Strafpredigt aus Rom
Erpresserischer Gewissensdruck auf katholische Politiker.

Von Martin Ender

Der Deutsche Kardinal Ratzinger ist nach dem Papst der mächtigste Kirchenfürst. Als Chef der vatikanischen Glaubenskongregation, der ehemaligen Inquisitionsbehörde, legt er fest, was katholischer Glaube ist. Zu den «schweren Verirrungen» zählt der 76jährige die staatliche Legalisierung der Homo-Ehe.

Dem Deutschen muss es ein Dorn im Auge sein, dass gerade in seinem Heimatland Homosexuelle seit zwei Jahren standesamtlich heiraten dürfen, und dass dort der Begriff Homo-Ehe in der Alltagsprache Einzug gehalten hat. Ratzinger erklärt, die Homosexualität sei schon an sich ein beunruhigendes Phänomen»... «noch bedenklicher wird es in den Ländern, die homosexuellen Lebensgemeinschaften eine rechtliche Anerkennung bereits gewährt haben oder gewähren wollen.»


Höllisch schwere Vorwürfe

Das fundamentalisitische Donnerwetter kommt nicht von ungefähr gerade jetzt. Heute werden sogar in katholischen Monopol-Ländern wie Italien und Spanien Schwulen-Ehen auf politischer Ebene diskutiert. Als zwischen 1989 und 1995 der Reihe nach Dänemark, Norwegen, Schweden und Island die weitgehende rechtliche Gleichstellung homosexueller Lebensgemeinschaften mit der Ehe einführten, kümmerte das Rom noch wenig. Der Anteil der Katholiken an der Bevölkerung hält sich dort knapp unter oder über der 1% Grenze. 2002 folgte im Norden noch Finnland mit einem Katholikenteil von sogar nur 0,2%. Seit Länder wie die Niederlande, Frankreich, Deutschland und Belgien (1998 - 2003) die rechtliche Gleichstellung von Homosexuellen kennen, sieht Kardinal Ratzinger Rot. In diesen Ländern verfügt die katholische Kirche über Bevölkerungsanteile von 32 bis 80 Prozent! Den Ländern Dänemark, Island, den Niederlanden und Schweden, die homosexuellen PartnernInnen auch die Adoption gewähren, macht das Ratzinger-Papier höllisch schwere Vorwürfe: «Das Einfügen von Kindern in homosexuelle Lebensgemeinschaften durch die Adoption bedeutet faktisch, diesen Kindern Gewalt anzutun.»


Fundamentaler Schwulenhass
Der fundamentale Schwulenhass, der im neusten, vom Papst abgesegneten Papier einmal mehr deutlich wird, ist nicht neu. Neu ist, dass die Kirche in diesem Fall nicht die Gläubigen anspricht, sondern den Politkern ins Gewissen redet: «Diese Erwägungen haben auch zum Ziel, die katholischen Politiker in ihrer Tätigkeit zu orientieren und ihnen die Verhaltensweisen darzulegen, die mit dem christlichen Gewissen übereinstimmen, wenn sie mit Gesetzesentwürfen bezüglich dieses Problems konfrontiert werden.»
Aber auch mit Drohungen kann die Liberalisierung in der politischen Gesetzgebung weder aufgehalten noch rückgängig gemacht werden. Sogar Bayerns Ministerpräsident Stoiber, der vor zwei Jahren über das Karlsruher Gericht das deutsche Homo-Ehe-Gesetz kippen wollte, einigte sich mit der CDU-Chefin Angela Merkel: «Wir werden nichts unternehmen, um die Gesetzeslage in Frage zu stellen.»


Gesetzesentwurf nicht in Gefahr
In der Schweiz sehen sich katholische Politiker Rom gegenüber kaum verpflichtet. So sagt denn auch CVP-Präsident Philipp Stähelin: «Ich treffe meine Entscheidung nach eigenem Wissen und Gewissen.» Auch die CVP-Bundesrätin Metzler steht hinter dem schweizerischen Gesetzesentwurf (allerdings ohne Möglichkeit der Adoption und künstlichen Befruchtung) Den Begriff «unsittliche Handlung» weist sie zurück und meint: «für mich sind die Werte der Toleranz, der Nächstenliebe und des Respekts christliche Grundwerte, die einen fundamentalen Charakter haben und die mich bei der Vorbereitung des Gesetzesentwurfs geleitet haben.»

«Legalisierung des Bösen»
Doch eine Kampftruppe gegen «die Legalisierung des Bösen» gibt es dennoch. An vorderster Front steht Bischof Koch im Bistum Basel. Er löste gleich eine unglückliche Debatte aus über das C (christlich) in der CVP. Tage später verstrickte sich Christoph Casetti, Domherr im Bistum Chur und Bischöflicher Beauftragter für Ehe und Familie, bei Reto Brennwald in der Rundschau des Fernsehens DRS in theologische Spitzfindigkeiten. 10 Tage vor seinem Amtsantritt als Weihbischof von Zürich stellt Paul Vollmar im Tages-Anzeiger seine Erfahrung als allgemeingültig hin: «mir ist noch nie ein glückliches homosexuelles Paar begegnet.» Auf die Frage, ob denn Homosexualität des Teufels sei, gibt er die Standardantwort der katholischen Kirche: Nein, wir unterscheiden zwischen der Veranlagung und der praktizierten Homosexualität. Wir weihen ja auch ohne weiteres Homosexuell empfindende Priester. Was wir aber nicht annehmen können ist die praktizierte Homosexualität.

Dazu stellt «Der Spiegel» in Deutschland fest»: «Der Anteil schwuler Priester gilt Experten als ausgesprochen hoch. Das Milieu in den Priesterseminarien ist ideal, und später wird der Zölibat als Erklärung dafür akzeptiert, warum man sich so gar nicht für Frauen interessiert. Eine US-Umfrage unter 1200 Priestern ergab, dass in der Gruppe der 25 bis 35-Jährigen 47 Prozent homosexuelle Erfahrungen gesammelt hatten. Insider höhnen deshalb, die grösste transnationale Schwulen-Organisation sei die Katholische Kirche selber.»

Bekennend schwul - und Bischof!
US-Anglikaner haben Gene Robinson zum Bischof berufen.

Während Rom zur Jagd auf schwules und lesbisches Treiben bläst, wurde in den USA zum erstenmal in der 2000-jährigen Geschichte des Christentums ein bekennender homosexueller Mann in das Bischofsamt berufen. Reverend Gene Robinson (56) aus dem US-Bundesstaat New Hampshire ist geschieden, hat zwei Töchter und lebt seit 14 Jahren in fester Partnerschaft mit einem Mann zusammen. Die Entscheidung der anglikanischen Bischöfe auf ihrer jährlichen Konferenz blieb bis zu letzt unsicher. Die konservativen Kirchenführer drohten eine Kirchenspaltung an und sprachen nach der Wahl von einem «traurigen Tag», zumal das Ergebnis mit 62:43 klar ausgefallen ist und die nun getroffene Entscheidung nach anglikanischem Kirchenrecht von keiner andern Instanz mehr revidiert werden kann.

Der neue Bischof glaubt nicht, dass seine Wahl die anglikanisch-eskopale Gemeinschaft spalten wird. Das sei auch nicht so gewesen, als die ersten Frauen ordiniert und in den Bischofsstand erhoben wurden. Für ihn muss die Kirche Abbild der Gesellschaft sein. Und somit ist es wichtig, dass nach der Aufnahme von Frauen und farbigen Menschen jetzt auch Schwule in das Haus der Bischöfe aufgenommen werden.

 

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