«Ich bin ein Profi»
Keine Bekenntnisse eines «Sexarbeiters», sondern Titel des neuen Buchs von Philipp Tingler

von Kurt Büchler


Sowohl in Philipp Tinglers erstem Buch «Hübsche Versuche» wie auch in «Ich bin ein Profi» steht eine Figur im Mittelpunkt, die ordnungsliebend ist und pünktlich und ihren Mercedes liebt. Ausserdem beobachtet dieser Erzähler mit nervösem Sinn und reizbarem Auge seine Mitmenschen. Das ist lustig. Sein Blick zielt auf die Gesellschaft und ihre Typen in den verschiedensten Sphären - vom Personal des Auswärtigen Amtes über die Repräsentanten des Literaturgeschäfts bis hin zum Publikum in den Tingel - Tangel - Lokalen fünfter Ordnung, zum Beispiel. (so steht's in Philipp Tinglers Website)

In «Ich bin ein Profi» lässt der Erzähler den Leser in sein literarisches Tagebuch gucken. Er lässt ihn an seinem Leben mit den unsäglichen Freuden und ganz wenigen Qualen teilhaben. Einkaufen in Zürich mit seinen Freunden, Ausgehen in Zürich mit seinem Lebenspartner und alleine. Eine Reise zum Hochbegabten-Treffen in Berlin. Seine Arbeit als Schriftsteller. Und schliesslich die Reise nach Klagen-furt zum Ingeborg-Bachmann-Preis. Bevor es ganz arg wird oder mindestens kurz danach tritt sein Lebenspartner Richard in Erscheinung und sagt ihm jeweils ordentlich laut: «Halt besser die Klappe». Es macht Spass, ihn zu begleiten und ihn auch über andere berühmte Zeitgenossen (seltener Zeitgenoss-innen) herfallen zu sehen. Im Tagebuch erscheinen immer wieder Hinweise auf Erinnerungen und Reflexionen oder kurze Geschichten. Es ist harte Arbeit für den Schriftsteller, über 500 Seiten zu schreiben, aber auch für den Leser, sie zu bewältigen. Aber es tut nicht weh, will heissen, es macht sehr viel Spass! «Überhaupt schenkte ich einen hübschen Teil meines Lebens dem Spiegel und zerbrach mir über einen neuen Krawattenknoten gern einige Wochen den sorgfältig frisierten Kopf.»

Philipp Tingler, wer bist du?
Das ist eine sehr umfassende Frage.

Also, du bist bestimmt ein fröhlicher Mensch!
Ja, ich bin wahnsinnig fröhlich und lebensbejahend. Genau wie der Erzähler in meinen Tagebüchern.

Dein Erzähler führt ein Tagebuch. Schreibst du jeden Tag «DEIN» Tagebuch?
Natürlich arbeite ich mit Notizen. Ich will Milieus und Sphären genau wiedergeben.

Dann arbeitest du mit einem Zettelkasten?
Mit einem Computer-Zettelkasten, sozusagen. Da habe ich meine Ordner, Register und Schlagworte. Ich will, dass die Einzelheiten stimmen: die Orte, die Räume, zum Beispiel beim Auswärtigen Amt in Berlin.

Warum lebst du - als Berliner - ausgerechnet in Zürich?
Ich mag Zürich. Die Stadt hat alles, was ich brauche. Inklusive dem herrlichen internationalen Flughafen, falls man sie schnell mal verlassen möchte. Der Flughafen Zürich Kloten ist einer der besten Flughäfen, die ich kenne.

Und Berlin hast du vergessen?
Ich bin häufig in Berlin. Ich bin gerne dort. Es ist ganz anders als Zürich. Berlin ist schneller, aggressiver - auch kaputter. Ich möchte augenblicklich nicht unbedingt dort leben.

Wie teilst du deine Zeit auf zwischen Arbeit und Freizeit?
Meine Arbeit am Institut für Wirtschaftsforschung kann ich flexibel einteilen, ich schreibe wissenschaftliche Arbeiten am Schreibtisch zu Hause. Auch die schriftstellerische und journalistische Arbeit erledige ich zu Hause. Ich arbeite auch am Abend, auch am Samstag oder Sonntag. Wichtig ist für mich, dass ich bestimmen kann, wann ich aufstehe und wann ich was machen will.

Dein erstes Buch «Hübsche Versuche» spielt hauptsächlich in Zürich?
Ja - und das erste Buch wurde vor allem in der Schweiz besprochen und bekannt. Für das zweite Buch interessiert sich nun in grösserem Masse auch Deutschland.

Kennst du die Gründe dafür?
Das hängt bestimmt auch mit den Passagen zusammen, in denen es um Berlin geht, und nicht zuletzt mit dem Literatur-Wettbewerb in Klagenfurt.

Arbeitest du schon am nächsten Buch?
Ich habe verschiedene Projekte im Kopf, etwa ein Theaterstück, einen neuen Roman oder auch eine Sammlung mit kleineren Sachen.

Also kein neues Buch in den nächsten Monaten?
In den nächsten drei Monaten bestimmt nicht. Ein Buch zu schreiben bedeutet harte Arbeit. Da kommt Steinchen auf Steinchen. Das ist wie der Bau eines Hauses. Schliesslich muss es verputzt werden. Dann kommen Ornamente dazu. Und einige Orna-mente werden jeweils wieder abgeschlagen.

Du bist wohl sehr streng mit dir?
Ich bin jedenfalls nie schnell zufrieden. Ich schreibe sehr rasch eine Rohfassung. Und die überarbeite ich dann wieder und wieder, bis ich das Gefühl habe: Besser kann ich's nicht.

Noch eine Frage: Ist das dein persönliches Tagebuch?
Ich war in Berlin, ich war in Klagenfurt und habe dort am Bachmann-Wettbewerb einen Beitrag gelesen. Im Tagebuchroman ist es ein Erzähler, der die Reisen und Begegnun-gen aufschreibt - lacht - ich bin viel höflicher als der Erzähler!

Der ist doch manchmal schon ein bisschen, na ja, sagen wir mal, arrogant?
Bestimmt. Aber der Erzähler ist auch mit sich selbst nicht eben zimperlich; er weist auch auf die eigenen Schwächen und Verfehlungen hin, und das macht seine Arroganz erträglich. Und sogar unterhaltsam!

OK. und als Nächstes?
Ich starte mit einer Lesetournee. Am 3. Dezember um 20.30h ist Premiere in der Dach-kantine im Toni-Areal. - Vorverkauf: BIZZ, Scalo Books & Looks und Dachkantine. Eigentlich ist es mehr als eine Lesung, es werden auch Filmclips gezeigt, und es ist Musik dabei.

Viel Spass und weiterhin viel Erfolg!

Philipp Tingler zu seinem Buch: «Dieses Buch ist noch dicker und hübscher als mein erstes, und manche Leute finden es auch weniger neurotisch. Das Buch ist fest in seinen Überzeugungen, es hat Charakter, es ist ab und zu sogar brutal, es ist immer ein wenig sexy - es ist wie Zürich.»

Mehr von und über Philipp Tingler auf www.philipptingler.com.

 

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