Grand Prix-Trash
Ohne die schwulen Fans wäre der Grand Prix wohl schon gestorben

Von Thomas Borgmann

1956 fand im Kursaal von Lugano der erste Grand Prix Eurovision de la Chanson statt. Die Teilnehmerzahl stieg von Jahr zu Jahr. Musikalisch gings aber bald mit dem Lieder-Wettstreit nur noch bergab bis zum Tiefpunkt in den neunziger Jahren. Dennoch sind ihm die schwulen Fans treu geblieben.

Wenn am 21. Mai um 21 Uhr mitteleuropäischer Zeit aus der ukrainischen Kapitale Kiew die Eurovisionsfanfare ertönt, wird es manchem sensiblen Fan besonders warm ums Herz. Denn dann läutet sie zum fünfzigsten Mal den europäischen Song Contest ein. Fast auf den Tag genau, am 24. Mai 1956 fand im Kursaal von Lugano der erste Grand Prix Eurovision de la Chanson statt. Nur sieben Länder schickten damals ihre Vertreter ins Tessin. Damit dieser Abend trotzdem nicht zu schnell zu Ende ging, durfte jedes Land gleich zwei Songs zum Besten geben. Gewinnen konnte damals wie heute aber nur einer, und das war im Premierenjahr der Schweizer Beitrag "Refrain", gesungen von Lys Assia.


Älter als die EU

Im Jubiläumsjahr 2005 ist das musikalische Europa so stark gewachsen, dass sich das Festival trotz mehrstündiger Sendezeit auf zwei Abende verteilen muss. Nach der kurzfristigen Absage des Libanon - auch die afrikanischen und arabischen Länder der Mittelmeerküste zählen inzwischen zum Dachverband der EBU und dürfen mitsingen - nehmen immerhin noch 39 Länder an der Jubiläums-Veranstaltung teil. Der Grand Prix ist mit seinem halben Jahrhundert älter als die EU und beständiger als der "eiserne Vorhang", der bis 1989 quer durch Europa ging. Der hat Beatles, Punks und Love-Paraden überdauert, Karrieren zerstört und auch ermöglicht, Welthits hervorgebracht und Sieger gekürt, von denen vorher und nachher niemand mehr etwas hören wollte. Allen Verunglimpfungen zum Trotz scheint er also erhaben über Trends und Charts. Und doch wäre er beinahe schon an seiner Bedeutungslosigkeit erstickt.

Erhaben über Trends und Charts
Schon immer hing dem europäischen Concours der Ruf an, am aktuellen Geschehen des Pop völlig vorbei zu laufen und damit eigentlich überflüssig zu sein. Seinen absoluten Tiefpunkt erreichte der Lieder-Wettstreit aber in den neunziger Jahren. Musikalisch war alles dabei, was gerade nicht aktuell war. Nicht einmal mehr die Siegertitel wurden von der Musikindustrie registriert. Erfolgsnationen wie Italien und Luxemburg stiegen aus, eine Rundfunkanstalt plädierte dafür, die Punktewertung - das Herzstück der Veranstaltung - auf ein Minimum zu reduzieren, andere forderten gleich ganz das Aus für diese Sendung. Einzig die Schwulen hielten dem Grand Prix die Treue und damit wohl auch am Leben. Sie galten schon immer als die glühendsten Anhänger des Songfestivals und wussten die Veranstaltung auch in den öden Jahren zu geniessen.

Lieder voller Tragik und Leidenschaft
Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Über alle Jahrzehnte hat sich das Eurovisions-Festival als eine Veranstaltung erwiesen, in der nicht aggressive Rockbands den Ton angeben, sondern starke (manchmal auch sehr schwache) Stimmen, vor allem aber grosse Auftritte dominieren. Nicht das unkultivierte Gegröle eines Marius Müller-Westernhagens oder Joe Cockers bringt Punkte von Haifa bis Hammerfest, sondern der herzzereissende Abschiedschmerz eines Johnny Logan oder der Sehnsuchts-Blick einer Vicky Leandros. Lieder voller Tragik, Schönheit, Grazie und Leidenschaft, meist dargeboten in skurrilen Sprachen, die kaum einer versteht. Grand Prix heisst immer auch eine starke Dosis Trash und Tuntenhumor - der Kleider wegen, der exotischen Namen, der Moderationen in grotesk verfälschten Fremdsprachen - und vor allem wegen Pleiten, Pech und Pannen.

