Projekt «santé gaie»
Sind wir so gesund, wie wir glauben?

von Martin Ender


Da geht doch ein grosser Teil der Schwulen regelmässig ins Kraftraining, treibt Sport, achtet aufs Essen und nimmt sich Zeit für die Körperpflege. Und nun soll ausgerechnet diese körperbewusste Gruppe gar nicht so «gesund» sein? Eine Befragung von Dialogai und dem Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universiät Zürich im Rahmen des Projekts «santé gaie» liefert erschütternde Zahlen.

Den Schwulen geht es gut - ein Mythos

Die Ansicht, die Schwulen hätten - mal abgesehen von der Aidsproblematik - ein schönes Leben, ist immer noch weit verbreitet: Keine Kinder, ein gutes Einkommen, Parties und (Sex-) Kontakte, soviel sie wollen...Was will man mehr? Die Resultate der in Genf durchgeführten wissenschaftlichen Studie zeigen ein gravierend anderes Bild. Es kommen Tabus zum Vorschein und etliche Leiden bei einer Grosszahl der Schwulen. Ein Bild in diese Richtung zeichnete auch das schwule TV-Magazin «Anderstrend» vom Oktober. Es deckte auf, dass beispielsweise die Magersucht nicht nur ein Problem junger Frauen ist, die dem Model-Schönheitsideal nacheifern, sondern dass diese Krankheit auch unter jugendlichen Schwulen verbreitet ist.


Dialogai - Pionier in der Schweiz

Dialogai ist ein Schweizer Sonderfall: Schwulenorganisation und zugleich auch verantwortlich für die Aids-Prävention (andernorts sind dafür die Aids-Hilfen zuständig). Dialogai hatte längst festgestellt, dass die Präventionsarbeit nicht mehr so wirksam ist wie auch schon. Aus diesem Grunde hat die Organisation im Jahr 2000 nach einer neuen Ausrichtung gesucht. Sie sollte sich nicht nur fokussieren auf HIV / Aids, sondern von dem Ansatz ausgehen, dass die Gesundheit weit mehr ist, als das Fehlen von Krankheit oder Invalidität. Gesundheit wurde definiert als «Zustand des Wohlbefindens in körperlicher, physischer und sozialer Hinsicht». Dialogai wollte auch wegkommen vom Präventionsansatz des letzen Jahrzehnts. Die vergangenen Konzepte sprachen mit Vorliebe von «Männern, die mit Männern Sex haben». Das Konzept der Zukunft in Genf sollte weitergefasst sein und über die Sexualität hinaus die ganze schwule Identität umfassen.


Das Projekt

Um diesem Thema gerecht zu werden, wollte Dialogai eine seriöse Bedürfnisabklärung machen. Kernstück bildeten zwei wissenschaftlichen Phasen, in denen eine enge Zusammenarbeit zwischen Praktiker und Forscher stattfand. In der ersten Phase wurden verschiedene Diskussionsgruppen durchgeführt mit Schwerpunkten wie: Was denken Schwule allgemein über Gesundheit, was für Themen sind für Schwule wichtig, was verstehen sie unter Lebensqualität? Die Beteiligten waren froh darüber sprechen zu können und HIV / Aids nahm bald den kleinsten Platz ein. Umsomehr wurden Themen zur psychischen Gesundheit angesprochen.

In einer zweiten Phase wurde eine Gesundheitsbefragung in der Szene Genf durchgeführt. Sie deckte mit 550 Fragen sehr viele Lebensbereiche ab bis hin zu Arbeit, soziale Unterstützung, Liebe, Beziehung, Gesundheitsversorgung, Sexualität, Drogenkonsum, Spiritualität, Freizeit, körperliche Tätigkeit, Ernährung, soziale Umweltstressfaktoren (Sigmatisierung, Gewalt). In Bezug auf die Themenauswahl ist die Befragung umfassender als alle bisherigen in der allgemeinen Bevölkerung. Neben Fragen über körperliche und psychische Symptome und Störungen vertieft sie natürlich schwulenspezifische Themen wie Sexualaität oder Coming out.


Die Umsetzung

Dialogai verfügt nun über eine Grundlage, ein neues umfassendes Gesundheitskonzept für die Gay-Community in Genf zu erstellen. Daraus können konkrete Ansätze entstehen, die die Gesundheit von schwulen Männern gezielt verbessern werden.

Mit der Unterstützung von Aids-Hilfe Schweiz, HAZ, NETWORK, MediGay und PINK CROSS wird in Zürich eine Tagung organisiert, an der die Genfer Zahlen vorgestellt werden. Dabei soll auch diskutiert werden über eine Adaption des Projektansatzes für Zürich und die deutsche Schweiz.

Samstag am 22. November, im Vortragssaal des Museums für Gestaltung in Zürich, 09.30 bis 17.00 (freier Eintritt).

Der Fachmann Jen Wang

Jen Wang ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Zürich. Er ist Epidemiologe, arbeitet in der Forschung und ist seit 1991 im HIV / Aids-Bereich tätig. Nach seinem Fachstudium in den USA kam er nach Europa. In Barcelona half er beim Aufbau einer engen Zusammenarbeit zwischen der katalanischen Regierung und der schwulesbischen Organisation in Sachen Prävention und Epidemiologie mit. Seit 8 Jahren arbeitet er in der Schweiz. Michael Häusermann von Dialogai kennt Jen Wang aus einer früheren Zusammenarbeit und so lag es nahe, dass er ihm die wissenschaftliche Betreuung des Projekts übergab. (Jen nimmt seine Wichtigkeit zurück und meint lachend «die Auswahl unter schwulen Epidemiologen ist vermutlich nicht so gross in der Schweiz). Jen Wang nahm die Arbeit gerne an, da die Idee nicht von den Behörden kam, sondern direkt von einer Schwulenorganisation.

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