Mit Party gegen die Berührungsängste
Amerikas Schwule tanzen in Miami Beach für Akzeptanz und Rechte

von Boris Schneider


Rund Zehntausend Schwule aus ganz Amerika trafen sich vom 11. bis zum 15. März in Miami Beach, um so richtig abzufeiern. Die "Winterparty" ist die wichtigste Einnahmequelle für die Schwulenorganisationen Südfloridas und soll auch helfen, Berührungsängste in der Bevölkerung abzubauen.

Winterparty 2004 Miami Beach. Der Name ist für amerikanische Verhältnisse schon fast eine Untertreibung. Angebrachter wäre wohl "Partywoche", immerhin beginnen die ersten US-Boys den Tanzmarathon schon am Donnerstag und schütteln sich für den Höhepunkt - die sonntagnachmittägliche Party direkt am Strand von Miami Beach - gehörig warm.
Auf den ersten Blick irritierend wirken die Eintrittspreise. Ganze 600 US-Dollar blättert etwa der Besucher hin, der Einlass zu allen rund zehn Anlässen in verschiedenen Clubs erlangen möchte. Doch in der Tat geht es hier auch um mehr als "nur" House-Music, Anabolika-Körper und andere Drogen: Die Winterparty ist ein sogenannter "Fundraiser" für die Gay and Lesbian Foundation of South Florida (GLFSF) - der Gewinn aus dem Mega-Anlass fliesst vollumfänglich in eine grosse Zahl von Projekten in der Gay Community Floridas zurück.

Aus Notwendigkeit entstanden
Angefangen hat alles im Jahr 1993. Damals war die politische Rechte drauf und dran, die von Floridas Schwulen und Lesben erkämpften Rechte wieder in den Boden der Steinzeit zurückzustampfen. Die damals zum ersten Mal organisierte Beachparty lockte viele Gays an die Sonne Miamis und brachte der Aktivistengruppe "Save Dade" (Miami liegt in Dade County) genügend finanzielle Mittel, um die anstehende Gesetzesänderung im Parlament mit gezielter Lobby-Arbeit zu verhindern. Heute kommen die mit der Winterparty verdienten Gelder der "Dade Human Rights Foundation" zugut. "In den letzten zehn Jahren sind rund 1,4 Millionen Dollar in die Gay Community zurückgeflossen, etwa in Kampagnen gegen Selbstmorde jugendlicher Schwuler, in die Aids-Prävention, aber auch in der Form von Unterstützungsbeiträgen für ein Filmfestival", erzählt Darrel Burks, einer der Organisatoren der Winterparty 2004. So viel Erfolg bleibt auch innerhalb der Szene Miamis nicht ohne Kritik: Einigen schwulen Partyveranstalter und Inhabern von Gay Clubs ist die Winterparty zu gross geworden, weshalb sie ihre Lokalitäten und ihre Labels nicht mehr zur Verfügung stellen wollen.

Aufgeheizte Stimmung in den Medien
Braucht es denn diese Unterstützung für die Szene überhaupt? "Am liebsten würden wir uns ja schon heute selber entlassen", scherzt Pete Halper, ein anderer der 14 ehrenamtlichen Organisatoren, "aber leider darf man nicht vergessen, dass Gays in den Vereinigten Staaten nach wie vor in einer feindlichen Umgebung leben". Auch bekommen Schwullesbische Gruppen in den USA keine Unterstützung vom Staat, wie dies etwa - wenn auch in begrenztem Rahmen - in der Schweiz üblich ist.
Am Rande einer VIP-Party in der Villa eines der zahllosen Designer am Pinetree Drive ergibt sich dann endlich einmal die Gelegenheit, einige Besucher nach ihrer Meinung zur gegenwärtig doch sehr angeheizten Diskussion über die Gay Marriages zu befragen. "Bei aller Mühe, die ich mit den Argumenten aus der konservativ-religiösen Ecke habe, bringt das Thema immerhin eine gewaltige Medienpräsenz mit sich, die die Szene zusammenschweisst", sagt Lisa Palley, die als Beauftragte für Öffentlichkeitsarbeit der Winterparty hartnäckig versucht, amerikanischen Journalisten ihre Argumente verständlich zu machen. Tatsächlich sind die Frauen in der US-Szene mehrheitlich im Organisationskommittee oder aber unter den rund 400 freiwilligen Helferinnen und Helfern anzutreffen, die die Partypeople freundlich und galant von einem Tanzpalast in den anderen dirigieren. Die Partys sind dann eher ein "guy thing", und hier sind europäische Beobachter wohl geteilter Meinung: die amerikanische Schwulenszene polarisiert - mal liebt man sie, mal hasst man sie.

Zu viel Muskeln machen unbeweglich
Das Bild ist an jeder Party dasselbe: Hunderte von Körpern, die ungefähr so künstlich wie aufgeblasen wirken, bewegen sich leicht neben dem Takt zu stampfendem Vocal-House. Der Gebrauch der Hüfte als Drehpunkt zwischen Ober- und Unterkörper liegt bei so viel Muskeln nicht mehr drin. An einem Ort wie Miami Beach, in dem Beziehungen wahrscheinlich so lange dauern wie ein leichter Sonnenbrand, bleibt die politische Botschaft der Winterparty natürlich auch innerhalb der eigenen Reihen weitgehend auf der Strecke. Und so ist das Treiben am Strand so fröhlich und ausgelassen, als würde in San Francisco immer noch fleissig geheiratet. Das oberste Gericht von Kalifornien hatte dem frischfröhlichen Ja-Sagen aber am Vortag der grossen Beachparty Einhalt geboten, wie auf Cnn, Abc, Cnbc, Fox und allen anderen Sendern zu erfahren war.
Doch vielleicht ist gerade diese Umbekümmertheit und Unverkrampftheit nicht so übel für die Sache. Um das riesige Tanz-Gehege am Strand gruppieren sich Dutzende Schaulustiger, die kürzer oder länger stehenbleiben und interessiert zugucken, winken, fotografieren. Ähnlich der hier gezeigten TV-Shows wie "Queer Eye for the Straight Guy" und "Playing it Straight" zeigt dieses Nebeneinander den konservativen Amerikanern nämlich einmal mehr, dass vom blossen Anschauen eines Schwulen noch keiner selber schwul geworden ist. Und das scheint hier nach wie vor die dringendste Botschaft an die konservative Bevölkerungsmehrheit zu sein.

 

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