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Ende
einer bewegten Aera
Nach
acht Jahren schliesst das Aera, Chamäleon des Zürcher Nachtlebens,
Mitte Juni definitiv seine Tore
von
Boris Schneider
Jetzt ist es endgültig: Das Aera schliesst. Zeit also, um mit
dem Betreiber Willy Bühlmann auf acht bewegte Jahre zurückzublicken.
Kaum ein anderer Club hat die Zürcher Ausgehlandschaft derart geprägt,
flog so hoch im Party-Olymp und musste kurz darauf schon wieder ganz tief
untendurch.
Willy war auch vor
der Eröffnung des Clubs im August 1996 kein Unbekannter im Zürcher
Nachtleben. Zusammen mit einigen Freunden hatte er schon länger illegale
Partys in der Zürcher Subkultur veranstaltet und dabei eine Menge
erlebt: Feuerwehrleute, die in Schutzanzügen durch die tanzende Menge
rannten, jüdische Sonntagsschulen und Notschlafstellen neben Partykellern,
unzählige Begegnungen mit der Polizei, Reklamationen, Bussen. Irgendwann
war ihm klar, dass ein eigener Club her musste. Und diesen fand er schliesslich
an der Albulastrasse 32 in Zürich Altstetten.
Wer an die alten Aera-Tage zurück denkt, der denkt zuerst einmal
"schwul" und "ledrig", was in dieser Form nicht stimmt:
Als der Club seine Pforten öffnete, war er kein "offizieller"
Schwulenclub und verfügte auch nicht über einen Darkroom. So
richtig "schwul" wurde das Aera erst, als das Labyrinth von
der Baslerstrasse ins Rikag-Gebäude zog. Viele Schwule fühlten
sich im neuen Laby nicht mehr zu Hause - zu kommerziell, zu gross, zu
viele Heteros, monierten sie. Da kam ihnen das Aera gerade richtig - und
es wurde prompt von einem sehr treuen, durch und durch schwulen Stammpublikum
erobert.
Auffangbecken für
heimatlose Labyraner
Für die grossen Erfolge des Aeras in den Jahren 1996 bis 2000 waren
aber auch noch andere Faktoren ausschlaggebend: "Irgendwie haben
wir als Club auch von HIV profitiert", erzählt Willy. Viele
Leute hätten damals an den Partys Zeit zusammen verbringen wollen.
Schliesslich habe man nicht gewusst, wie lange man das noch konnte. Gleichzeitig
erlebte Ecstasy als Partydroge eine sprunghafte Verbreitung. Das Aera
mit seinen Themen-Abenden wie der legendären "Nacht der Blumen",
der "Nacht am Pool" oder der "Spielnacht" (von derer
ersten Ausgabe übrigens die über den Köpfen der Besucher
ihre Runden ziehende Modelleisenbahn stammt) deckte ein Bedürfnis
nach alternativen, familiären Partys ab. Das Aera wurde zum Inbegriff
eines Schwulenclubs überhaupt und zeigte während vielen Jahren
sogar an der Streetparade eine beeindruckende Präsenz: Der gewaltige
Aera-Tieflader mit den unübersehbaren Regenbogen-Banden schaffte
es regelmässig auf die Titelseiten der Zeitungen und verlieh der
Techno-Parade eine gute Portion jener vielbeworbenen "Toleranz",
die man dort als Schwuler in den letzten Jahren schon fast vermisst hat.
Legalisierung und
Öffnung
Mit dem Erfolg kamen die Probleme: Willy und das Aera wurden zum "Sorgenkind"
der Stadtpolizei. Die Bussen prasselten nur so auf den Betreiber des illegalen
Tanzlokals herein und das Aera stand mehr als einmal kurz vor der Schliessung.
Weil die Liegenschaft in einer Industriezone lag, zog sich der Erhalt
einer Bewilligung aber in die Länge: Erst nach Interventionen bei
der damaligen Stadträtin Ursula Koch und dem Argument, dass der Verlust
dieses etablierten Schwulenclubs mit rund 300 Mitgliedern für die
Subkultur eine Katastrophe wäre, ging es vorwärts. Doch "legal
werden" heisst in Zürich vor allem eines: "Pflicht-Parkplätze,
WCs, Lüftung, Notausgänge", erzählt Willy fast schon
amüsiert, "es gibt mindestens eine Auflage pro Amt, und am Schluss
von jedem Amt einen Stempel". Der Umbaumarathon nahm im Jahr 1998
ein Ende - mit der Erteilung einer "Bewilligung zum Betrieb eines
Tanzlokals".
