Phuket demonstriert wieder Lebensfreude
Trotz der kürzlichen Flutkatastrophe fand der Gay Pride wie geplant statt

von Michael Lenz, Kata Beach, Phuket

Zum Jahresende riss der Tsunami Hunderttausende jäh aus ihrem Leben. Den Überlebenden unterspühlte er ihre Existenzgrundlagen. Die Widersprüche zwischen Urlaubsparadies und Not, Trauerarbeit und Lebensfreude sind allgegenwärtig. Der sechste Phuket Gay Pride sollte zeigen, dass das Leben weitergeht.

Am Zweiten Weihnachtstag bot die Strandstrasse von Patong Beach auf Phuket ein Bild des Grauens: tote, verletzte, verzweifelte Menschen in Trümmern ihrer Hotels und Häuser nach den drei mörderischen Tsunamiwellen. Hundert Tage später barst die Strandpromenade schon wieder vor überschäumender Lebensfreude. Schwule und Lesben, GoGo-Boys und Transsexuelle feierten zusammen mit ganz gewöhnlichen Thais und vielen Touristen am 10. April den 6. Phuket Gay Pride. Die farbenprächtige Parade bildete den Höhepunkt des dreitägigen Christopher Street Day Festivals auf der thailändischen Ferieninsel. Zu Fuss und auf Wagen, in Rikschas und auf Elefanten zogen über 500 Paradeteilnehmer vorbei an Tausenden von Zuschauern in Badehosen und Bikinis. Die wummernden Beats der Discowagen überdröhnten für den Moment das Getöse der Bohrer und Betonmischer. Strass und Federn überdeckten die Ruinen und Narben, die die Tsunamiwelle hinterlassen hat.

Die Hotels, Restaurants und diversen Geschäfte an der Strandpromenade von Patong haben die volle Wucht der Wellen abbekommen. Das schwule Edelhotel "Club One Seven", dessen Manager durch den Tsunami ums Leben kam, ist eine einzige Baustelle. Daneben steht eine Ruine, die noch auf ihre Wiederbelebung wartet. Vorbei zieht die Parade an Bauzäunen, an denen Transparente den Termin für die Wiedereröffnung des entsprechenden Geschäfts versprechen oder vage "Wir sind bald wieder da" verkünden.

Urlaubsparadies und Baustellen
Die Widersprüche zwischen Urlaubsparadies, Not, Trauerarbeit und Lebensfreude sind in Patong Beach allgegenwärtig. Am Strand lümmeln sich genüsslich und sonnenhungrig europäische Touristen in den neuen Plastikliegestühlen. Die alten, klapperigen Holzgestelle mit ihren zerschlissenen Stoffen hatte der Tsunami verschlungen. An dem Haus an der Ecke, wo Patongs Rotlichtviertel Bangla Road an den Strand grenzt, fehlt eine ganze Seitenwand. Für die Ärmsten der Armen ist die erste Etage des Trümmerhauses eine Unterkunft auf Zeit geworden. Elend mit Meeresblick. Bedenken, dass die schrille Schwulenparade nur drei Monate nach der verheerenden Flutwelle, die alleine auf Phuket viele Hundert Tote gefordert hat, zu früh, zu pietätlos, zu makaber sein könnte, hat
niemand. "Das Leben geht weiter", sagt Kenya. "Wir haben Tote zu beklagen. Aber wir können auch feiern, dass wir noch leben." Der 45-jährige Thailänder weiss, wovon er spricht. Sein Restaurant "Sea Hag" in Soi Wattana ist vom Tsunami zerstört worden. Kenya selbst hat sich nur knapp vor den Wellen retten können.


Hoffen auf den Tourismus
Skip Burns hofft, dass Ereignisse wie der Gay Pride Phuket den Tourismus wiederbeleben. Der 59-jährige schwule Amerikaner hatte erst wenige Wochen vor dem Tsunami sein Boutiquehotel "CC Bloom" auf einem Hügel über Kata Beach eröffnet. Bis weit in den Januar war das "CC Bloom" ausgebucht. Dann kam der Tsunami. Wie Tausende andere Touristen flüchten auch die Gäste des "CC Bloom" in den Tagen danach von Phuket. Im Januar lag der Phukettourismus nahe dem Nullpunkt. "Ich glaube zwar nicht, dass der Gay Pride in diesem Jahr extra Besucher anzieht", sagt Somchai Silapanont, Vorstandsmitglied der Phuket Tourism Association. "Aber wir brauchen jede positive Nachricht. Vom Hotel bis zum Fischer leben hier auf Phuket alle vom Fremdenverkehr."

Geistergeschichten
Skips Gäste hatten nur durch einen Zufall überlebt. Wegen eines Trödlers konnte der Shuttle-Bus mit zwölf Hotelgästen am 26. Dezember nicht wie geplant um acht Uhr zum Strand fahren. Um sechs Minuten nach acht hatte die erste von drei Tsunamiwellen Phuket überrollt. So wie Skip hat jeder auf Phuket wundersame, traurige, schreckliche oder auch bizarre Tsunami-Geschichten zu erzählen. Wiwat, Phukets schwuler Modezar, weiss von den Geistern der Tsunamitoten zu berichten, die in Patong immer wieder gesichtet werden. In einem Restaurant zum Beispiel hätten Gäste mit Entsetzen beobachtet, wie eine Kellnerin an einem Nachbartisch Bestellungen aufnahm. Der Tisch war leer. "Für die Thais sind Geister Wirklichkeit", sagt Thailandexperte Douglas Sanders, ein in Bangkok lebender kanadischer Akademiker. Die alten Traditionen animistischer Religionen aus vorbuddhistischer Zeit seien bei vielen asiatischen Völkern noch immer lebendig.

Nach wie vor wunderschöne Strände
Bis tief in die Nacht feierten Schwule und Heterosexuelle nach der Parade gemeinsam in Patongs Paradise-Komplex ein ausgelassenes Strassenfest in einer tropisch-schwülen Sommernacht. Wiwat ist überglücklich über die tolle Gay Pride Parade. "Das war eine gelungene Geisteraustreibung." Es ist den Menschen von Phuket zu wünschen, die entschlossen am Wiederaufbau ihrer Insel arbeiten. Phuket und die anderen Inseln der Andaman Sea wie Koh Phi Phi oder Phi Phi Lei mit dem Strand aus dem Leonardo-DiCaprio-Film "The Beach" sind immer noch wunderschön. Kenya betont: "Die beste Hilfe ist es, wenn die Menschen wieder hier ihren Urlaub verbringen. Dann haben wir Jobs und Einkommen und können uns selber helfen."

 

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