Keine Arbeit, kein Shopping, kein Handy
Wirtschaftsboykott der Community in ganz Amerika am 8. Oktober 2004

Von Boris Schneider

Am Freitag, dem 8. Oktober, sollen Amerikas Schwule und Lesben sich für einen Tag aus dem Wirtschaftsleben zurückziehen und so für gleiche Rechte protestieren. Sie sind dazu aufgerufen, auf alle Aktivitäten zu verzichten, die in irgendeiner Form der Wirtschaft des Landes zugute kämen: Keine Arbeit, kein Shopping, keine Handy-Gespräche. Die Meinungen darüber gehen allerdings weit auseinander.

"Dieses Land versteht nur eine Sprache, und das ist die Sprache des Geldes", sagt Dale Duncan, einer der beiden Initianten des für den 8. Oktober dieses Jahres geplanten "Boycott for Equality". Bei der Aktion gehe es darum, die Öffentlichkeit auf eindrucksvolle Weise daran zu erinnern, wie gross das wirtschaftliche Gewicht der GLBT-Community (Gay, Lesbian, Bi and Transgender) in den Vereinigten Staaten sei, so Duncan zum Cruiser. Laut Schätzungen von Witeck-Combs Communications in Washington steuert die Gay-Community jedes Jahr rund 500 Milliarden Dollar zur amerikanischen Wirtschaft bei, was einem Betrag von immerhin 1,36 Milliarden Dollar pro Tag entspricht. Damit ist die wirtschaftliche Kraft der Schwulen und Lesben trotz der zahlenmässigen Unterlegenheit in etwa gleich stark wie jene anderer Minderheiten wie etwa der Afroamerikaner oder der spanischen und asiatischen Bevölkerungsgruppen.

Sich einen Tag aus der Wirtschaft zurückziehen
Die Idee zum "Boycott for Equality" kam Dale Duncan und seinem Partner am 24. Februar dieses Jahres, als eine Pressekonferenz des amerikanischen Präsidenten George W. Bush am Fernsehen übertragen wurde: "Damals hat Bush der amerikanischen Gay-Community offen den Krieg erklärt, als er sich für einen Verfassungszusatz aussprach, mit dem die Homo-Ehe im ganzen Land verboten werden soll", erinnert sich Duncan. Inspiriert wurde die Idee zum Boykott von einem berühmten Satz Robin Tylers, dem Gründer der Organisation Don't Amend: "Wenn schwul sein eine Krankheit ist, dann lasst uns alle heute krank sein und nicht zur Arbeit gehen". Seither lobbyiert der Lehrer aus Atlanta unermüdlich für seine Boykott-Idee und versucht, möglichst viele Organisationen zum Mitmachen zu bewegen: "Dies ist ein Aufruf zu einem landesweiten Boykott in der Tradition von Gandhi und Dr. Martin Luther King", schreibt er auf seiner Internet-Seite Boycottforequality.org.

Meinungen gehen auseinander
Die Meinungen über Sinn oder Unsinn der geplanten Aktion gehen allerdings ziemlich weit auseinander. Für die einen ist der Boykott eine rundum gelungene Idee, vor allem, weil er Amerika genau dort trifft, wo es verwundbar ist - im Portemonnaie nämlich. "Wir können immer noch in 36 von 50 Staaten einfach so gefeuert werden, weil wir schwul sind. Präsident Bush will Diskriminierung in die Verfassung hineinschreiben lassen. Und im November wird in vielen Staaten darüber abgestimmt, ob die Homo-Ehe verboten werden soll. Es ist Zeit, zusammenzustehen und ein Zeichen zu setzen", argumentiert Duncan.
Für die Kritiker des Boykotts liegt dessen grösstes Problem im unklaren Fokus und auch darin, dass er die Falschen treffen könnte: "Anfänglich ging es allein um das drohende Verbot der Schwulen-Ehe, doch inzwischen ist so gut wie jedes halbwegs schwule Thema dazugerutscht", bemerkt Mike Masters kritisch im Gay-Magazin The Advocate. Das Problem sei, dass der Boykott leider auch Botschaften an die Öffentlichkeit sende, die nicht beabsichtigt seien: Am Ende würden die Schwulen und Lesben von der breiten Öffentlichkeit als faul betrachtet, weil sie nicht arbeiten wollten. Viel schlimmer wäre für Masters aber, dass der Boykott die Falschen trifft, nämlich zum Beispiel alle explizit schwulenfreundlichen Arbeitgeber, die dadurch ebenfalls - und zu Unrecht - in Mitleidenschaft gezogen würden. Boykotte müssten klarer umrissen sein, um ihr Ziel zu erreichen, meint Masters. Abgesehen davon dürfe daran gezweifelt werden, dass die breite Masse von Gays einen Tag lang nicht arbeiten könnten, ohne einkaufen zu gehen oder das Mobiltelefon zu benutzen, bemerkt er augenzwinkernd.

Homo-Ehe noch kein Wahlkampfthema
Im US-Präsidentschaftswahlkampf wird bald die letzte Runde eingeläutet. Die Schwulen-Ehe wird gegenwärtig (noch) durch die anhaltend katastrophale Lage im Irak von der Agenda verdrängt und in den Medien nicht gross thematisiert. Die regierenden Republikaner wollen dies allerdings ändern: Ihre Vertreter haben im Kongress jetzt einen Vorstoss unternommen, damit dort vor den Wahlen im November über einen möglichen Verfassungszusatz abgestimmt werden kann, mit dem die Homo-Ehe in den ganzen USA verboten würde. Eine Abstimmung könnte noch diesen Monat stattfinden. Die Chancen für eine Annahme stehen allerdings eher schlecht: Nicht einmal bei einer vorbereitenden Abstimmung zum selben Thema hatte sich im Juli dieses Jahres eine Mehrheit im Senat finden lassen. Für eine Abänderung der Verfassung sind im Senat und im Repräsentantenhaus Zweidrittelsmehrheiten erforderlich. "Ich glaube, meine Kollegen haben ihre Prioritäten aus den Augen verloren" bemerkt dazu der Republikaner John Conyers aus Michigan, "wir sind eine Nation im Krieg. Die Zahl derer, die für unsere Freiheit kämpfen und dabei ums Leben kommen, steigt jeden Tag weiter an. Wie also kommt es, dass etwas so unwichtiges und unnützliches wie diese Vorlage zuoberst auf unserer Liste stehen soll?"


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