Harter Kampf um die schwulen Kunden
Konkurrenz erhalten etablierte Läden auch von den "jungen Wilden"

Von Boris Schneider

Gibt es in Zürich ein schwules Überangebot? Die Meinungen der Bar-Besitzer, Club-Betreiber und Party-Veranstalter darüber gehen ziemlich weit auseinander.

Bei seiner kleinen Fläche und der tiefen Bevölkerungszahl bietet Zürich dem schwulen Ausgangskonsumenten ein respektables Angebot. Es gibt Wochenenden, an denen sich die Veranstalter derart heftig konkurrieren, dass die Besucher zwar auswählen können, an den meisten Orten jedoch vor halbleeren Rängen feiern. Das Angebot ist gross, darüber besteht kein Zweifel. Während diesem Sommer versuchten sich dann zusätzlich auch noch Veranstalter aus der Westschweiz in Zürich festzusetzen, doch nach einigen Austragungen von "Jungle" und "Crash" scheinen sie dieses Unterfangen wieder aufgegeben zu haben. In Oerlikon war mit viel Brimborium der Atrium-Club eröffnet worden, nur um wenige Wochenenden später seine Türen wieder zu schliessen. Zwar gibt es auch das alte Aera nicht mehr, doch inzwischen buhlen dort mit der Männernacht Shaft und dem Samstagsableger Gay-Mafia der Sunday-Trash-Crew gleich zweimal im Monat schwule Veranstalter um die Kunden.

Viele Bars und teure Mieten
Für Ivan Paszti, Mitinhaber von Cranberry-Bar und Rathaus-Café im Niederdorf, ist die Sache klar: "Es gibt ein massives Überangebot an Gay-Lokalen", sagt er. Seit der Liberalisierung des Gastgewerbes sei die Konkurrenz im Barwesen ganz generell grösser geworden und die Stadt komme nur noch auf mehr schwules Publikum, wenn Lokale in anderen Schweizer Städten oder in Süddeutschland schliessen würden: "Es ist der reine Kannibalismusmarkt und nichts anderes", so Paszti.
Für Haymo Empel vom Barfüsser ist die Situation weniger krass: "Ich denke, dass man eine klare Positionierung im Ausgangsmarkt haben muss. Daran haben wir seit der Eröffnung konsequent gearbeitet", sagt er. Dennoch gibt es andere, die die Konkurrenz wohl mehr spüren: Um die "echten Kerle", die nach dem Ende des alten Barfüssers heimatlos geworden waren, liefern sich derzeit Magnusbar, Männerzone und die neu eröffnete Wildsau einen heftigen Kampf.

Partys veranstalten ist Glücksacke
Mit der einmal im Monat stattfindenden reinen Männernacht im alten Aera verfügen die Veranstalter von Shaft zwar über eine klare Positionierung, doch auch dort gibt es Schwankungen. Während die Partys im Sommer nicht allzu gut besucht waren, schlug die letzte Shaft im Oktober wieder ein wie eine Bombe: "Sicher herrscht mehr Konkurrenz unter den Veranstaltern. Neue Veranstalter versuchen, sich im schwulen Partymarkt einen Namen zu machen und auch bekannte Labels aus anderen Regionen drängen in die Stadt", sagt Shaft-Veranstalter Stefan Eberle. Aus seiner Sicht gibt es in Zürich auch klar ein Überangebot: "Das führt leider dazu, dass immer mal wieder jemandem die Luft ausgeht, weil der Umsatz nicht stimmt oder weil es einfach keinen Spass macht, Partys in halbleeren Räumen zu veranstalten", sagt er.
Für Luca Bernardini, einen der Gründer und Inhaber des Labyrinth, hat der schwule Besucherschwund aber auch noch einen ganz anderen Grund: "Das Gay-Publikum wird meiner Meinung nach heute nicht heftiger umworben als früher, aber es findet ein Veränderungsprozess statt: Der junge schwule Ausgangskonsument geht gar nicht mehr zwingend in den schwulen Ausgang. Er ist selbstbewusster und fühlt sich in allen Lokalen wohl. Während die Szene sich früher ghettoisieren musste, kehrt sich dieser Prozess heute mit der gestiegenen Toleranz langsam aber sicher wieder um", sagt er zum Cruiser. Schwulsein sei nicht mehr das Zentrum des Lebens und bestimme deshalb auch nicht mehr im gleichen Masse das Ausgangs- und Konsumverhalten.

Auch das Urgestein reagiert
Als schwules Club-Fossil erlebt auch das T&M im Niederdorf einmal gute und einmal schlechte Zeiten. Inhaber Thomas Kraus gibt sich aber pragmatisch: "Konkurrenz ist gut, sie belebt das Geschäft", sagt er. Es gebe immer ein auf und ab, doch der Markt regle sich jeweils selber: "Wir probieren, immer auf die Situtation zu reagieren", sagt er. Und reagiert hat auch das T&M: Mit fleissigen Neueröffnungen mit neuer Dekoration und tieferen Preisen im Vergleich zu früher. Und gibt es heute zu viele schwule Angebote? "Es wäre überheblich von mir zu sagen, dass es zu viel gäbe. Ich mache ja desselbe, und nehme auch jemandem die Leute weg", bilanziert Kraus.
Konkurrenz erhalten die etablierten Läden in jüngster Zeit ganz klar von den "jungen Wilden", die mit ihren unkommerziellen Partys mit Namen Offstream, Unart und Boyakasha respektable Erfolge feiern: "Bei uns geht es nicht um den Profit, sondern um eine gute Party", sagt Boyakasha-Macher Marco Uhlig. Viele Schwule hätten genug vom ewigen Technogestampfe, deshalb würden die alternativen Partys auch Zuläufe verzeichnen. Ähnlich sieht das Ex-Persil-Mann und Unzip-Veranstalter Micha Tobler: "House und Techno sind in gewissen Kreisen out", sagt er. Während das Persil noch eine hundertprozentige Techno-Domäne gewesen war, hat Tobler das Konzept für Unzip leicht revidiert. Dort wird jetzt nämlich auch mal R&B oder Hiphop gespielt.

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