Welt Aids-Konferenz in Bangkok
Austausch wissenschaftlicher Erkenntnisse - Die schwierige Suche nach Geld

Von Michael Lenz (Bangkok)


Mit viel Prominenz und noch mehr guten Worten ging Mitte Juli in Bangkok die XV. Welt-Aids-Konferenz über die Bühne. Nelson Mandela war da. Sonia Ghandi war gekommen. UN-Generalsekretär Kofi Annan auch. Hollywoodstars wie Rupert Everett und Richard Gere mischten sich unters Volk. Soulstar Dione Warwick sang. Hohe Vertreter der Königlichen Regierung Thailands gaben sich die Ehre.

Genau genommen waren es zwei Konferenzen. Auf der einen tauschten gut 18 000 Teilnehmer aus allen Kontinenten Erfahrungen aus. Wissenschaftliche Erkenntnisse wurden präsentiert, Konzepte und Ideen gegen Diskriminierung aufgezeigt, über die Gleichberechtigung von Frauen oder über gesundheitliche Präventionskampagnen für intravenöse Drogengebraucher diskutiert. Sexarbeiter stritten für ihre Rechte, Religionen mischten sich in den Kampf gegen Aids ein, Gewerkschafter stellten Kampagnen gegen die Diskriminierung HIV-Positiver am Arbeitsplatz vor.

Gesucht: 10 Milliarden US-Dollar
Und da war diese andere Konferenz, jene, an der es um Politik und Geld, sehr viel Geld ging. Weder hat die Weltgesundheitsorganisation WHO genug davon, um ihre ehrgeizige Initiative "3 - 5" Wirklichkeit werden zu lassen, mit der bis Ende 2005 drei Millionen Menschen Zugang zu den ARV garantiert werden sollen. (Bisher haben aber nur 440 000 Betroffene in den armen Ländern Zugang zu den lebensrettenden Medikamenten.) Noch hat der Global Fund zur Bekämpfung von Aids und Malaria genügend Mittel. Keiner der potenziellen Geberstaaten hat bisher seine Zusagen eingehalten, dem Fonds die jährlich benötigten 10 Milliarden US-Dollar zu sichern. Roberto Induni von der Aids-Hilfe Schweiz forderte die Regierung in Bern auf, den Beitrag an den Globalen Fonds aufzustocken. Es müsse aber auch wieder mehr Geld in die heimische Aids-Prävention "investiert" werden, betonte Induni.

Das Bush Aids-ABC
Gespenstisch mutete der längst vergessen geglaubte Streit über die Frage an, ob Kondome ein wirksames Mittel zur HIV-Prävention sind. Diese Debatte hatten nicht etwa die erstmalig auf einer Aidskonferenz deutlich sichtbaren Religionen vom Zaun gebrochen. Auslöser waren vielmehr die USA mit dem Aids-ABC ihres Präsidenten George Bush: Abstinence, Be Faithful und Condome nur als letzter Ausweg. Die US-Politik, finanzielle Unterstützung vornehmlich solchen Aids-Projekten (auch im Ausland) zu gewähren, die keine Kondomwerbung betreiben, wurde als "ideologisch" zurückgewiesen. Hollywoodstar Rupert Everett nannte als Botschafter des Global Fund zur Bekämpfung von Aids, Malaria und Tuberkulose diese Politik "erschreckend".


Pharmafirmen am Pranger
Am Pranger standen aber auch die Pharmafirmen. Act-Up-Aktivisten aus Frankreich, Thailand und den USA klagten mit radikalen Protestaktionen die Unternehmen an, Profit höher als das Leben von Menschen mit Aids zu bewerten. Den Ausstellungsstand von Abbott Laboratories bedeckten über 100 Demonstranten mit Abdrucken blutiger Hände, weil das Unternehmen wenige Monate vor der Aidskonferenz seinen Proteaseinhibitor von 54 US-Dollar auf 265 Dollar heraufgesetzt hatte. Als einen Grund für die Preiserhöhung um satte 400 Prozent hatte das Unternehmen den niedriger als erwartet ausgefallen Absatz von Norvir angegeben. "Das offenbart die Behauptung von Pharmaunternehmen Lügen, die Preise würden von den Kosten für Forschung und Entwicklung bestimmt", hiess es in einer Erklärung von Act-Up.

Schwule Thematik am Rande
Die Aidskonferenz war bemerkenswert unschwul. Zwar waren schwule Männer, meist im Dienste von Pharmaunternehmen und UN-Organisationen, nicht zu übersehen. Aber dadurch, dass in den von Aids am stärksten betroffenen Ländern Asiens und Afrikas das Virus hauptsächlich über heterosexuellen Geschlechtsverkehr verbreitet wird, war die schwule Thematik in den Hintergrund getreten. So sehr, dass in manchen Sessions, in denen auch Homosexualität und schwuler Sex angesprochen wurde, Delegierte verlegen kicherten, entsetzt das Gesicht verzogen oder gar entrüstet und demonstrativ den Saal verliessen.

Wieder mehr HIV-Infektionen
Diskutiert wurde trotzdem auch der rasante Anstieg von HIV-Infektion in den schwulen Szenen der Industrieländer. Seit Ende der neunziger Jahre sei eine gewisse Sorglosigkeit mit der Beachtung von Safersex zu beobachten, klagten unisono Wissenschaftler aus den USA, Australien und Europa. Die australische Sexualwissenschaftlerin Susan Kippax sagte, für diesen Trend gebe es ein komplexes Bündel von Ursachen. Nach dem Aidsschock der 80er Jahre hätten schwule Männer wieder mehr Sex. Aber viele würden sich auch mehr auf Strategien der Risikominimierung verlassen als auf die strikte Einhaltung der Safersexregeln. "Diese Risikokalkulationen entsprechen aber oft nicht der wirklichen Gefährdung", betonte Kippax.

Sexualwissenschaftler und Soziologen aus Europa, Australien und den USA sehen im Internet eine weitere Ursache für eine grössere sexuelle Risikobereitschaft schwuler Männer. Über sexuelle Präferenzen und den Serostatus zu chatten, würden viele schwule Männer Online als "unerotisch" ansehen, sagte der britische Experte Jonathan Elford. Der Amerikaner Internetforscher Greg Rebchook nannte die Zahl der jungen, schwulen HIV-positiven Männer, die ungeschützten Sex mit Sexbekanntschaften mit unbekanntem Serostatus aus dem Internet, "alarmierend hoch". Rebchook betonte, die Aidshilfen müssten dringend neue Präventionsstrategien entwickeln. "Sie müssen auch das Internet stärker für Aufklärungskampagnen nutzen."

Nelson Mandela mahnte zum Abschluss der Konferenz die Welt, nicht zu vergessen, dass Menschen von Aids betroffen seien. "Während meiner Haft wollte mich der Staat auf die Nummer 46664 reduzieren und mir so die menschliche Würde nehmen", sagte Mandela und fügte eindringlich hinzu. "Wir dürfen das Thema Aids niemals auf eine Statistik reduzieren."


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