Streit um die Gay Games 06
Hiermit erkläre ich die Gay Games für....verdoppelt

Von Michael Lenz

Die Gay Games stecken in der Krise. Nach einem kurzen, aber heftigen Streit hat sich Montreal im vergangenen November als Austragungsort der Gay Games 2006 von der Federation of Gay Games (FGG) als lizenzgebende Organisation gelöst. Die FGG sucht jetzt händeringend eine neue Gastgeber-stadt für die 7. Gay Games, während Montreal mit seinen Planungen für ein schwul-lesbisches Sportfestival wohlgemut fortfährt. Es wird also in Zukunft zwei Gay Games geben, obwohl die kanadische "Dissidentenveranstaltung" offiziell so nicht heissen darf.
Der Streit ging vordergründig um die Grösse der Gay Games und ihre Finanzierung. Nachdem die letzten vier Gay Games allesamt in tiefroten Zahlen endeten, wollte sich die FGG ein grundsätzliches Mitspracherecht in der Budgetgestaltung genehmigen. "Wir bestanden darauf, dass die Gastgeberorganisation den Sport absolut in den Mittelpunkt ihrer Planung stellt, und erst wenn die Finanzierung des Sportevents sichergestellt ist, könne andere Veranstaltungskomponenten ins Auge gefasst werden", betont Robert Mantaci, Ko-Vorsitzender der FGG. Genau diese "anderen Komponenten" der Gay Games Parties, Kulturveran-staltungen, politische Konferenzen hatten spätestens bei den Gay Games von Sydney die Überhand genommen. Sport, so schien es, war in den Augen der Veranstalter etwas, um die Zeit zwischen zwei Parties totzuschlagen. Ein Konzept, das seinerzeit von der FGG gutgeheissen worden war. Jetzt aber hat sich die Federation, die das Recht an dem Label "Gay Games" besitzt und für einen sechsstelligen Betrag in US-Dollar die Lizenz zur Ausrichtung der Spiele vergibt, ein "Zurück zu den Wurzeln" auf die Fahnen geschrieben.

Die Männer & Frauen von Montreal 2006 verwahrten sich in bester Tradi-tion der separatistischen frankophonen Kanadier gegen eine Kontrolle durch die von US-Amerikanern dominierte FGG. Das Team um Olympiasieger Mark Tewksbury plante "Die besten Spiele seit eh und je" auf einer Grundlage von Teilnehmergebühren von 16 000 bis 24 000 schwul-lesbischen Sportlern. Unrealistisch, kritisierte die FGG unter berechtigtem Verweis auf die wesentlich niedrigeren Teilnehmerzahlen der bisherigen Gay Games. Aber es ging gar nicht mehr um Fakten, um Analysen, um Geld. Sondern um einen Machtkampf. "Die Führung der FGG ist besessen von der "Marke" (Gay Games) und hat dabei die Veranstaltung selbst aus den Augen verloren", heisst es in einem Statement von Montreal 2006-Chef Mark Tewks-bury. Mehr noch: "Die FGG ist eine undemokratische Organisation, die von einer Handvoll Direktoren geführt wird". Und: "Der FGG fehlt Vision und Führungskraft."
Die FGG weist diese Vorwürfe selbstredend zurück und behauptet das Gegenteil. Tatsächlich aber sind Zweifel an Kompetenz, Transparenz und Füh-rungskraft der FGG berechtigt. Die FGG besteht ausschliesslich aus einem "Board of Directors", ist also eine Art Vorstand ohne Verein. Dieser Vorstand ergänzt und erweitert sich selbst. Jeder, der sich berufen fühlt, kann sich für
einen Direktorenposten bewerben. Wie das geht, verrät ein von der Homepage der FGG herunterladbares Handbuch. über die Bewerbungen entscheidet dann - genau - der Vorstand. Da klingt der Vorwurf von Montreal 2006, es gebe keinen Raum für eine "gesunde Oppo-sition", mehr als plausibel. FGG-Mantaci verweist darauf, dass fünfzehn internationale schwul-lesbische Sportorgani-sationen in der FGG vertreten sind. Gut so. Bloss, wie wurden die Delegierten bestimmt? Welche Rechte haben diese im Vergleich zu den über 60 "Individual-direktoren", die niemanden repräsentieren? "Swiss Gay and Lesbian Sports" wird von Verena Sütterlin und Jen Wang in der FGG vertreten. Fragen per Email zu Krise und Zukunft der Gay Games an die beiden FGG-Direktoren blieben bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe unbeantwortet.

Im Jahr 2006 also werden die schwul-lesbischen Sportler aus aller Welt zu entscheiden haben, ob sie zu dem Sport-fest nach Montreal reisen. Oder zu den Gay Games der FGG. Oder der schwul-lesbischen Olympiade die kalte Schulter zeigen. Ob der Austragungsort Chicago oder Atlanta sein wird, entscheidet die FGG im März. Bis 2006 aber werden die sich FGG und Montreal in den Diszipli-nen Hauen und Stechen, Klagen und Gegenklagen messen. Kurz - die Gay Games werden ein Imageproblem haben. Keine gute Voraussetzung, die Gay Games für Sponsoren attraktiver zu machen. Zumal natürlich auch die Kanadier den Erfolg ihrer Veranstaltung nicht garantieren können. Die Wurzel der Pleiten der letzten vier Gay Games war in der Inkompetenz und Egomanie der Organisationskomittees zu finden. Skep-sis also über die Zukunft des schwullesbischen Sportevents ist angebracht.

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