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Homosexualität
ist in Schlagertexten tabu Von Thomas Borgmann Obwohl schwule Männer die wohl treuesten Liebhaber von Schlagern sind, müssen sie bei den Texten meist draussen bleiben. Fast immer geht es im Schlager um die Liebe, aber in der Regel ausschliesslich um heterosexuelle Zweisamkeit. Es gab sogar Zeiten, da wurden Schwule im Schlager regelrecht verhöhnt. "Warum tun wir, wenn wir von Liebe reden, als gäb's nur Liebe zwischen Mann und Frau? Ja, das bleibt immer ein Geheimnis, das weiss niemand so ganz genau..." Als Daliah Lavi 1976 in ihrer deutschen Version der "Ballade des gens heureux" von Gérard Lenorman diese Frage stellte, machte sie auch auf ein Dilemma des Schlagertextes aufmerksam. Zwar wird diese Zeile in ihrem mehrstrophigen Fragenkatalog nach zahlreichen Missständen dieser Welt wohl auch häufig überhört worden sein, schwule Ohren hingegen liess sie aufhorchen. Homosexualität war im Mainstream des deutschen Schlagers bis dato weitgehend ein Tabu. Während sich in den Zwanziger Jahren noch viele musikalische Genres dieses Themas annahmen, blieb es in den ersten zwei Jahrzehnten des Nachkriegs-Deutschland bestenfalls auf die Unterhaltungsnische Kabarett beschränkt. Im deutschen Schlager hatte der Schwule nichts zu suchen - und wenn doch, dann bestenfalls in Parodien als Zielscheibe von Hohn und Spott. Schlüpfrig und schwuchtlig "Hallo Schwester - bist du ein Schlimmer!", titelte Alexander Gordan unter dem Pseudonym "Detlev"1977 seine erste LP mit dem Untertitel "Hits à po-po"... Vorangegangen waren zwei erfolgreiche "Detlev-Singles", auf denen der Musiker und Familienvater populäre deutsche Schlager mit schlüpfrigem Text und "schwuchteligem"Tonfall parodierte. So wurde aus Gitte Haennings Hit "So schön kann doch kein Mann sein, dass ich ihm lange nachwein'..." die Zeile "so schwul kann doch kein Mann sein". Der Anschluss-Erfolg war ungleich schlimmer: Aus Mike Krüger's Debüt-Titel "Mein Gott Walter" wurde ein Covertext, in der ein Schwuler sich aus Not an ein Mädchen ranmacht und bis zur Unkenntlichkeit verprügelt wird. Dabei lacht sich ein zugemischtes Publikum halbtot. Bis in die frühen Achtziger Jahre hielt die Erfolgswelle der "Detlev-Schlager" an. Der Vorname wurde dadurch zu einem Synonym für den Schwulen schlechthin, worunter nicht nur homosexuelle Detlevs zu leiden hatten. Auch das Coming-out war in den Siebziger Jahren deutlich erschwert, weil Schwulenklischees aus der Musikbox Vorurteile und Ablehnung auf der einen und Ängste auf der anderen Seite erheblich zementierten. "Homo Joe" wurde kein Hit Die Gegenbewegung war längst im Gange. Mit der Streichung des Paragraphen 175 im Jahr 1969, durch den in Deutschland homosexuelle Handlungen unter Erwachsenen nicht länger strafbar waren, war auch die rechtliche Grundlage für eine Schwulen-Emanzipation geschaffen. Auch die neuen Schwulenmagazine, die erstmals wieder im freien Verkauf angeboten werden durften, nutzten das Medium Schallplatte. Das Magazin "him" kündigte im Juli 1970 den ersten Homo-Schlager an, der die deutschen Hitlisten stürmen sollte. Das gelang dem Sänger Sonny Costa mit dem Titel "Homo Joe" zwar nicht, aber immerhin lieferte er mit dem Titel "Er" auf der B-Seite das erste schwule Liebeslied der Republik. Wieweit er aber mit Textzeilen wie "wiegende Hüften, geschmeidiger Gang, so gingst du immer die Strasse entlang" der Befreiung von Schwulen-Klischees einen Dienst erwiesen hat, ist fraglich. Erste Versuche homosexueller Inhalte Zaghafte Versuche, die Verbannung homosexueller Inhalte aus der Unterhaltungsmusik zu überwinden, wagten zunächst die Chansoniers und Liedermacher. So gilt Charles Aznavours deutsche Version seines Chansons "Comme ils disent" (Ich bin ein Homo, wie sie sagen) aus dem Jahr 1972 als erste Pop-Schallplatte, auf der Schwule nicht mehr als grosse Lachnummer preisgegeben wurden. Doch trotz der beeindruckenden Zeile ist in dem Lied von schwulem Selbstbewusstsein wenig die Rede. Besungen wird ein bedauernswerter vereinsamter Travestiestripper, der die Öffentlichkeit scheut. Hoffnungsvollere Worte findet ein Jahr darauf schon André Heller. Der österreichische Liedermacher und Aktionskünstler singt "ein Lied über die Selbstverständlichkeit des Selbstverständlichen, die leider noch immer nicht selbstverständlich ist". Die Zeile "und wenn ein Mann einen Mann liebt, soll er ihn lieben, wenn er ihn liebt" aus dem Lied "Denn ich will" dürfte für viele Schwule der frühen Siebziger wie eine Befreiungshymne gewirkt haben. Weitere Plädoyers von Heller für die gleichgeschlechtliche Liebe folgten auf späteren Titeln. Karriereknick eines Topstars Ermutigt durch die zwar zögerliche, aber doch kontinuierliche Liberalisierung wagte der populäre heterosexuelle Schlagersänger Bernd Clüver (Der Junge mit der Mundharmonika) 1976 den grossen Schritt nach vorn. Nicht für ein eher intellektuelles Publikum wie bei Heller, sondern für die breite Öffentlichkeit nahm er mit der Single "Mike und sein Freund" die deutsche Version des Rubettes-Hits "Under one Roof" auf. Das Lied erzählt die Geschichte eines jungen schwulen Paars, das an der Ablehnung seiner Umwelt zerbricht und die im Freitod endet. Obwohl der Inhalt durchaus ins damals gängige Klischee passte, dass Homosexualität nicht gut gehen kann, wurde das Lied von den meisten Radio- und Fernsehsendern nicht gespielt. Aber auch wenn der Titel dem damaligen Topstar der Hitparaden einen deutlichen Karriereknick bescherte, bereut Bernd Clüver eigenen Angaben zufolge die mutige Aufnahme bis heute nicht. Homosexualität - auch heute Nichts für die Hitparade Mittlerweile müssen
im Schlager schon wesentlich schärfere Geschütze gefahren werden,
um noch auf dem Index zu landen. Der sexuelle Notstand im Plattenschrank
ist längst überwunden und erotische Inhalte können kaum
noch schockieren. Trotzdem findet Homosexualität in den Hitparaden
noch immer selten statt. Meist wird der Text allgemein gehalten und kann
schwul verstanden werden, muss er aber nicht. Denn der Erfolg eines Schlagertextes
beruht in der Regel darauf, dass er Identifikationsmöglichkeiten
für viele bietet. Und hier zeigt sich eben doch, dass Schlager in
erster Linie Musik für die heterosexuelle Masse ist, auch wenn er
unter Schwulen oft seine grössten Freunde hat.
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