Nur das Geld zählt
Singapurs schwulenpolitischer Frühling

Von Michael Lenz

«Andere Länder mögen Homosexualität akzeptieren, wir in Singapur können das nicht». Das war bis vor kurzem die Haltung der Regierung. Nun verfolgt sie einen weniger rigorosen Kurs. Ministerpräsident Goh Chok Tong hat sogar die Aufhebung des Berufsverbotes für Homosexuelle im öffentlichen Dienst verfügt.


Es ist Frühling in Singapur. Natürlich nicht jahreszeitlich. Die südostasiatische Metropole kennt nur zwei meteorologische Jahreszeiten. Die heisse, trockene im Sommer und die heisse, nasse im Winter. Frühling ist's vielmehr im politischen Sinne. Noch genauer gesagt: im schwulenpolitischen. Singapurs Ministerpräsident Goh Chok Tong nämlich hat in einem viel beachteten Interview mit dem Magazin «Time Asia» die Existenz von Schwulen und Lesben in seinem kleinen Reich anerkannt und gar die Aufhebung des Berufsverbotes für Homosexuelle im öffentlichen Dienst verfügt. «Ich hätte niemals geglaubt, dass ein Premierminister von Singapur so etwas sagen würde», staunte noch zwei Monate später Yap Kim Hao, einer der prominentesten Geistlichen Singapurs.

Bisher nur heimliche Treffen

Yap Kim Hao, stolzer Ehemann, Vater und Grossvater war Mitte September Gastprediger bei dem ersten Öffentlichen Gottesdienst der Organisation schwul-lesbischer Christen in Singapur, Safehaven. Zwar konnte die Messe nicht in einer Kirche stattfinden. Die christlichen Konfessionen sind auch in Singapur samt und sonders konservativ, und sie protestieren lautstark gegen die vorsichtige schwulenpolitische Öffnung des Premierministers. Aber dass der Gottesdienst immerhin in einer Kunstgalerie stattfinden konnte, feierten die gut 60 Teilnehmer schon als grossen Fortschritt. «Bisher konnten wir uns nur heimlich in Privatwohnungen treffen», sagt George Bishop, einer der Gründer der Gruppe.

So richtig öffentlich, in einem Café, versammelten sich Anfang August erstmals gut 100 User einer schwul-lesbischen Internetmailingliste, die von prominenten Schwulenaktivisten wie Kelvin Wong, Alexander Lau oder auch Vincent betrieben wird. Noch vor zwei Jahren wurden Anträge auf schwule Veranstaltungen rigoros von der Regierung abgefertigt und verboten. «Andere Länder mögen Homosexualität akzeptieren, wir in Singapur können das nicht», sagte seinerzeit Innenminister Wong Kann Seng.

Meinungsbildung in «The Straits Times»

Was hat jetzt den Umschwung bewirkt? Die Schwulenaktivisten sind sich einig, dass die Regierung schon länger einen weniger rigorosen Kurs verfolgt. In den vergangenen Jahren publizierte die Tageszeitung «The Straits Times» immer wieder grössere Artikel zu Themen wie «Pink Dollar» über die Wirtschaftskraft der Gay Community oder schwul-lesbische Events wie den Mardi Gras in Sydney. «Die «Straits Times» wird zwar nicht von der Regierung kontrolliert», sagt George Bishop, «aber sie ist regierungsnah und gibt gewöhnlich Diskussionsprozesse innerhalb der Regierung wieder.» Jetzt habe es wohl der Premierminister an der Zeit gefunden, selbst einen Stein ins Wasser zu werfen und die Reaktionen zu testen. «Diese sind milde ausgefallen», erzählt Bishop. Lediglich konservative christliche Kirchen hätten sich lautstark mit Protesten zu Wort gemeldet. «Hindus, Moslems und Buddhisten hingegen haben sich still verhalten.» Kein Wunder, hat der Regierungschef doch auch klar gestellt, dass an eine Änderung der Gesetzeslage, die Homosexualität kriminalisiert, nicht gedacht sei. Goh Chok Tong fröhlich: «Das ist ein doppelter Standart - ich muss aber auch Rücksicht nehmen auf Moslems und andere konservative Bürger.»


Globalisierung fördert die Öffnung

Vincent glaubt, dass das Internet und die Globalisierung Ursachen für den Schwenk sind. Aber auch wirtschaftspolitische Gründe spielten eine Rolle. «Im Wettbewerb mit anderen Standorten wie etwa Hongkong oder Sydney muss Singapur liberaler werden.» Der Kneipenwirt kennt Singapurs repressive Schwulenpolitik wie kaum ein anderer. Betreibt er doch das älteste Schwulenlokal der Stadt. «Es war in den 15 Jahren nicht immer einfach», grinst er. Heute hat «Vincent's Lounge» einige Konkurrenz bekommen. Bars, Discos, Saunen locken auch in Singapur. «Singapur ist dabei, sich zum neuen Schwulenmekka Asiens zu entwickeln», sagte Stuart Koe Chef des schwul-lesbischen Internetportal Fridae, gegenüber westlichen Medien.

Namhafte Sponsoren

NationPride03, die von Fridae veranstaltete inoffizielle CSD-Party Singapurs, habe mit 5000 Besuchern mehr als doppelt so viele Teilnehmer angezogen wie die Veranstaltung im Jahr 2002. Und die meisten seien aus den umliegenden asiatischen Ländern gekommen. Auch die Zahl der Sponsoren habe sich erfreulich erhöht. Darunter waren so illustre Namen wie L'Oreal, Emporio Armani, Yeo Hiap Seng (Pepsi and Evian) und Diners Club. Francis Tan, Generalvertreter des Autoherstellers Subaru und einer der Hauptsponsoren, sagte gegenüber der «Straits Times», die Unterstützung schwulenfreundlicher Events sei zwar eine reine Geschäftsentscheidung. Aber diese habe auch eine moralische Dimension: «Wir zeigen deutlich, dass wir Schwule und Lesben nicht diskriminieren.» Das versteht auch die Regierung von Singapur. Handel, Wandel und Profit war seit der Gründung Singapurs 1819 durch den Briten Stamford Raffles der einzige Existenzweck des Inselstaates.


Vincents Lounge
5, Duxton Road älteste Schwulenbar In Singapur

Taboo
21 Tanjong Pagar Road, Mekka des schwulen Nachtlebens.

Towel Club
6 Yoke Yew Street http://www.towelclub.com Die neueste Sauna der Stadt

One Seven
17 Upper Circular Road www.oneseven.com.sg Grösste und angesagteste Sauna Singapurs

Alles über Gay Singapur und andere asiatische Länder bietet das Internetportal Fridae (http://www.fridae.com)


Eine Internetlösung der