In diesem Jahr kamen auch die "Hetis am Freitag" - geradezu
legendären Ruf erwarben sich "Parfüm" und "Arthur",
zwei jeweils am Freitagabend durchgeführte Anlässe, die schnell
zum Epizentrum der bebenden Minimaltechno-Szene wurden und regelmässig
eine bunt durchmischte Besucherschar anzogen. Selten haben Schwule und
Heteros so unbeschwert und fröhlich zusammen getanzt, wenn auch der
gegenseitige Respekt am wenigsten vom schwulen Stammpublikum gezollt wurde,
was Willy enttäuschte: "Mein Ziel war es, einen Ort zu machen,
wo sich die Leute akzeptieren wie sie sind. In der Schwulenszene habe
ich diese Toleranz aber oft vermisst."
Nach dem Aufstieg
kommt der Fall
Die Wende kam dann im Mai des Jahres 2000. Nach einem schweren persönlichen
Schicksalsschlag war bei Willy die Luft draussen: "Ich sass im vollen
Club herum, liess aber alles irgendwie fahren. Wie sollte ich den Leuten
Ausgelassenheit vermitteln, wenn ich das selber nicht mehr auf die Reihe
brachte", erzählt er. Er habe sich nicht mehr getraut, Entscheidungen
darüber zu treffen, was für das Aera gut sei und was nicht.
Die DJs wurden fortan von einem Kollegen gebucht. Den Stilwechsel in Richtung
Minimal-Techno goutierte ein Grossteil des schwulen Stammpublikums allerdings
nicht - weniger und weniger Leute besuchten das Aera. Der Samstag gehörte
bald Fremdanlässen wie der Utopia-Fetischparty, der Ratatouille-Goaparty.
Mit der Shaft-Männernacht kehrte auch einmal im Monat eine Schwulenparty
im Aera ein, die sich schnell als eine eigentliche "Klassenzusammenkunft"
der alten Aera-Liebhaber etablierte.
Für die Freitage bemühten sich die Zürcher DJs Co:mini
und Sampayo um die besten Live-Acts und DJs aus ganz Europa - es sollte
jedoch alles nichts mehr bringen. Aus Gründen, über die inzwischen
halb Zürich rätselt, zog es plötzlich mehr und mehr Leute
in die Dachkantine im siebten Stock des Toni-Areals. "Die letzten
eineinhalb Jahre waren schlimm. Finanziell und moralisch", erzählt
Willy. Es habe "auf ihn durchgeschlagen" dass der Club nicht
mehr lief. Die Leute schauen einen merkwürdig an im Ausgang, sie
tuscheln, Gerüchte machen die Runde. Als Besitzer eines gut laufenden
Clubs steht man in Zürichs Party-Hierarchie zuoberst. Wenn der Laden
schlecht läuft, fangen die ersten an, einen nicht mehr zu kennen.
Und das liegt dann nicht unbedingt am schlechten Licht auf der Tanzfläche.
Und was bringt die Zukunft? Sehr wahrscheinlich wird das Aera als Club
verkauft. Es wird aber einen anderen Namen bekommen und mit Sicherheit
ein sehr heterolastiges Programm und Publikum. Dennoch: Die Shaft-Männernacht
dürfte weiterhin einmal im Monat an der Albulastrasse stattfinden
und somit das "schwule Erbe" repräsentieren.
Das Aera in der jetzigen Form feiert sein Ende mit einer grossen Party
am 18. und 19. Juni. Und wer den Club noch nicht kennt, soll jetzt seine
letzte Möglichkeit nicht verpassen, ihn kennenzulernen - auch wenn
die neue Liebe nicht mehr allzu lange halten wird.
Die wichtigsten
und letzten Daten im Aera:
Freitag, 21. Mai:
Aera on 2 Floors - Minimal Techno, Tech-House, Electro
mit Luciano, Marcel Janovsky, Rene Breitbarth, Citycat, Serafin
Freitag, 28. Mai:
In Your Eyes: Gogo (Club Q) - 8-Stunden-Set von Gogo
und gleichzeitig Aera-Member-Party mit Gratis-Eintritt für Member!
Samstag, 5. Juni:
Shaft und Aera CSD-Party @ Dachkantine (!)
Grosse CSD-Party mit allem drum und dran in der Höhle des Löwen
Freitag und Samstag,
18. und 19. Juni:
Grosse Abschlussparty an zwei Tagen. Letztesmal, aber wirklich letztesmal
Aera
Eine Internetlösung der  |