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Sieg! 118 : 50 !
Der Rechtsrutsch
kann das Partnerschaftsgesetz kaum aufhalten
von Bernhard Pulver
Anfang Dezember hat der Nationalrat das Bundesgesetz über die eingetragene
Partnerschaft für gleichgeschlechtliche Paare verabschiedet. Ein
Nichteintretensantrag von fundamentalistisch-christlicher Seite und von
der SVP wurde mit 118 : 50 Stimmen deutlich abgelehnt. Während die
religiösen Gegner der Vorlage vor allem mit moralischen Argumenten
aus einem anderen Jahrhundert argumentierten, witterte SVP-Sprecher Ulrich
Schlüer eine Aufblähung der "Bürokratie" (obwohl
für das Partnerschaftsgesetz auf die bestehenden Zivilstandsämter
zurückgegriffen werden kann und keine neuen Stellen geschaffen werden
müssen).
Wesentliche Verbesserungen,
aber keine Adoption
Die Ratsmehrheit liess
sich von solchen (Schein-)Argumenten nicht beirren und nahmen das Gesetz
praktisch vollumfänglich so an, wie es der Bundesrat vorgeschlagen
hatte. Damit werden gleichgeschlechtliche Paare schon bald in Ausländerrecht,
Erbrecht, Steuerrecht und vielen anderen Gebieten den Ehepaaren gleichgestellt.
In einigen Bereichen sind jedoch unterschiedliche Regeln vorgesehen -
insbesondere bei der Adoption, die auch in Zukunft den Ehepaaren vorbehalten
bleibt.
Das Partnerschaftsgesetz geht nun in den Ständerat, wo es im März
oder im Juni behandelt werden dürfte. Wenn alles gut geht, könnte
es noch vor dem Sommer definitiv von beiden Räten verabschiedet werden.
Abstimmung 2005
Anschliessend kann
das Referendum ergriffen werden: Sammeln die Gegner des Gesetzes innert
100 Tagen 50'000 Unterschriften, so muss es einer Volksabstimmung unterbreitet
werden. Die religiös-fundamentalistische EDU hat bereits angekündigt,
dass sie die 50'000 Unterschriften sammeln wolle. Eine Abstimmung ist
damit im Frühjahr oder Sommer 2005 zu erwarten. Bereits heute bereiten
sich Pink Cross, die LOS und zahlreiche andere lokale und nationale Organisationen
auf diese Abstimmung vor. Entsprechende schweizerische Strukturen wurden
schon geschaffen. Um die Abstimmung zu gewinnen, brauchen diese Organisationen
natürlich die Unterstützung aller Schwulen und Lesben. Schon
jetzt gilt es, Freunde, Bekannte und Verwandte für ein JA zur Partnerschaft
zu gewinnen!
Wie weiter ohne
Frau Metzler?
Im Abstimmungskampf
ist nicht nur unser Engagement, sondern auch das des Bundesrates wichtig.
Die Auftritte der Mitglieder der Regierung haben in der Kampagne grosses
Gewicht. Natürlich steht der Bundesrat auch nach den Bundesratswahlen
vom 10. Dezember noch hinter dem Gesetz. Mit der nicht wiedergewählten
Ruth Metzler hatten wir Schwulen und Lesben jedoch eine engagierte und
beherzte Verfechterin unserer Anliegen. Sie hat das Partnerschaftsgesetz
vorangetrieben, welches zuvor von Arnold Koller auf die lange Bank geschoben
worden war. Ob Bundesrat Blocher in dieser Abstimmung Stricke zerreissen
wird, wissen wir noch nicht. Besorgnis ist aber angebracht. Die SVP hat
im Parlament mit fadenscheinigen Argumenten gegen die Vorlage gekämpft.
Das macht es möglich, dass auch Bundesrat Blocher nur halbherzig
hinter unserem Anliegen stehen könnte.
Unser Engagement
ist damit umso wichtiger.
Ein Hoffnungsschimmer
besteht trotzdem: Die SVP als Partei wird sich wohl zweimal überlegen,
ob sie mit einer grossen Nein-Kampagne eines der ersten Geschäfte
aus dem Departement ihres Bundesrats bodigen will. Umso mehr, als diese
Frage kaum ein Geschäft im Kerngebiet ihres Engagements (Einbürgerungen,
Flüchtlinge, Finanzen) darstellt. Ohne massiven Sukkurs der SVP dürften
die christlichen Fundamentalisten wohl chancenlos sein.
Das Ja zur gleichgeschlechtlichen Partnerschaft ist also auf gutem Weg.
