Hurra Jura, die Pride ist da!
Die Romandie will Homosexualität in der Region zur Sprache zu bringen

Vom 5. bis zum 6. Juli findet die diesjährige Gay Pride unter dem Motto «simplement faire reconnaissance» in Delémont statt. Im Jura sind Vorbereitungen für die grösste schwullesbische Demo der Romandie in vollem Gange. Pfadi und schwule Jugendgruppe gemeinsam als Zeltplatzbetreiber - der jüngste Kanton der Schweiz und letzte Kanton der Romandie, der noch keine Pride beherbergt hatte, scheint für einmal die Nase vorn zu haben. Ein Augenschein in Delémont, rund sechs Wochen vor dem Final Countdown.


Eine Demo mit Ausstrahlung

Spätestens seit den Kontroversen rund um die Pride in Sion vor zwei Jahren ist die wichtigste schwullesbische Manifestation der Romandie auch ins Bewusstsein der Schwulen und Lesben jenseits der Saane gerückt. Damals kämpfte eine Gruppe um die charismatische Galionsfigur Marianne Bruchez beherzt gegen ein homophobes Klima, für welches sich rechtskonservative und rechtskatholische Kreise verantwortlich zeichneten. Der Lausanner Filmemacher Lionel Baier brachte die skandalträchtige und bewegte Geschichte dieser Pride schliesslich in die Schweizer Kinos, die Jeanne d'Arc der Schweizer Lesben und Schwulen war geboren. Zu guter Letzt siegte an jenem denkwürdigen Tag im Wallis Toleranz über Verstocktheit und Ausgrenzung. Was zurück blieb, war aber vor allem der Eindruck, dass es eine kleine Gruppe geschafft hatte, Homosexualität in einer Region zur Sprache zu bringen, die bis anhin ihre schwulen und lesbischen Mitbürger und Mitbürgerinnen ganz einfach ignoriert hatte. Der Vorteil des «welschen CSD» liegt vielleicht gerade darin, dass Schwule und Lesben nicht einfach durch die Strassen einer Grossstadt ziehen, wo man ihnen gegenüber inzwischen doch einigermassen offen und tolerant eingestellt ist, sondern sich vor Ort auch auf provinzielleres und härteres Terrain begeben, um auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen. So auch dieses Jahr im Jura.

Ein offener Jura

Ortstermin in Delémont. Rosmarie und Mathieu vom Organisationskomité der Pride holen mich am Bahnhof ab. Zu Fuss laufen wir die Umzugsroute Richtung Altstadt hoch. Während sie mir die verschiedenen Orte zeigen, an denen ihre Pride stattfinden wird, ist deutlich die Vorfreude auf den 5. Juli zu spüren und in ihren Gedanken rollen wahrscheinlich schon die Chars, die Lovemobile der Gay Pride, durch die verwinkelten Gassen der malerischen Altstadt. Im anschliessenden Gespräch in einem typisch jurassischen Bistro spreche ich Mathieu und Rosmarie auf die Situation von Schwulen und Lesben im Hauptort des Juras an: «Die Situation ist schnell erklärt, im Jura gibt es fast nichts ausser dem Verein Juragay. Schwule und Lesben, die ein grosses Selbstbewusstsein haben, bleiben hier verwurzelt, die anderen gehen weg, sobald sie die Möglichkeit dazu haben, zum Beispiel nach Lausanne oder Neuchâtel. Aber ich denke nicht, dass es hier schwieriger ist als in einer Stadt, das Problem ist einfach, dass es, wie in vielen anderen Randregionen auch, keine schwule Szene gibt. Damit kann ich aber leben.», so Mathieu vom Organisationskomité. Auch Rosmarie sieht keine grossen Schwierigkeiten: «Durch seine Geschichte ist der Kanton Jura sensibler gegenüber Minderheiten. Ich denke, dass auch die Nähe zur Deutschschweiz und zu Frankreich zur Offenheit der Jurassier beiträgt.» Die Organisatoren sehen die Pride vor allem als Chance, für ein Wochenende den kleinen Kreis von Juragay zu sprengen und sich der Bevölkerung zusammen mit Schwulen und Lesben aus der ganzen Schweiz vorzustellen. Für das Kennenlernen oder Anders-Kennenlernen steht denn auch das Motto der diesjährigen Pride: simplement faire reconnaissance. Bevor wir die restlichen Mitglieder des Organisationskomité treffen, möchte ich von Mathieu wissen, wie er sich die schweizweite Austrahlung der Pride erkläre: «Die Pride ist meiner Meinung nach eine der einzigen Gay-Demos, die wirklich alle Milieus vereint. Zum einen einmal Lesben und Schwule, was schon sehr selten ist, dann mischen sich zum Beispiel auch Drag Queens mit Normalos. Die Pride ist vielleicht das einzige Fest, wo man wirklich eine Identität spürt. Diese Identität spürt man am CSD weniger, da er doch sehr kommerziell ausgerichtet ist und politisch nicht unbedingt so viel wie eine Pride bewirkt.»

Delémont - just à côté

Später sitze ich im kleinen, aber gemütlichen Vereinslokal von Juragay mitten in einer hitzigen Runde, rund sechs Wochen vor dem Startschuss bespricht das Organisationskomité an der wöchentlichen Sitzung, wie die ganze Schweiz möglichst effizient und flächendeckend mit Flyern eingestreut werden soll. Eine gute Werbestrategie scheint dieses Jahr besonders wichtig zu sein, schliesslich liegt Delémont am äussersten Rand der französischsprachigen Schweiz. Ein Zeltplatz, den die örtlichen Pfadi zusammen mit Dialogai, der schwulen Jugendgruppe Genf, betreut, soll ein zusätzlicher Anreiz sein, ein Wochenende im Jura zu verbringen. Zudem hoffen die Pride-Macher, dass sich auch die Deutschschweizer das reichhaltige Programm vom Gottesdienst bis zur Afterhour nicht entgehen lassen. Alles in allem gibt sich Mathieu optimistisch: «Klar ist die geographische Lage von Delémont auch ein Risiko. Aber gerade die Leute aus den Städten finden eine Pride in einem kleinen Städtchen putzig. Zudem braucht man von Genf nur zwei Stunden im Zug hierher, Basel ist sogar nur eine halbe Stunde entfernt. Wir haben die Pride extra so geplant, dass man das ganze Wochenende hier verbringen kann.» Bis allerdings die ersten Pride-Teilnehmer ihre Invasion auf Delémont starten können, hat das Organisationskomité, dessen ältestes Mitglied übrigens stolze 74 Jahre zählt, noch alle Hände voll zu tun. So ist denn auch bei meiner Abreise wohl eine der wichtigsten Fragen noch ungeklärt: Wer darf Michael von der Heide, der am Samstagabend auftritt, von der Garderobe zur Bühne begleiten? Spätestens bis am 5. Juli wird wohl auch diese Frage geklärt sein.

Inos: www.gaypride.ch

 

 

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