Fast ein Traumpaar
Karin und Sven sind für ein Jahr das schwullesbische Gay-Paar

von Martin Ender


Mit Blumen und Lorbeer bekränzt sehen sie aus wie ein überglückliches, frisch vermähltes Paar. Überglücklich sind sie. Vermählen werden sie sich nie. Ihre Partnerschaft eintragen lassen wohl eher. Karin mir ihrer Frau. Sven mit einem Mann. Als Miss Gay und als Mister Gay wollen sie sich erst einmal einsetzen, dass dies bald möglich sein wird.

Am 16. Oktober ging im Kongresshaus Zürich die Wahl zur Miss Gay und zum Mister Gay über die Bühne. Nach dem vergangenen wahllosen Jahr gab's nun viel Glanz, Glamour und Champagner, aber auch ein paar Kritiken und Misstöne. Die waren jedoch spätestens die Woche danach vergessen, als Miss und Mister Gay bei der grossen Kundgebung vom 23. Oktober in Bern dabei waren und vorne den Demonstrationszug durch die Berner Innenstadt anführten mit dem Spruchband "Ja zum Partnerschaftsgesetz".

Wer sind denn die beiden, die ein Jahr lang den Titel Miss Gay und Mister Gay tragen dürfen, sich aber auch ein Jahr lang neben dem Job viel Zeit nehmen müssen für Events und Öffentlichkeitsarbeit im Dienste der Gay-Community?

Karin Eschmann
Karin ist 30, wohnt seit gut zwei Jahren mit ihrer Freundin zusammen in Wädenswil. Dass sie nun die erste Miss Gay sei, komme nicht aus eigenem Antrieb. Sie habe erst gar nicht gewusst, dass dieses Jahr auch Frauen zur Wahl gesucht würden. Kolleginnen hätten sie darauf angesprochen und ihr zugeredet, sich für die Wahl anzumelden. "Ich hab ein paar Mal darüber geschlafen und sagte mir schliesslich, warum nicht, das ist ein gute Sache für die Frauen. Mistergay-Wahlen gibt es ja schon seit 1996. Zeit, dass jetzt auch die Frauen mitmachen. Noch haben sich nicht viele der Wahl gestellt. Ich denke, das Eis ist nun gebrochen und nächstes Jahr gibt es bestimmt mehr Anmeldungen. Die lesbische Szene wird erkennen, dass Frauen für diesen Job genauso geeignet sind."

Zu ihrem persönlichen Outing erzählt sie: "Ich habe mich erst mit 27, also vor drei Jahren geoutet. Das ist schon etwas problematisch verlaufen. Ich hatte zuvor auch Männerbeziehungen. So musste ich mit mir selber klarkommen. Ich wusste eine Zeit lang nicht, wo ich hingehöre. Das Herz hat schon länger zur Frau tendiert. Der Verstand meinte was anderes. Es kam aber der Tag, an dem ich mich für eine bestimmte Frau entschied, und das ist heute noch meine Freundin." Dass sie Denise heisst verrät Karin noch, ansonsten soll sie nicht in die Missgay-Öffentlichkeit hineingezogen werden. "Aber sie wird mich aus dem Hintergrund voll unterstützen."

Im Job hatte sie mit ihrem Outing keine Probleme: "ich arbeite im Reisebüro und daneben gebe ich Fitnessstunden. Ich habe es von Anfang an offen kommuniziert und das ist auch gut angekommen." Ihr Chef zeigt viel Entgegenkommen, sie arbeitet auch nicht zu 100% und so wird sie ihre Verpflichtungen zeitlich gut mit ihrem Job unter einen Hut bringen.


Sven Müller

Sven musste im Gegensatz zu Karin nicht geschubst werden, sich zur Wahl anzumelden.
"Nein, ich habe mich aus eigener Initiative angemeldet, schon vor zwei Jahren. Das hat dann aber nicht geklappt weil man die Wahl verschoben hat. Dieses Mal bin ich gerade von Australien zurückgekommen und habe erfahren, dass jetzt wieder Kandidaten gesucht werden. Ich versuchte es noch einmal."

Sven Müller ist 26, kommt aus Solothurn und arbeitet in Dietlikon als Chef de Bar. Zu seinem Outing meint er "Ich habe Männerkörper schon in meinem jungen Alter attraktiv gefunden. Aber es war dennoch kein direkter Weg zum Schwulsein. Ich hatte eine Freundin und war sehr happy. Ich sehe das heute so: zwischen 16 und 20 habe ich mich einfach in einen Menschen verliebt. Das Geschlecht stand da nicht im Vordergrund. So nach 20 habe ich gemerkt, dass mich der Mann mehr anspricht. Heute gibt es da keine Zweifel mehr." Mit der Familie gab's keine Probleme: "Ich hab mir zwar wochenlang Gedanken gemacht wie ich das zuhause sagen soll. Wie ich es endlich rausgebracht hatte, war es gar kein Thema."

Der Titel Mister Gay ist ja mit vielen Vorstellungen und Erwartungen verknüpft wie Schönheit, Charme, Intelligenz, Redegewandtheit, Vertreter der Community. Sven will da keine Prioritätenliste aufstellen: "die gibt es nicht eigentlich" und die Schönheit ist für ihn sicher nicht massgebend. "Nein, in meinen Augen bin ich nicht der Schönste, der mitgemacht hat. Wichtig ist doch, dass wir jetzt uns für die anstehende Kampagne einsetzen."


Karin, Sven was wollt ihr in eurer Amtszeit bewirken?

Karin: "Da ist erst einmal das Partnerschaftsgesetz, das muss durchkommen. Dafür will ich den Titel Miss Gay so gut ich kann und so oft es geht einsetzen. Und zusätzlich will ich den lesbischen Frauen, die nicht zu sich selber stehen oder unsicher sind Mut machen, offen und ehrlich zu sein. Meine Offenheit soll Beispiel sein."

Sven: "Ganz klar die Unterstützung der Kampagne für unser Gesetz. Ich will, dass es
angenommen wird. Die Leute müssen sich darüber Gedanken machen und dann auch unbedingt wählen gehen. Ich will die Leute dazu motivieren.


Wie wichtig ist das Gesetz für dich ganz persönlich oder ist die Befürwortung prinzipieller Natur?

Sven: "Ich glaube, es trifft beides zu. Momentan bin ich ja noch Single.
Aber wichtig ist es für die, die jetzt in einer Beziehung sind und sich eintragen lassen wollen. Bei mir ist es gerade nicht aktuell. Es wird sicher ein Thema werden wenn ich einen Partner finde. Und das hoffe ich doch.

Karin: "Zur Zeit ist es für mich aus Prinzip wichtig, dass das Gesetz kommt. Es wird für mich persönlich bestimmt auch an Bedeutung gewinnen. Später. Ich habe mit meiner Freundin bereits darüber gesprochen. Wenn wir das siebte Jahr überstehen, dann werden wir wohl die Eingetragene Partnerschaft wählen."



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