Rufus Wainwright singt wie ein Engel
Schwulenrechte waren früher kein Thema für ihn. Heute ist er genau gegenteiliger Meinung.

Von Hanspeter Künzler, London

Rufus Wainwright ist eine der schillerndsten aber auch mutigsten Figuren am derzeitigen Musik-Firmament. Mit seinem vierten Album "Want Two" wagt er sich noch weiter auf die Äste hinaus. Cruiser hat mit ihm in London gesprochen. Im Mai ist er für einen Abend im Zürcher Kaufleuten.

Seine Mutter war die kanadische Sängerin Kate McGarrigle, sein Papa der amerikanische Singer/Songwriter Loudon Wainwright III (Hit: "Dead Skunk"). Der Vater schrieb einst einen Song über ihn - "Rufus Is A Tit Man". Damit war Rufus, das Baby, gemeint. Rufus, der Teenager, wusste mit vierzehn Jahren, dass er schwul war. "Mein Grossvater lebte in LA", berichtet Rufus. "Seine Nachbarin war Judy Garland. sie machte ihm manchmal Sandwiches. Ist es da ein Wunder, dass ich schwul bin?" Kurz vor seinem fünfzehnten Geburtstag wurde er im Londoner Hyde Park fast vergewaltigt. Er konnte sich retten, indem er einen epileptischen Anfall inszenierte. Der Vorfall prägte sein frühes Sexualleben - sieben Jahre lang teilte er dieses mit niemandem. Es prägte auch seinen musikalischen Werdegang. "Meine Sexualität war eh schon von Furcht geprägt. Dazu waren es die frühen Tage von AIDS. Wir nahmen alle an, das Schwulsein einen frühen Tod bedeutete." Da entdeckte er die Oper: "Ausserdem konnte ich die Popmusik jener Zeit nicht ausstehen. David Lee Roth, Madonna und lauter Videos!" Seine ähnlich frustrierten Freunde legten Nirvana auf, Rufus Verdi's "Requiem": "Zehn Jahre lang hörte ich nur noch Opern. Die Oper geht den Tod von einer vitalen Perspektive aus an. Das gab mir Hoffnung."

Sondertalent

Seine Eltern trennten sich, als Rufus drei Jahre alt war. Kate zog mit ihm und Schwester Martha nach Montreal zurück. Leonard Cohen lebte im gleichen Haus. Kate McGarrigles musikaristokratischer Status sorgte für Verbindungen. Als Rufus mit einundzwanzig Jahren seine ersten Lieder parat hatte, war da Familienfreund Van Dyke Parks, der Mann, welcher mit Brian Wilson "Smile" komponiert hatte, und der das Demo-Tape dem Warners-Präsidenten Lenny Waronker zustecken konnte. Dieser erkannte sofort das Sondertalent, das in diesen kuriosen, dramatischen Popliedern steckte, die nicht davor zurückschreckten, sich vor Strauss und Schubert zu verneigen. Auf dem Debut-Album etablierte Wainwright sogleich seine Persona - zu gleichen Teilen camp, barok, romantisch und smart.

Intensive Drogenphase

Das zweite Album hiess sinnigerweise "Poses". Frustiert, dass er es mit seinem ersten Album und seinen Engels-Look nur zum "Kult-Held", nicht zum Superstar gebracht hatte, ging er hier mit etwas mehr kaltem Kalkül ans Werk. Dennoch sind die Lieder auch hier oft schonungslos autobiographisch - sie verarbeiten eine Zeit, zu der er im New Yorker "Chelsea"-Hotel hauste, von seinem frühen Ruhm zehrte und mit Gefahr flirtete. Er schätzte die Clubs, wo es die meisten Drogen gab. Mitten in seiner intensivsten Drogenphase - einmal erblindete er eine Stunde lang und konnte nicht reden - fing er mit den Arbeiten an einem neuen Album an. Wainwright: "Ich kämpfte mit der Tatsache, dass ich nicht mehr einundzwanzig Jahre alt war. Darüber war ich nicht glücklich! Ich fing an, Songs zu schreiben wie "I Don't Know What It Was". Das Lied kam mir nach einer Party von The Strokes. I don't know what fame is, I don't know what this is all about, but I've got to do it. Erst als der Song fertig war merkte ich, dass er im Grunde von mir selber handelte, von mir und meiner Suche nach Liebe und Bedeutung. Danach prallte ich auf die Mauer."

Entzug und neue Lieder

Er ging in den Entzug und liess die Musik mehrere Monate lang sein. "Beim Entzug wurde mir klar, dass ich durchs Leben gegangen war wie ein dressierter Hund. Mit dieser Realisation und einem Produzenten, der wirklich verstand, worum es mir ging, begb ich mich erneut ins Studio, um "Want One" aufzunehmen. Plötzlich stürzten die Lieder richtig aus mir heraus. Plötzlich waren genug Lieder da auch für ein "Want Two"." Nach dem auch schon sehr tollen "Want One" (erschienen im Herbst 2003) ist "Want Two" nun schlicht grossartig. Es ist ein zutiefst eigenartiges Album voll von Liedern in einem Stil, wie wir ihn - das kann getrost gesagt werden - noch nie gehört haben. Man nehme "Old Whore's Diet". Zuerst singt Wainwright zu getragenem Tempo und ein paar Gitarrenarpeggios die ganze seltsame, abwärts ziehende Melodie einmal ganz durch. Dann setzt das aus Cello, Bratsche, Geige, Ukulele
und Banjo bestehende Orchester ein und übersetzt das Ganze in einen beschwingten Rhumba mit einem langen, weinenden Geigensolo, bis man irgendwie bei einer mantrahaft repititiven Mischung von Wiener Walzer und Philip Glass angelangt ist. Der Spass dauert fast neun Minuten. Das Wunder: keine Spur von Kitsch!

Gay Messiah

In "Gay Messiah" singt Wainwright zum ersten Mal das Wort "gay": "Der Song begann als Witz", erklärt er. "Ich wollte eine satirische Fantasie schreiben, im Stil meines Vaters. Dann, vor den Wahlen, wurde die schwule Position plötzlich stark politisiert. Man versuchte sogar, antischwule Gesetze einzuführen. Nun wandelte sich das Lied in einen Aufruf, für Kerry zu stimmen. Seit den Wahlen ist daraus ein passioniertes Gebet geworden für eine göttliche Intervention, die uns ein bisschen aushelfen könnte. Vor sechs, sieben Jahren noch sagte ich ganz klar: ich bin kein politischer Songschreiber, Schwulenrechte sind kein Thema für mich. Jetzt bin ich genau der gegenteiligen Meinung."

Am 3. Mai gastiert Rufus Wainwright zusammen mit Antony and the Johnsons im Zürcher Kaufleuten. Die beiden schwulen Sänger spielen mit sexuellen Stereotypen - überzogen, affektiert und parodistisch.


Eine Internetlösung der