Die Abstimmungskampagne ist eröffnet
Rund 6000 demonstrierten auf den Bundesplatz

Von Martin Ender

Dem Demozug durch die Berner Innenstadt war ein lautstarkes Skandieren von "Achtung, fertig, Partnerschaft!" nicht zu entlocken, allen Bemühungen der Organisatoren zum Trotz. Schwule und Lesben sind wohl nicht so gruppenkämpferisch wie Demonstranten am 1. Mai. Sie zeigten sich aber äusserst entschlossen. Zu Tausenden stellten sie sich vor dem Bundeshaus offen dem "unsichtbaren" Gegner.

Der "Verein Ja zum Partnerschaftsgesetz" hat mit diesem Tag von den massgeblichen nationalen Organisationen von Schwulen und Lesben grünes Licht erhalten, die Abstimmungskampagne an die Hand zu nehmen. Bewusst wird nicht von Abstimmungs-"Kampf" gesprochen und geschrieben, vielmehr von einer Kampagne, deren Grundtenor gerne mit Ruth Metzlers Worten aus ihrer damaligen Rede vor dem Parlament umrissen wird: "Meine Damen und Herren, es geht um die Liebe".

Die Kampagne soll durch persönlichen Einsatz und Sichtbarkeit geprägt sein. Damit will man das Schweizervolk für ein JA zum Partnerschaftsgesetz gewinnen. Von Sichtbarkeit war denn auch wiederholt die Rede. Kurt Aeschbacher, der die Moderation übernommen hatte, freute sich, dass sich auf dem Bundesplatz Tausende zeigten und hoffte, dass es bis vor der Abstimmung Hunderttausende sein werden, die sich in der Gesellschaft offen zeigen und so für das Gesetz in ihrem Umfeld werben.

Professionell und charmant wie gewohnt entlockte Aeschbacher den zwei "Vorzeigepaaren", den Herren Rapp und Ostertag und den Frauen Opitz und Gerber, starke Aussagen, die vom Publikum mit viel Applaus honoriert wurden. Und er stellte jeweils kurz die einzelnen Redner vor. Als "Vater" des Gesetzes bezeichnete er Alt-Nationalrat Jean-Michel Gros und als "Mutter" des Gesetzes die Nationalrätin Ruth Genner. Es kamen Fritz Lehre und Frau zu Wort als betroffene und engagierte Eltern. Weiter sprachen Eva Kaderli (Co-Präsidentin LOS) und Rolf Trechsel Präsident Pink Cross und schliesslich das Co-Präsidium des Vereins "Ja zum Partnerschaftsgesetz" Lilian Schaufelberger und Philippe Trinchan.


Aus der Defensive heraus

Manche Passagen der Reden wirkten etwas defensiv. Kein Wunder wurden doch die Schwulen und Lesben durch das Referendum zur Verteidigung herausgefordert.

So hörte man etwa in der gemeinsamen Rede von Eva Kaderli und Rolf Trechsel: "Dieses Referendum ist, das muss einmal gesagt sein, eine Zumutung. Nicht dass es ergriffen wurde, das ist ein demokratisches Recht, sondern mit welchen Begründungen. Es ist eine Zumutung, sich gegen Argumente wehren zu müssen, wir seien krank, Krankheitsverbreiter, anormal, eine Gefahr für die Jugend. Wir haben manchmal leise Zweifel, dass solche Argumente wirklich Gottes Wille sind oder nicht doch etwas kleineren Geistern entspringen." Doch der Dreh ins Positive folgte: "Dieses Referendum ist auch eine Chance. Wir haben die Chance, hunderttausende, ja Millionen mit unserer Botschaft zu erreichen und zu überzeugen. Zu überzeugen, dass Sie das, was sie als Heterosexuelle ganz selbstverständlich für sich in Anspruch nehmen, anders liebenden nicht vorenthalten sollten. Denn Liebe fragt nicht nach dem Geschlecht. Wir haben die Chance, aufzuzeigen, dass es uns um nichts weniger geht als um Offenheit und Menschlichkeit."


Aussagen, die aufgefallen sind

"La Suisse a ceci de particulier qu'elle n'existe que par ses minorités... Les homosexuels sont une de ces minorités, probablement d'ailleurs plus importante numériquement que les agriculteurs ou les romanches. Or, que demande aujourd'hui cette minorité à la Confédération? Des Subventions? non! Des allègements fiscaux? non! Une nouvelle prestation sociale? pas du tout! Elle demande simplement une reconnaissance, un statut, bref elle demande justement le respect." (Jean-Michel Gros)

"Ich kann mir eigentlich kaum etwas Schöneres vorstellen, als dass auf diesem neuen Bundesplatz für die Liebe demonstriert wird...Die eingetragene Partnerschaft respektiert die Ehe, die ausschliesslich heterosexuellen Paaren offen steht. Auf der andern Seite wird die eingetragene Partnerschaft nur für gleichgeschlechtliche Paare zugänglich sein. Beide Rechtsformen werden nebeneinander bestehen, nicht in Konkurrenz, sondern in Ergänzung." (Ruth Genner)

Damit die Leute JA sagen, müssen sie wissen, wozu sie JA sagen sollen. Und das kann ihnen niemand besser sagen als Ihr! Ihr seid die Fachleute, wenn es darum geht, jemandem zu erklären, dass unsere Liebe den gleichen Wert hat wie die aller Menschen. Dass wir genauso das Bedürfnis haben, unsere Partnerschaft abzusichern, wie alle andern auch. Geht zu euren Nachbarn, Freunden, Arbeitskollegen und eurer Familie und sagt ihnen, warum sie JA sagen sollen. (Lilian Schaufelberger, Philippe Trinchan)

"Wir alle haben Zugang zu einem grossen, heterosexuellen Beziehungsnetz. Jetzt müssen wir über das Partnerschaftsgesetz informieren, positiv argumentieren, engagiert überzeugen. Das Positive an der kommenden Abstimmung ist doch, dass unser Anliegen, das Thema Partnerschaft, im gesamten Schweizervolk diskutiert werden wird. Das bringt unser Anliegen in der Gesellschaft vorwärts." {Fritz Lehre)

Zum Schluss der Reden und vor dem Konzert von Philipp Fankhauser riefen Lilian Schaufelberger und Philippe Trinchan alle Anwesenden auf:
Liebe Freunde, liebe Freundinnen: heute hat die Abstimmungskampagne begonnen. Ich bin bereit! Und ihr? Seid ihr auch bereit?

Ein tausendfaches JA kam vom Bundesplatz zurück.


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