Wenn Schwule scheiden
Im Theaterstück "Homoscheidung" von Michi Rüegg geht es um Liebe und Trennung, um Heirat und Scheidung

Von Kurt Büchler

Berlin. Tom kommt nach Hause und wird von Tim, seinem Mann wieder einmal mit einem sensationellen Nachtessen verwöhnt. Zwei junge Männer spielen das klassische "Ehe"-Paar - mit viel Liebe und Zuneigung. Halt, sie spielen es nicht - sie "leben" es! Bis ... na ja, bis auch der Zuschauer merkt, dass etwas in der Luft liegt. Seit sechs Jahren sind sie zusammen - und seit wenigen Monaten "verpartnert".

"Homoscheidung" - Protokoll einer ganz normalen Beziehung - ist das dritte Theaterstück von Michi Rüegg. Zum ersten Mal nimmt er sich einer klar schwulen Thematik an. Er scheut sich auch nicht, in der allgemeinen Euphorie um die registrierte Partnerschaft als vermeintlicher Spielverderber aufzutreten. Das Stück ist jedoch überhaupt nicht gegen das Partnerschaftsgesetz. Es zeigt lediglich, dass auch gleichgeschlechtliche Beziehungen Gefahr laufen können, zu scheitern. Vor sechs Jahren wurde er von Samuel Zinsli gefragt, ob er Lust hätte, beim Rapperswiler Theater Weissglut mitzuspielen. Er hatte Lust und bei der "Zeugin der Anklage" führte er zwei Jahre später das erste Mal Regie. Dann schrieb er ein eigenes Stück, die Pornokomödie "Harte Zeiten". Aufführung im November 2001 im Theaterhaus Rats - heute Kulturmarkt. 2002 folgte im Rahmen des schwullesbischen Kulturmonats Warmer Mai die Soap-Verarschung "Hummer flambiert". Für Erich Vock schrieb er "Vock Yourself!", das im Herbst 2003 in Basel Premiere hatte und im nächsten Frühjahr im Theater am Hechtplatz auf die Bühne kommt. 2001 gründete er in Zürich das Dr. Karl Landsteiner-Jubiläumstheater.
Warum ausgerechnet dieser Name? "Es ist das einzige Zürcher Theater mit Doktortitel"! - meint Michi und lacht dazu. Der Name steht in Anlehnung an das 100-jährige Jubiläum der Entdeckung der Blutgruppen durch den Österreicher Dr. Karl Landsteiner, dem späteren Nobelpreisträger. Samuel Zinsli spielt übrigens auch im neusten Stück mit und ist sozusagen das innere Gewissen von Michi. Er liest als erster seine Texte und gibt auch seinen Senf zu Michis Regie-Einfällen. Wenn Michi Rüegg nicht gerade mit dem Theater beschäftigt ist, dann arbeitet er in einer Werbeagentur.

Die Personen im Stück
Tom ist der arrivierte Anwalt. Er wird von Stefan Marti gespielt. Ein Berner, der in Zürich Politik Wissenschaften studiert und daneben das Theater(spielen) liebt. Tom ist ein typischer Yuppi, lässig, geniesst die Berliner Freiheit der Endneunziger und verpartnerte sich mit seinem langjährigen Freund. Erst nach dem Millenium tauchen die Probleme auf - auch mit seinem eigenen "schwul sein".
Andri Zehnder, aka Tim, ist ein waschechter Zürcher, der gerne die Schauspielschule besuchen würde - doch der Andrang ist riesengross! So arbeitet er weiter, besucht die pädagogische Hochschule und hat schon in einigen TV Filmen mitgewirkt. Tim ist Toms Freund. Er ist verspielt, will vieles ausprobieren, ist ausserdem ein "Problemkind" und hält mit seinem Vater, der aus dem Knast kommt, gegen seine Mutter. Er meint es ernst mit seinem Mann - auch nach sechs Jahren.
Hubert Kümpfel ist bereits seit acht Jahren nebenberuflich Schauspieler und war in diversen Werbespots und Werbefilmen zu sehen. Doch sein Brot verdient er in der Verkaufsförderung. Als Vater von Tim, hat er als ehemaliger Baulöwe bei dubiosen Geschäften sein Geld verloren und musste in den Knast. Er hatte die Partnerschaft von Tim und Tom toleriert, doch jetzt entpuppt er sich als Auslöser einer Scheidung.
Die Rentnerin Rita Weber spielt Frau Gründel, eine Bäckerwitwe und Hausbesitzerin. Sie tritt immer wieder in das Leben der beiden Partner und bringt auch ihr eigenes ein.
Samuel Zinsli spielt seit zwölf Jahren regelmässig ein bis zwei Mal im Jahr Theater. Sonst befasst er sich als Assistent an der Uni mit lateinischer Literatur. Im Stück ist er ein extrem durchschnittlicher, harmoniesüchtiger schwuler Ratgeber und mit Sven liiert.
Daniel Diriwächter arbeitet im Kaufmännischen, schreibt im Cruiser über Musik und Filme und beginnt mit der Berufsmatur. Er ist Sven, "konstant" mit Walter befreundet und doch gerne ein Flirty, ein Party- und Technofreak, recht unbeschwert und manchmal auch ein bisschen zickig.
Neben diesen Figuren treten noch die beiden besten Freundinnen von Tom und Tim auf, Yvonne und Renate, die gegensätzlicher nicht sein könnten, zudem ein Gelegenheitsfick und eine Richterin.

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