Sagt der CSD Zürich Ade?
Der Verein CSD Zürich steht vor einem einschneidenden Entscheid

Von Martin Ender

Bereits an der Generalversammlung im Vorfeld des CSD 2003 wurde das Thema schon einmal kurz zur Diskussion gestellt. Soll der CSD Zürich, der sich als Anlass für die Gay-Community der ganzen Deutschschweiz versteht, gerade aus diesem Grund auf «Tournee» gehen durch die verschiedenen Kantone? So wie die Gay Pride in der Romandie, die Jahr für Jahr in einer andern Kantonshauptstadt stattfindet. Ende Oktober werden an der GV die Würfel fallen.

Die Meinungen sind geteilt. Die Palette der Ansichten reicht von «So ein Blödsinn! - der CSD gehört zu Zürich» bis zu «Eine Demo in Zürich ist nicht mehr nötig». Auch im Vorstand des Vereins «Gay Pride - Christopher Street Day Zürich» sind die Ansichten gegensätzlich. Um einer Meinungsbildung näher zu kommen, hat man interessierte Kreise zu einem Diskussionsanlass eingeladen. Zudem hat der Vorstand all seine Mitglieder schriftlich um eine Stellungnahme zum brisanten Thema gebeten. Aus dem Rücklauf von rund 10% kann natürlich noch keine klare Aussage erwartet werden, zumal sich vor allem die politisch interessierten zu Wort gemeldet haben.

Es gibt gute Gründe, aufs Land zu ziehen
Das Motto des CSD 03 «Landauf - Stadtab» hat auf die Problematik hingewiesen:
In der Stadt - vor allem in Zürich - lässt es sich gut LesBiSchwul leben. Die Aufklärung der Hetero-Welt hat stattgefunden. Viele Vorurteile sind abgebaut. Am Arbeitsplatz können sich Lesben und Schwule offener verhalten. Im Kanton Zürich ist die Registrierung unterdessen möglich. Aus politischer Sicht ist es nicht mehr zwingend, in Zürich zu demonstrieren.

Logischerweise müsste man nun also die Forderungen aufs Land hinaustragen, da wo die Gesellschaft noch nicht so offen ist und da, wo es noch keine Partnerschaftsgesetze gibt.
Und vor allem jetzt, da auf Bundesebene der Gesetzentwurf diskutiert wird. Was eine schwullesbische Präsenz in einer konservativen Region bewirken kann, hat uns vor zwei Jahren das Wallis gezeigt. Die Auseinandersetzungen rund um die Gay Pride in Sion lösten ein Medienecho aus, das seinesgleichen sucht.

Die Zürcher CSD-Demo hingegen ist im Sommer eine unter anderen und die bunte Parade lässt die Hälse der Passanten auch nicht mehr so recken wie in früheren Zeiten. Wenn es also darum geht, Aufmerksamkeit zu erlangen, direkte Diskussionen auszulösen, ist eine Demo in der Provinz mit Sicherheit angesagter.


Es gibt viele Gründe, in der Stadt zu bleiben.
Der CSD hat ja nicht nur seine politische Seite. Er CSD ist ein Festtag. Ein Tag, an dem die Community offen ihre Lebensfreude zeigt. Und ein grosses Fest lässt sich in Zürich, erfolgreicher durchführen als irgendwo in der Provinz. Hier sind die meisten Lesben und Schwulen zuhause. Hier kann mit zusätzlichen Besuchern von ausserhalb gerechnet werden (umgekehrt wohl weniger). Hier sind die Gaybetriebe und Clubs, ohne deren grosser Zustupf die Durchführung des Festes nicht möglich wäre. Und hier können auch besser Sponsoren gefunden werden, weil ihnen eine grosse Besucherzahl garantiert werden kann. (Mit den Sponsorengeldern wird ein wesentlicher Teil der CSD-Kosten gedeckt).


Der Spagat
Seit Jahren übt sich der Vorstand des CSD-Vereins im Spagat, Politik und Gay-Festival unter einen Hut zu bringen. Bisher ist es ihm ganz gut gelungen einen Konsens zu finden zwischen allen Meinungen und Wünschen der Beteiligten. Dass dies Knochenarbeit ist und halt nicht ohne Reibungsverlust abgeht, zeigt, dass von neun Vorstandsmitgliedern inzwischen bereits zwei aus dem Vorstand ausgeschieden sind und auf die GV angeblich zwei weitere (Stefan Eberli und Thomas Voelkin) nicht mehr zur Wahl antreten wollen.
Der CSD hat in den letzten Jahren politisch aufgerüttelt und vieles erreicht.
Nun muss man sich aber im Klaren sein, dass der politische Aspekt Jahr für Jahr weniger Gewicht haben wird. Gerade, weil die politische Arbeit bisher so gut gemacht wurde. Es will also gut überlegt sein, ob sich jetzt der späte Spagat zwischen Stadt und Land noch lohnt. Freuen wir uns doch, dass der CSD Jahr für Jahr mehr Fest wird.


Die Vision

Der CSD wird nicht verschwinden. Als Gedenktag an die Ereignisse in der New Yorker Christopher Street wird er bleiben. Auch wenn Diskriminierungen verschwunden sein werden. Auch wenn die Gleichstellung in aller Konsequenz erreicht sein wird. Dann wird es in Zürich hoffentlich ein riesiges Gay-Festival geben. Natürlich organisiert vom CSD-Verein. Vielleicht zu einem runden Jubiläum. Zum 50. Gedenktag an Stonewall - das wäre ja schon im Jahr 2019!


Entscheidende Generalversammlung

Die Generalversammlung des Vereins «Gay Pride - Christopher Street Day Zürich»
vom 30. Oktober wird kaum «as usual» ablaufen. Noch nie standen so zukunftsbestimmende Traktanden an. Zum einen müssen mindestens vier von neun Vorstandsmitgliedern ersetzt werden. Zum zweiten wird zur Abstimmung gebracht, ob der CSD wie bisher Jahr für Jahr in der Stadt Zürich stattfinden soll oder alternierend an einem andern Ort. Wichtige Weichstellungen, die von den Vereinsmitgliedern bestimmt werden müssen. Eingeladen zur Diskussion sind alle Interessierten. Stimmberechtigt sind allerdings nur die Vereinsmitglieder. Eine Jahresmitgliedschaft Für Fr. 20.- (und somit die Stimmberechtigung) kann jedoch noch vor der GV noch gelöst werden.)
30. Oktober um 19.30
Volkshaus Zürich

Eine Internetlösung der