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Himmel und Hölle
im Zürcher Nachtleben
Stoffwechsel,
der kleine Bruder der Spidergalaxy, feiert den ersten Geburtstag
Von Boris Schneider
Der Stoffwechsel
an der Geroldstrasse 15 feiert am 11. Dezember seinen einjährigen
Geburtstag. In den kleinen Bruder der Spidergalaxy wagen sich öfter
auch Besucher, denen es im unteren Stock zu düster abgeht.
Am 11. Dezember ist
es schon ein Jahr her, dass der Stoffwechsel 15 an der Geroldstrasse seine
Tore geöffnet hat. Das Lokal, das sich direkt oberhalb der berüchtigten
After-Hour-Legende Spider-galaxy befindet, beherbergte früher eine
Druckerei. Als diese auszog, mietete Spidergalaxy-Geschäftsführer
René Hagen den Raum auf Vorrat. Schliesslich übertrug er seinem
Lebenspartner Gianmarco Ingrassia den Auftrag, darin einen neuen Club
entstehen zu lassen. "Anfänglich wollten wir eine Plattform
für Modedesigner, Künstler und andere Kreative sein", erzählt
Ingrassia. Im Laufe der Zeit habe sich aber gezeigt, dass dieses Konzept
nicht funktionierte. Aus dem Catwalk wurde schliesslich eine Bühne
für Nachwuchs-DJs, die Ingrassia persönlich aussucht. Als Club
hat sich der Stoffwechsel in der Zürcher Szene inzwischen einen Namen
gemacht - und bildet zusammen mit Spidergalaxy und Supermarket ein wahrhaftig
teuflisches Ausgangsdreieck, das bis weit über die Landesgrenzen
hinaus bekannt ist.
Legendäre
Montags-After-Hour
Mehrmals im Jahr arbeiten die drei Lokale für ihre Glamourama-Partys
zusammen. Und wenn die Spidergalaxy am Montag morgen um 2 Uhr seine Pforten
dicht macht, dann öffnet im Obergeschoss der Stoffwechsel zur fast
schon traditionellen Montags-Afterhour. Wer denkt, dass man dort ausschliesslich
Leute trifft, die schon seit mehreren Tagen im Untergeschoss gefeiert
haben und entsprechend daherkommen, der irrt sich - mindestens teilweise:
"In der Regel kommen am Montag morgen viele neue Leute in den Stoffwechsel,
die zu diesem Zeitpunkt noch einmal ausgehen wollen", meint Hagen.
Am Freitag und Samstag gibt sich der Stoffwechsel dann allerdings doch
ein gutes Stück gesitteter: Zwischen 23 Uhr und 5 Uhr morgens erwartet
den Besucher ein bunt gemischtes Völkchen. Eine Spidergalaxy "Light",
könnte man sagen. Oder: Im Stoffwechsel hält es wahrscheinlich
auch aus, wem es ganz unten, tief "im Loch", zu düster
und zu undergroundig ist.
Weniger Schwule
als früher
Eines ist allerdings klar: Weder Spidergalaxy noch Stoffwechsel können
sich heute noch mit der Etikette "Gay-Club" schmücken -
was sie eigentlich auch nicht tun. Das Label "schwul" haftet
der Spidergalaxy wohl aus den ganz frühen Jahren noch an. Doch die
Zeiten - und mit ihnen die Türsteher und die Besucher - haben sich
geändert: "Es kommen mir alle mit dem Vorwurf, dass es immer
weniger Schwule bei uns hat", nervt sich Hagen, "heute haben
wir einfach viel mehr Leute als früher". Sicherlich habe es
viele Schwule, die die Clubs an der Geroldstrasse heute meiden würden.
Woran das allerdings tatsächlich liege, das wisse er nicht: "Wenn
wir Schwulen Toleranz verlangen, dann sollten wir sie anderen gegenüber
genau so zeigen", meint Hagen. Wenn sich Ex-Jugoslaven oder Türken
in der Bandbreite, die die Betreiber von Spidergalaxy und Stoffwechsel
geben, bewegen würden, dann sei das in Ordnung: "Doch damit
scheinen eher die Schwulen ein Problem zu haben als die anderen",
bilanziert er. Viele Gerüchte von Zwischenfällen, die hartnäckig
die Runde machten, würden auch nicht stimmen: "Im Gegensatz
zu anderen Clubs mit ähnlichem Publikum gibt es bei uns praktisch
nie Schlägereien oder andere Mühsamkeiten", so Hagen. Jeder
und jede habe sich an der Geroldstrasse 15 ganz einfach an die ungeschriebenen
Regeln des Hauses zu halten: Wer andere Leute anmacht, wenn diese das
nicht wollen, oder wer offen Drogen konsumiert, der fliegt raus. Punkt.
Ein richtiges Ausgangs-Unternehmen
Spidergalaxy und Stoffwechsel sind heute zu einer veritablen Ausgangs-Metropole
angewachsen. Von Donnerstag abend bis Montag mittag beschäftigen
die Lokale immerhin 65 Personen - Licht, DJs, Abendchefs, Garderobe, Barpersonal,
Kasse, Security. "Wie will ich am Ende des Monat alle zahlen? Da
lässt man halt auch einmal jemanden zusätzlich rein und hat
dafür ein spezielles Auge drauf. Für diejenigen, die deswegen
nur jammern und ihr kleines Ghetto wieder haben möchten, habe ich
nicht viel Verständnis", sagt Hagen trotzig. Um die Lokale ranken
sich inzwischen wahrscheinlich mehr Legenden, als die Gebrüder Grimm
Märchen geschrieben haben. Hunderttausende von Franken würden
die Clubs jedes Jahr allein mit dem Verkauf von Feuerzeugen verdienen,
heisst es. Und im Vorfeld der Streetparade kolportierte gar die "Weltwoche"
die Geschichte vom verborgenen Sado-maso-Keller, der unter der Tanzfläche
der Spidergalaxy verborgen sei. Man mag von den pulsierenden Clubs an
der Geroldstrasse halten, was man will. Aber eines merkt man im Gespräch
mit Gianfranco und René: Hier steckt Herzblut drin. So soll es
denn am kommenden 11. Dezember ein würdiges Geburtstagsfest für
das jüngste Kind, den Stoffwechsel, geben. Ingrassia hat DJs, Dragqueens
und einen Sänger aufgeboten. Und künftig sollen auch die Veranstalter
von Local Underground und Smoking Fish im Stoffwechsel Asyl erhalten.
So zum Beispiel am 4. Dezember, bei dem auch das Spidergalaxy miteinbezogen
wird. Dekoriert werden die beiden Clubs so verschieden wie sie oft auch
sind: Im Spidergalaxy die Hölle, wie könnte es anders sein,
im Stoffwechsel der Himmel.
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