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Straftäter und
auch Schwule wurden verschifft. Von Michael Lenz
Auf diese Geschichte hat sich das Hyde Park Barracks Museum in Sydneys Innenstadt besonnen und bietet zum diesjährigen schwul-lesbischen Festival "Mardi Gras" Führungen durch das Museum aus schwuler Sicht an. Besonders der Schlafsaal des ehemaligen Gefängnisses, in dem gut 120 Hängematten dicht an dicht hängen, löst unter den schwulen Besuchern immer wieder Bemerkungen wie "Besser als Porno" aus. Tourführer Michael Lozinski aber versetzt den erotischen Fantasien einen gewaltigen Dämpfer. "Das war alles andere als ein schwules Paradies", betont Lozinski. Bevorzugte Sexobjekte für die älteren Strafgefangenen seien Kinder zwischen 9 und 13 Jahren gewesen. Kinder im Gefängnis? "Ja," sagt Lozinski, "selbst Kinder wurden in England seinerzeit wegen geringster Vergehen wie dem Diebstahl eines Apfels oder eines Taschentuches zur Deportation verurteilt." Todesstrafe oder Deportation Die meisten Häftlinge seien nicht schwul gewesen, erzählt Lozinski weiter. Aber in dem Männergefängnis sei Sex mit Mitgefangenen natürlich die einzige Möglichkeit gewesen, sexuelle Bedürfnisse zu befriedigen. "Es wurden aber auch wegen Homosexualität verurteilte Männer nach Sydney deportiert." Jedoch gebe es kaum Unterlagen auf Verurteilungen wegen "Verbrechen gegen die Natur". Darauf habe nämlich in England bis 1836 die Todesstrafe gestanden und die Richter seien oft zögerlich gewesen, das Todesurteil zu verhängen. Stattdessen hätten sie in vielen Fällen Homosexuelle wegen geringerer Vergehen wie "grobe Unzucht" zur Deportation in die Sträflingskolonie Sydney verurteilt. Nährboden für Exzentriker Die Selbstverständlichkeit, mit der Schwule und Lesben heute in Sydney leben können, gehe auf den Ursprung der Stadt als Gefängniskolonie zurück, ist sich Lozinski sicher. Zum einen habe sich auf Grund des Frauenmangels eine homosexuelle Subkultur entwickelt. Zum anderen hätten die Sträflinge und Auswanderer eine antiautoritäre, rebellische Tradition begründet, in der sich vielfältige Lebensstile und exzentrische Persönlichkeiten hätten voll entfalten können. Wie zum Beispiel der Transvestit Steve Hart, der zur Bande von Ned Kelly gehörte. Der 1880 gehängte Pferdedieb und Polizistenmörder geniesst noch heute unter vielen Aussies den Ruf als australischer "Robin Hood". Unvergessen auch Lord Beauchamp. Anders als bei Oscar Wilde wollte die "gute Gesellschaft" Londons einen der ihren nicht in einen Skandalprozess wegen schwuler Affären verwickelt sehen und "deportierten" den Lord auf den Posten des Gouverneurs ins ferne und anrüchige Sydney. Immerhin besser, als der Rat von König Georg V.: "Ich denke, solche Männer sollten sich erschiessen." Schwule Seefahrer Die erste Exekution wegen Homosexualität auf australischem Boden ordnete 1727, gut 50 Jahre vor der "Entdeckung" Australiens durch den legendären britischen Kapitän James Cook, der Kommandeur des holländischen Schiffes "Zeewijk" an. Skipper Jan Steyns liess die beiden Matrosen Adriaan Spoor and Pieter Engelse wegen ihrer Liebe auf einer Insel vor der Westküste Australiens erschiessen. Homosexuell soll auch Kapitän Matthew Flinders gewesen sein. Dem Seemann kommen die Verdienste zu, 1801 als erster ganz Australien umsegelt zu haben und dabei dem Kontinent seinen Namen gegeben zu haben. Drag Queen Maxxie Shield, Star der wöchentlichen Stadtrundfahrten "Sydney by Diva", weiss: "Flinders und sein Schiffsarzt George Bass haben sich glühende Liebesbriefe geschrieben." Schrille Stadtrundfahrten Die schrillen Busrundfahrten durch Sydney sind neuester Schlager der australischen Metropole. Die Teilnehmer müssen sich Perücken aufsetzen, bekommen Frauennamen verpasst (der Autor musste auf den Namen "Carlotta" hören) und werden auf der Fahrt durch Szene, Altstadt und Rotlichtviertel stilgerecht mit Schampus verköstigt. Die Tunten-Tour startet an der ehemaligen Polizeiwache in der Oxford Strasse, Sydneys schwuler Meile. "Bei der ersten Mardi-Gras-Demonstration vor 26 Jahren wurden 53 Teilnehmer verhaftet, in dieser Polizeiwache eine Nacht lang eingesperrt von der Polizei geschlagen und misshandelt", erzählt Maxxie. Heute ist der schwul-lesbische
Mardi Gras neben Opernhaus und dem jährlichen Silvesterfeuerwerk
das Aushängeschild von Sydney. Einer langer Weg von der Ersten Flotte
1788, mit der die Sträflingskolonie begründet wurde, zum Schwulenmekka
der südlichen Halbkugel. Happy Mardi Gras.
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