Kapitale mit spätem Coming Out
«Niech nas zobacza» (schaut uns an) - ein Anfang zur Offenheit in Warschau

Von Thomas Borgmann

Unter schwulem Blickwinkel galt Polen im Westen lange als Provinz. Zu Unrecht, denn die Hauptstadt Warschau wird für Gays zunehmend interessant. Die Clubs und Kneipen sind aber nicht immer leicht zu finden, denn eindeutige Hinweise wie die Regenbogenfahne sieht man kaum in der Stadt

Mit 1,7 Millionen Einwohnern ist Warschau zweifellos eine der grössten Städte Mittel- und Osteuropas. In schwuler Hinsicht stand die polnische Hauptstadt aber immer hinten an. Während sich Budapest, Prag und selbst Moskau mit der Öffnung nach Westen schnell zu Gay-Metropolen entwickelten, bekamen die polnischen Schwulen nach der Befreiung vom Kommunismus das ka-tholische Korsett zu spüren. Aber der Einfluss der Kirche geht auch in Polen allmählich zurück.


Die Gottesmutter am Revers
Mit der Gottesmutter am Revers begann «Solidarnosc»-Führer Lech Walesa 1980 seinen Kreuzzug gegen das kommunistische Regime. Als die demokratische Opposition neun Jahre später die ersten freien Wahlen gewann, unternahm die Kirche alle Anstrengungen, um die katholische Moral im öffentlichen Leben juristisch zu verankern. Als neuer politischer Partner intervenierte sie beispielsweise massiv gegen die bisherige Fristenlösung bei der Abtreibung und verurteilte jede Form von Sexualität, die nicht an die Zeugung gebunden bleibt.

«Niech nas zobacza»
Auch wenn der Klerus mit dem Verlust der oppositionellen Rolle gegen das kommunistische Regime längst nicht mehr über seine bisherige Anziehungskraft verfügt, bleiben die Weisungen des Vatikan in Polen auch heute nicht ungehört. Ausser in klösterlicher Gemeinschaft sieht das katholische Konzept gleichgeschlechtliche Lebensformen nun mal nicht vor, und das blieb für Schwule nicht folgenlos. Erst jüngst machte die «Liga der katholischen Familie» gegen eine Aktion der «Kampagne gegen Homophobie» mobil. Plakate, auf denen schwule und lesbische Paare händchenhaltend mit dem Schriftzug «Niech nas zobacza» (schaut uns an) mehr Akzeptanz einforderten, waren innerhalb einer Woche verschwunden oder wurden beschmiert. 69 Prozent der Polen lehnen eine rechtliche Gleichstellung von homosexuellen Partnerschaften kategorisch ab. Drei Viertel der polnischen Schwulen befürchten bei einem Outing noch immer erhebliche Nachteile am Arbeitsplatz.

EU und Antidiskriminierungsgesetz
Gleichwohl ist Polen auch für Schwule nicht verloren. Mit dem Beitritt zur Europäischen Union im nächsten Jahr werden auch die katholischen Hardliner an Einfluss verlieren, die Ge-rüchten zufolge dem Land durch Sonderverträge das Abtreibungs- und Antidiskriminierungsgesetz der EU vorenthalten möchten. Jungen Schwulen sind durch die Anbindung des Landes an den Westen und durch den weltweiten Austausch über das Internet die Ängste der älteren Generation ohnehin schon ziemlich fremd. Bei der diesjährigen «Gleichberechtigungsparade» am 1. Mai wagten sich 3000 Menschen in Warschau auf die Strasse. Beim ersten Versuch zwei Jahre zuvor waren es nur 200 Teilnehmer und doppelt so viele Polizisten. Die Autorität der Kirche erhielt zudem einen herben Rückschlag, als im letzten Jahr bekannt wurde, dass selbst der Erzbischof von Posen, Juliusz Paetz, den sexuellen Reizen einiger Priester nicht wi-derstehen konnte. Nicht nur in der Szene amüsierte man sich über den Skandal um die «Paetz Shop Boys».

Gay Life zwischen Ost und West
Was die Szene angeht, braucht Warschau den Vergleich mit westeuropäischen Metropolen ohnehin nicht mehr zu scheuen. Rund ein Dutzend einschlägiger Bars und Kneipen findet man inzwischen hier, die meisten im Zentrum unweit des Kulturpalasts. Klassiker der Szene sind zweifellos der «Fantom Club» und das «Paradise». Das «Fantom» mit Cruising Aerea und angeschlossener Sauna beweist, dass nicht alle Polen überzeugte Katholen sind, und wenn doch, sie sich zumindest nicht zwangsläufig an die christliche Ethik halten. Möglichkeiten für einen Quicky findet man ausserdem im «Club Volcano» und im «Przychodnia». Der «Klub Paradise» gilt, trotz seiner dezentralen Lage, als der grösste und populärste Schwulen-Treff in ganz Warschau. Hier lässt man zu Technomusik die Hüften kreisen. Ebenso im jüngsten Kind der Szene, dem «Inferno». Erst vor zwei Jahren öffnete die noble «Galeria Utopia», gefolgt vom «Kokon Cub» in der Altstadt und dem «Miami Cafe Club». Einen kompletten Szene-Führer mit Beschreibungen zu den einzelnen Locations findet man unter www.warsaw.gayguide.net.

Nicht immer leicht zu finden
Die Clubs und Kneipen sind nicht immer leicht zu finden, denn auf eindeutige Hinweise wie einer Regenbogenfahne wird auf Rücksicht auf die sensible Kundschaft meist verzichtet. Türsteher wie vor dem «Kokon» oder «Utopia» zeigen, dass sich Warschau tatsächlich dem Westen genähert hat. Noch vor kurzem war eine Gesichtskontrolle beim Einlass hier eher unbekannt. Heute muss man gelegentlich schon schön oder reich für die Party sein. Gleichwohl wirkt aber die Atmosphäre in den meisten Lokalen äusserst ungezwungen und sehr entspannt. Zudem sind die Getränke für Besucher aus dem Westen noch immer ziemlich billig. Das gilt allerdings nicht für die Übernachtungspreise. Hier langt man in Warschau gern kräftig zu. Eine Alternative mag die erste Gay-Pension in Polen bieten. Ab ca. 50 Euro bekommt man im «Friends Guest House» (www.gay.pl/friends) ein Zimmer mitten in der Szene.

Preiswert sind übrigens auch die Zugfahrten in Polen. So zahlt man für die knapp sechsstündige Bahnfahrt von Berlin nach Warschau noch nicht einmal 50 Franken. Warum also beim nächsten Berlin-Trip nicht gleich auch Warschau mit besuchen? Wobei die polnische Hauptstadt den «Umweg» über Berlin eigentlich gar nicht nötig hat.

 

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