
|
Schwule im Polizeidienst
nicht mehr "undercover"
Grossbritanniens
Gay Police Association zählt bereits 1200 Mitglieder
Von Hanspeter Künzler,
London
Vor fünfzehn
Jahren wurde noch im Verborgenen die "Gay Police Association"
von Grossbritannien gegründet. Aus einem verpönten Bund von
Aussenseitern ist unterdessen eine angesehene Organisation geworden, die
staatliche Unterstützung geniesst und bei der Polizeiarbeit aktiv
involviert ist.
Als die Gay Police
Association ihren ersten Geburtstag mit einer Party auf einem Themseboot
feierte, warteten Vertreter der Boulevardpresse auf sie. Am nächsten
Tag prangte auf dem Titel der News of the World die Schlagzeile: "Schiff
der Schande - schwule Cops feiern Orgie auf der Themse". 2001 feierte
die unterdessen auf 1200 Mitglieder - ein Drittel Frauen, zwei Drittel
Männer - angewachsene GPA das zehnjährige Bestehen. Einladungen
unter dem Banner "Ship of Shame II" gingen auch an die Presse.
"Niemand kam", grinst der GPA-Vorsitzende Paul Cahill. "Wir
waren kein Thema mehr."
Keine Gegenliebe
der Szene
Als die Lesbian and Gay Police Association gegründet wurde, taten
sich die britische Öffentlichkeit, die Polizei und sogar die Schwulenszene
noch schwer mit der Vorstellung, dass sich unter den gestandenen Mannsbildern
und Frauenzimmern, welche die Nation vor Ungemach schützten, Homosexuelle
befinden sollten. Der regierenden Tory-Partei war es soeben gelungen,
Peter Tatchell, einen schwulen Parlaments-Kandidaten der Labour Partei,
mit einer Gerüchtekampagne über dessen Lebensstil ins Abseits
zu stellen. Jetzt startete man eine regelrechte Schwulenhatz. Ein neues
Gesetz, "Clause 28", machte die "Promotion von homosexuellem
Ideengut" strafbar. Schwule Polizisten stiessen aber auch in der
Szene auf wenig Gegenliebe. Von der klassischen, militanten Schwulenposition
aus gesehen war es "Selbst-Unterdrückung", sich auf die
Seite von Autoritäten zu stellen, die man als schwulenfeindlich empfand.
Es überrascht denn nicht, dass sich 1990 noch kein einziger Polizist
offiziell geoutet hatte. Auch die vier Gründungsmitglieder der GPA
waren nicht "out" - ja, sie kannten sich nicht einmal. Gemeinsame
Freunde führten sie zusammen. Die Fahndung nach weiteren GesinnungsgenossInnen
erfolgte wie im Krimi mittels verschlüsselten Kleininseraten, die
nur schwule PolizistInnen verstehen konnten.
Forderung nach
Zwangsauflösung
Inspektor Paul Cahill, 34, ist heute als taktischer Berater im "firearms
department" tätig. Als frischgebackener Polizist stiess er ganz
am Anfang zur GPA. Für ihn war nie ein anderer Job in Frage gekommen:
"Ich bewunderte die Arbeit der Polizei schon als Kind. Später,
als ich darüber nachdenken musste, hielt ich die Arbeit des Polizisten
und die Kultur der Polizei immer auseinander", erklärt er. Der
Auftrag, Menschen zu helfen, sei ihm wichtiger gewesen als die Frage,
ob er beliebt war bei den Kollegen. "Dann bin ich der GPA beigetreten,
weil ich darin die Hoffnung sah, dass wir vielleicht doch eine Veränderung
hervorbringen konnten. "Am Anfang stiess die Gay Police Association
auf heftige Gegenwehr (auf Drängen der weiblichen Mitglieder hin
war das "Lesbian" fallengelassen worden - die Bezeichnung löse
pornographische Assoziationen aus). Die grösste Polizeigewerkschaft
appellierte sogar an den Innenminister, um eine Zwangsauflösung zu
erwirken. In der Polizei brach eine landesweite Homophobiewelle aus. Cahill:
"Man verlangte den Hinauswurf aller Schwulen. Es kamen Ängste
hervor, die in lauter Ignoranz wurzelten. Deswegen hat es die GPA seither
als eine ihrer wichtigsten Aufgaben angeschaut, Visibilität zu schaffen.
Je öfters sich Menschen bewusst sind, dass sie mit Schwulen und schwulen
Polizisten zusammen sind, desto eher verlieren sie ihre Ängste."
Späte Akzeptanz
Als Erstes schaffte die GPA eine Supportstruktur für schwule Polizisten.
Dann, 1993, ging in der Schwulenszene vom Londoner Earl's Court-Quartieres
ein Serienmörder um. Nach langem Zögern und im Dunkeln Tappen
kamen die zuständigen Detektive nicht mehr umhin, auf den Vorschlag
der GPA einzutreten und sich von der Organisation offiziell beraten zu
lassen. Ein weiterer Sprung nach vorn geschah nach dem Bombenanschlag
auf den Schwulenpub "Admiral Duncan" in Soho, wo zwei Menschen
ums Leben kamen und achtzig verletzt wurden. Drei Stunden nach der Explosion
wandte sich die Polizei-führung an die GPA. Diese richtete in der
Old Compton Street ein Büro ein: "Tausende von Leuten kamen.
Das Büro half nicht nur beim Sammeln von Beweismaterial. Es was eine
Kontaktstelle für Menschen, die aus dem ganzen Land angereist kamen,
um ihrer Betroffenheit Ausdruck zu geben." Das rundweg positive Echo,
das diese Arbeit auslöste, führte dazu, dass die Regierung den
Wert der Organisation seither mit einer "respektablen" finanziellen
Unterstützung würdigt. Das hatte zur Folge, dass die Arbeit
der Vereinigung vermehrt auch nach aussen gerichtet wird. So produzierte
man ein Informationspaket für Opfer von homophoben und überhaupt
sexuellen Attacken. VertreterInnen der GPA halten überall im Land
Vorträge, in denen die Polizeikader über "schwulen Lifestyle,
schwule Kultur, schwule Probleme und die Probleme schwuler Polizisten"
informiert werden. Eine Telefon-Helpline für Polizisten und Zivilisten
beschäftigt sich mit durchschnittlich fünfzehn Anfragen täglich.
Das Klima hat sich wahrlich geändert: Bei Schwulenmärschen marschiert
die Delegation der GPA heute in voller Uniform mit.
Eine Internetlösung
der
|