - zu sehr hohen Kosten. Es gibt weiterhin nur einen Weg. Und der heisst, Verantwortung. Sich selbst und dem (jeweiligen) Partner gegenüber.

Vielleicht wäre wieder mal ein Fingerzeig fällig von Charles Clerc wie damals in der Tageschau vom 3. Februar 1987.

 

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