Fanclubs mit hohem Männeranteil
So wie der Contest ab Mitte der siebziger Jahre das Wohlwollen des jungen heterosexuellen Publikums zunehmend verlor, hat sich die schwule Minderheit die Veranstaltung erobert. Mitte der achtziger Jahre entstanden europaweite Fanclubs mit einem Männeranteil von annähernd 90%, von denen die wenigstens heterosexuell orientiert sein dürften. Alljährliche Clubtreffen werden mit viel Pomp und Staraufgebot gefeiert und der Trash des Festivals als grosse Playback-Travestie-Revue zelebriert. Das eigentliche Event selbst gehört der schwulen Familie wie in anderen Kreisen nur noch das Weihnachtsfest. Unter Freunden werden Höhepunkte und Ausrutscher vor einem Fernsehgerät genossen, das gar nicht gross genug sein kann. Und am Tag danach wird das Punktetableau studiert wie andere Männer am Montag die Fussballtabellen ihrer liebsten Liga studieren.

Outing
Ab 1997 fand der Grand Prix dann tatsächlich zu sich selbst. Der offen schwule Paul Oscar präsentierte mit seinem Beitrag für Island den 300 Millionen Fernseh-Zuschauern eine Show, die bis dato bestenfalls in einem Gay Club auf die Bühne gekommen wäre. Seitdem ist die Eurovision keine heimliche homosexuelle Veranstaltung mehr und Schwules nichts mehr, was beim Grand Prix verschwiegen werden muss. Mit diesem "Outing" hat das Festival an Pep gewonnen und manchmal sogar Tabus gebrochen. Natürlich ist die Akzeptanz für Schwules in Europa unterschiedlich ausgeprägt und wird in der Türkei oder Albanien wohl weniger gross sein als im liberalen Skandinavien. So musste die transsexuelle Dana International etwa, die 1998 für Israel siegte, ihre Teilnahme im eigenen Land gegen den massiven Widerstand konservativer religiöser Gruppen verteidigen. In Slowenien protestierten fünf Jahre später heimische Politiker gegen den Auftritt von drei Transvestiten (Sestre), die die nationale Vorentscheidung gewonnen hatten. Als aber liberalere Länder daraufhin die Frage stellten, ob das homophobe Slowenien denn überhaupt reif für den geplanten EU-Beitritt sei, durften die "Herren Damen" plötzlich singen. Das lesbophile russische Duo t.A.T.u. konnte vor zwei Jahren ohnehin kaum noch schocken. Die internationale Zustimmung reichte sogar für den dritten Platz.

Der Grand Prix hat an seinem Fünfzigsten also allen Grund zur Freude darüber, dass er seine Midlife-Crisis gesund überstanden hat und jetzt auch seiner schwulen Fangemeinde etwas Gutes tut. Die jedoch weint dem vermeintlichen Muff der jüngeren Jahre trotzdem ein paar Tränen nach. Denn seit die Teilnehmer nicht mehr zwingend in ihrer Landessprache singen müssen, ging mit der babylonischen Sprachverwirrung auch ein gehöriger Trash-Faktor verloren. Die meisten Länder lassen inzwischen englisch singen. Und dadurch klingen viele Lieder leider auch wie der anglophone Mainstream, den man sowieso im täglichen Radio erdulden muss. Hoffen wir also wieder auf viele Pannen und Skandale beim grossen Live-Auftritt, damit der Grand Prix das bleiben kann, was er lange schon ist: eine schwule Kultveranstaltung.

 

Eine Internetlösung der