Wenn die Wahl zum Event wird
Gigantische Veranstaltung mit Glamour, Glitzer, Prominenz hausgemachtem Skandal

Von Boris Schneider

Mit viel flüssigem bis überflüssigem Pomp und Trara gingen im nicht ganz vollen Kongresshaus die Miss- und Mister-Gay-Wahlen über die Bühne. Leider blieben dabei die Kandidatinnen und Kandidaten bisweilen auf der Strecke.


Der Auftakt zu den Miss- und Mister-Gay-Wahlen im Zürcher Kongresshaus war vielversprechend: Im Sännechutteli legten Kandidatinnen und Kandidaten einen lüpfigen Ländertanz aufs Parkett. Wäre die Szene live im Schweizer Fernsehen übertragen worden, hätte wohl kaum ein Zuschauer gemerkt, dass hier kein normaler Alpen-Balztanz mit strammen Knechten und artigen Mägden über die Mattscheibe flimmerte. So originell und herzlich der Abend begonnen hatte, so beliebig verlief der zum Event hochstilisierte Anlass dann aber leider auf weiten Strecken, bis nach einer halben Ewigkeit die Sieger feststanden und die Prominenz sich selber feiern durfte.

Jury lass nach
Beliebig war halt so einiges. Zum Beispiel die Jury. Im Programm als "vielfältig" und "kompetent" angepriesen. Doch wie kompetent ist ein Jury-Mitglied mit dem ominösen Titel "Mr. Pop", das sich als Marketing-Schöpfung von Sponsor Pommery entpuppt? Überhaupt: Die Liste der Sponsoren war derart lang, dass die Veranstalter der Pressemappe ein zusätzliches Blatt beifügen mussten, um alle aufzulisten. Und natürlich durfte zum Schluss jeder Sponsor kurz auf die Bühne, um zum mitgebrachten Preis das einstudierte Sätzchen zu trällern. Vergeblich warteten die Zuschauer, worunter sich auffallend viele Frauen befanden, auch auf Jury-Mitglied Robert Ismajlovic. Statt dem schönsten Schweizer des Jahres 2003 kam dann allerdings dessen Bruder. Moderator Marco Fritsche - sonst laut und gewohnt präsent - nuschelte etwas von "Sardinien-Ferien" des echten Roberts, schon beklatschte man den nächsten Superstar: Elli Erl, Gewinnerin der Dieter-Bohlen-Kiste "Deutschland sucht den Superstar", war dann aber immerhin ein Lichtblick. Als Sängerin und auch als bisexuelle Sympahtieträgerin, die das grösste Anliegen des Abends - das Streben der Minderheit nach mehr Toleranz - wie niemand anders auf den Punkt brachte: "Es ist total easy, es ist alles akzeptiert, alles wird gut!" Da konnte man auf Musicstar Carmen Fenk glatt verzichten, bei der es ja ohnehin zur Terminkollision mit der Bibelgruppe gekommen wäre.

Viele Köche machen einen Mega-Event
Die Organisatoren hatten mit der ganz grossen Kelle angerührt. Das merkte man dem Abend streckenweise auch etwas zu fest an. Vor lauter Daniela-Baumann-Dancers sah man manchmal die Kandiatinnen und Kandidaten gar nicht mehr. Überhaupt: Wer sich erhofft hatte, von den angehenden Missen und Misters das eine oder andere Wort zu hören und sie ein wenig kennenzulernen, wurde enttäuscht. Einzig für die Beantwortung einer Frage zum neuen Partnerschaftsgesetz wurde ihnen das Mikrofon gereicht. Und glauben wir der einen Kandidatin, dann bringt uns das Gesetz wenigstens "gravierende Vorteile". Mit Lilian Schaufelberger und Philippe Trinchan sassen gleich zwei Mitglieder des Vereins "Partnerschaft Ja" in der Jury. Im Hinblick auf den kommenden Abstimmungskampf darf man nur hoffen, dass die zwei sich selber besser auf ihre Medienauftritte vorbereiten werden, als sie es mit den Kandidaten und Kandidatinnen getan haben. Denn diese präsentierten sich teilweise unbeholfen.

Skandal im Kongresshaus
Und dann wäre da noch der obligate Skandal im Abgesang: "Bschiss bei den Mister-Gay-Wahlen?", titelte der Blick am Mittwoch. Auf Tele Züri redeten sich Sieger Sven Müller und Organisatorin Farah de Tomi nicht sehr überzeugend frei von den erhobenen Mauschel-Vorwürfen. Darauf soll hier aber gar nicht mehr im Detail eingegangen werden, denn schliesslich hat die ganze Geschichte auch ihr Gutes: Sie beweist, dass die Schwulen und Lesben sich in keinerlei Hinsicht vor den Heteros zu verstecken brauchen. Eine gigantische, fernsehreife Veranstaltung mit Glamour, Glitzer, Prominenz und dem hausgemachtem Skandal stellen sie nämlich locker auf die Beine - und das erst noch mit einer Portion mehr Herzlichkeit. Dass sogar die Blickzeitung aus der Mücke einen Elefanten macht, das zeugt von der grossartigen Normalität, mit der Homosexuellen inzwischen begegnet wird. Wie auch immer: Wir freuen uns ja trotz allem tierisch aufs nächste Jahr.

 

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