Nach dem Rechtsrutsch vom 10. Dezember ist aber zu fürchten, dass
es andere Anliegen von Schwulen und Lesben (Antidiskriminierung, Aids-Prävention)
in Zukunft schwieriger haben könnten. Unser politischer Einsatz ist
in den nächsten Jahren gefragter denn je.
Dem
Zwischenhoch "Ruth" folgt Sturmtief "Christoph"
Werden künftig
Anliegen von Schwulen und Lesben weggefegt?
von Martin Ender
Ex-Bundesrätin
Ruth Metzler hatte sich für Schwule und Lesben stark gemacht. Am
2. und 3. Dezember wurde im Nationalrat über das Partnerschaftsgesetz
debattiert und abgestimmt. Die Gegenargumente vermochten kaum zu überzeugen.
Doch die Debatte zeugt von der tiefen Unsicherheit, die homosexuelle Beziehungen
nach wie vor auslösen. Vor allem im Lager der Rechten (oder Richtigen?)
Männer.
Bundesrätin Ruth
Metzler hat aus den untersten Schubladen ihres Vorgängers Arnold
Koller ein Dossier hervorgeholt, das dort vor Jahren abgelegt wurde: Das
Partnerschaftsgesetz. Sie hat die Sache zügig vorangetrieben. Selbst
Schwulen- und Lesbenorganisationen waren überrascht, dass das Geschäft
bereits anfangs Dezember in den Nationalrat kam. Man hat mit einer Behandlung
erst 2004 gerechnet. Die Lichterketten-Aktion in der Berner Altstadt "grünes
Licht für das Partnerschaftsgesetz" musste von den Organisatoren
kurzfristig vorgezogen werden.
Zu schnell
Auch einige Parlamentarier konnten mit dem Tempo nicht mithalten. So zum
Beispiel der Berner Christian Waber "...ich meine auch die Frau Bundesrätin,
die hier mit Schumi'-Geschwindigkeit legiferierte". Oder der
Thurgauer J. Alexander Baumann: "Im Juni 2002 nahm der Bundesrat
vom Ergebnis der Vernehmlassung Kenntnis und erteilte noch vor Ende Jahr
den Auftrag - die Prioritäten sind deutlich -, die Botschaft zu unterbreiten.
Fürwahr ein herausragendes Beispiel zügiger, um nicht zu sagen
beschleunigter Gesetzgebung. Doch ist das neue Gesetz auch so gut, wie
es schnell war?"
Zu weltoffen
Andere Parlamentarier waren offensichtlich von Ruth Metzlers Weltoffen-heit
überfordert. Es wurden Rückweisungsanträge und Nichteintretensanträge
gestellt. Man hätte am liebsten über die Anliegen der Schwulen
und Lesben in der Schweiz geschwiegen. Vor allem aber fanden die Parlamentarier
der EVP/EDU- und der SVP-Fraktion das Gesetz als unnötig. Es kamen
die sattsam bekannten christlich-fundamentalistischen Argumente mit Rückgriffen
auf Kategorien wie "natürlich" und "widernatürlich"
zur Sprache (EDU). Für die EVP sind Schwule und Lesben eine (mathematisch?)
zu vernachlässigende Grösse. Und die SVP in ihrem Sparwahn befürchtete
eine neue Bürokratie mit grossen Kostenfolgen. (Auszüge der
Reden siehe Kasten)
Zu erfolgreich
Bundesrätin Ruth Metzler wehrte sich erfolgreich gegen diese Angriffe.
Mit sachlichen Argumenten und mit Ausführungen bis ins Detail überzeugten
zudem Felix Gutzwiller (FDP) im Namen der Kommission, Ruth Genner namens
der grünen Fraktion, Claude Janiak (SP) Basel und Doris Leuthard
(CVP) Aargau. Sie alle machten sich stark für das Partnerschaftsgesetz
und erreichten ein glanzvolles Abstimmungsergebnis.
Wie weiter mit
Blocher?
Ruth Metzler, eine treibende Kraft für dieses Gesetz, ist inzwischen
nicht mehr Bundesrätin. Nach dem konservativen Arnold Koller war
sie Hoffnungsträgerin für eine junge, offene Politik. Nun folgt
Christoph Blocher. Er wird nicht hinter diesem Gesetz stehen, wenn es
im Ständerat behandelt und anschliessend aller Voraussicht nach aufgrund
eines Referendums zur Volksabstimmung kommen wird. Denn was er vom Gesetz
hält, macht seine Stimmabgabe (noch als Nationalrat) deutlich. Ja
zum Rückweisungsantrag. Nein zum Antrag auf Eintreten. Er wollte
also die Diskussion und die Abstimmung im Parlament verhindern. Bei der
entscheidenden Schlussabstimmung hat er gar nicht teilgenommen.
Bundesrat Blocher
wird das Gesetz nicht verhindern können. Es ist auf der Zielgeraden.
Aber weitere Anliegen von Schwulen und Lesben werden kaum Gehör finden
im konservativen Männergremium. Und vom Sturm des Sparens werden
auch andere Minderheiten-Anliegen erfasst und weggefegt
Die Nein-Sager
Christian Waber (BE) für die EDU: "...gleichgeschlechtliche
Lebensformen werden schon lange nicht mehr diskriminiert. Das Gegenteil
ist der Fall. Keine andere Minderheit fordert mit einem starken weltweiten
Netzwerk ihre so genannten Rechte, das mit einer Vehemenz, die oftmals
an Frechheit grenzt. An Schulen und in der Öffentlichkeit wird das
Schwulsein als schön verkauft und als normal deklariert. Wenn wir
als glückliche heterosexuelle Menschen an den Schulen das Neue Testament
verteilen wollen, wird uns das verboten. Wertneutral' heisst das
Zauberwort des Verbotes.... Die Akzeptanz und Förderung der Homosexualität
verändert unsere Gesellschaft nachhaltig; Ehe und Familien geraten
ins Visier derjenigen, die ihre verfehlte Sexualität als mögliche
Alternative anpreisen. Normal wird, was Lust und Vergnügen dient,
und die Spassgesellschaft spendet freudig Applaus."
Ruedi Aeschbacher
(ZH) für die EVP:
"Wir anerkennen, dass es eine Vielzahl von Lebensformen gibt, auch
gleichgeschlechtliche. Wir akzeptieren dies und stellen fest, dass diese
heute auch ohne wesentliche Einschränkungen gelebt und die Beziehungen
nach Wunsch der Betroffenen geordnet werden können. Ein neues Institut
der eingetragenen Partnerschaft ist daher nicht nötig, zumal es auch
nur eine verschwindend kleine Minderheit unserer Bevölkerung betreffen
würde."
Ulrich Schlüer
(ZH) für die SVP: "Es geht bei diesem Gesetz nicht um Gleichstellung.
Es geht nicht darum, eine bestehende Diskriminierung aufzuheben. Mag sein,
dass früher Menschen leiden mussten, die homosexuell waren; das bestreiten
wir nicht. .... Wir wenden uns dagegen, dass nun wieder ein neuer bürokratischer
Apparat geschaffen wird, obwohl die Frage der Diskriminierung gelöst
ist. Es muss heute weder beruflich noch sonstwie jemand wegen Gleichgeschlechtlichkeit
eine Diskriminierung erleiden..... Diese Bürokratie ist unnötig,
zumal sie sich als besonders herrliche Bürokratie ankündigt.
Was hat diese zu tun? Diese Bürokratie hat Ungleichheiten zu fixieren,
damit Gleiche, die gleicher sein wollen als andere Gleiche, tatsächlich
gleicher werden als andere
Gleiche. Da öffnet sich ein Eldorado für jeden Bürokraten,
der sich in diesen Gefilden bewegen darf...So können wir gut und
gerne auf dieses neue Gesetzeswerk verzichten. Verzichten wir
darauf. Ich ersuche Sie im Namen der SVP-Fraktion, für Nichteintreten
zu stimmen."
Die Referendumsankündigung
Nach der Schlussabstimmung meldete sich Christian Waber EDU, zu Wort:
"Die Angstkeule und die Diskriminierungshysterie in diesem Rat haben
voll gewirkt. Als gute Demokraten akzeptieren wir natürlich dieses
Resu0ltat. Mein Glaube ist sehr gross, aber den Berg des Ständerates
kann ich nicht beeinflussen. Ich glaube nicht daran, dass der Ständerat
hier noch etwas ändern wird. Also akzeptieren wir als gute Demokraten
dieses Resultat. Aber zu den Auswirkungen dieses Gesetzes - wir haben
gesehen, wie viel abgeändert werden muss - muss das Volk noch Stellung
nehmen. Wir werden also nach vorliegendem Resultat des Ständerates
das Referendum ergreifen. Es werden uns sehr viele Parteien und Vereine
unterstützen, und vor allem wird uns ganz sicher auch die Basis der
hier anwesenden christlichen Parteien in ihren Stammlanden unterstützen.
Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir das Referendum zustande bringen
und dieses Gesetz dem Volk vorlegen können, sodass es dazu noch Stellung
nehmen kann."
Eine Internetlösung
der
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