 |
Die kastrierte Spinne
Spidergalaxy,
Zürichs längste After-Hour, ist zu - Stoffwechsel 15 bleibt
offen
Von Boris Schneider
Nach der Grossrazzia
vom 3. April hat Zürich einen Club weniger: Das Spidergalaxy bleibt
zu. Im neu eröffneten Stoffwechsel 15 probieren Gianfranco Ingrassia
und René Hagen jetzt, die Gäste zurückzuerobern.
Freitagabend, 22.
April: Der Stoffwechsel 15 an der Geroldstrasse feiert Wiedereröffnung.
Um halb eins hat es kaum Leute, dafür jede Menge Presse. Ein Tele-Züri-VJ
interviewt auf dem Sofa im Licht eines Scheinwerfers René Hagen,
den ehemaligen Boss der Spidergalaxy, der nach der Grossrazzia knapp drei
Wochen zuvor unfreiwilligerweise zum Zürcher Cervelat-Promi aufgestiegen
ist. Hagen zeigt bereitwillig, was in den letzten Tagen baulich und konzeptuell
verändert wurde: Die Zero-Tolerance-Hausordnung an den Wänden,
die neuen WC-Kabinen, die zwei bulligen Sicherheitsleute von Protectas.
Hagens Partner Gianfranco Ingrassia, der seit jeher für den Stoffwechsel
15 zuständig war, nimmt mit dem DJ letzte Anpassungen an der Anlage
vor. Plötzlich attackiert ein wildgewordener Radio-24-Reporter den
Schreibenden mit seinem Mikrofon und will wissen, wie sich ein alter Stammgast
denn hier, am Ort des Geschehens, und heute, drei Wochen "danach",
so fühle. Der Cruiser-Reporter weist das Lokal-Scheusal mit einem
scharfen "Hau ab du Idiot, ich bin selber Journalist" in die
Schranken und überlegt sich still, ob und wann die Stammgäste
ihren Weg zurück an die Geroldstrasse finden werden. Doch erst einmal
der Reihe nach.
Unfreiwillig Partygeschichte
geschrieben
Am 3. April hatten rund 140 Polizeibeamte eine Grossrazzia in Spidergalaxy
und Stoffwechsel durchgeführt. Tags darauf stand dann in den Zeitungen,
was in Zürich viele schon lange zu wissen glaubten: Wegen "massiver
Verstösse gegen das Betäubungsmittelgesetz, Nichteinhalten der
wirtschaftspolizeilichen Auflagen, Nichterfüllen der hygienischen
Vorschriften und auch aufgrund des baulichen Zustandes" seien die
beiden Lokale bis auf weiteres geschlossen worden. Die 300 Anwesenden
mussten sich einem Drogentest unterziehen. Was die Leute in den Taschen
und noch nicht in der Blutbahn hatten, fand die Polizei am Boden: 268
abgepackte Portionen Drogen. Plötzlich hatten die Lokalmedien ein
neues Thema: Partyszene Zürich und Drogen. Exponenten bekannter Clubs
flöteten ein geheucheltes "bei uns gibt es das nicht, wir sind
sauber" in die Mikrofone der Journalisten - und wirkten damit ungefähr
so glaubwürdig wie Bundesrat Blocher beim Vertreten der Vorzüge
des Partnerschaftsgesetzes.
Die Zeitrechnung
nach der Razzia
An Wochenenden nach der Razzia konnte man die Hektik in Zürichs Clubs
förmlich spüren: Das grosse Rätselraten ging los, welcher
Laden denn als nächster dran sein könnte. Gehandelt und konsumiert
wurde wie immer - allerdings ein wenig diskreter. Auch an den Eingängen
wurde man genauer angeschaut. Mit der Schliessung der Spidergalaxy und
dem Wegfall der längsten After-Hour der Stadt waren auf einen Schlag
hunderte von Partygängern heimatlos geworden, die in den anderen
Clubs weniger gern gesehene Gäste waren. Über 150 potentiellen
Kunden wurde im Labyrinth eine Woche nach der Razzia der Einlass verweigert.
Dies heisse nicht, dass es sich dabei um ehemalige Spinnenbewohner gehandelt
habe, sagt man dort. Aber man habe "diese Leute noch nie gesehen"
und es deshalb vorgezogen, dass sie draussen blieben. Auch in der Dachkantine
spielten sich frühmorgens ähnliche Szenen ab. Dort war man bestrebt,
die unerwünschte Klientel nicht mit allzu langen Öffnungszeiten
anzulocken.
Im Nachhinein weiss
man alles besser
Im Nachhinein sind natürlich alle schlauer. So auch René Hagen
vom "Spider" und sein Partner, Gianfranco Ingrassia vom Stoffwechsel
15, als der Cruiser die beiden rund eine Woche vor der Wiedereröffnung
des Stoffwechsels zum Interview trifft. "Wir haben Fehler gemacht",
sagt Hagen, "und zwar in Sachen Drogen, Gebäudeunterhalt, Reinigung,
Feuerpolizei und Sicherheit". Man sei "zu gutmütig"
gewesen und habe sich zu fest auf die angeheuerte Security-Firma und deren
Mitarbeitende verlassen, um für Ordnung zu sorgen, erklärt Hagen.
Genützt hat es offenbar auch wenig, dass an den Eingängen zwei
Ordner voll mit Fotos von Leuten, denen ein Hausverbot erteilt worden
war und die nicht mehr eingelassen werden sollten, auflagen. Denn mindestens
am Tag der Razzia hatte Hagen - so viel ist klar - die falschen Leute
in seinem Laden: "So ein Club und sein Publikum bekommen irgendwann
eine Eigendynamik, das lässt sich nicht mehr kontrollieren",
entschuldigt er sich.
Und weiter geht's.
Im Stoffwechsel.
Inzwischen wurden den Partymachern auch die Mietverträge für
die beiden Locations fristlos gekündigt. Im Stoffwechsel wird aber
weitergemacht. Die Kündigung wollen die beiden auf juristischem Weg
anfechten. Schlecht sieht es hingegen für das Spidergalaxy aus: Der
Laden bleibt, wie Hagen dem Cruiser bestätigt, für immer zu:
"Das Spidergalaxy wird es in dieser Form und mit mir nicht mehr geben".
Hagen und Ingrassia hoffen, dass durch den Neuanfang im Stoffwechsel 15
auch viele der ehemaligen Angestellten an Bar, Kasse und Garderobe ihre
Jobs behalten können: "Wir sind bestrebt, das alles zu überleben",
sagt Ingrassia. Und man glaubt es ihm sofort, wenn er sagt, dass er im
Speziellen darauf hofft, dass die schwulen Gäste ihm "noch eine
Chance" geben. Dem neuen Stoffwechsel gilt es also, einen Besuch
abzustatten. Und keine Angst: An den Wochenenden nach der Eröffnung
sind dort sicher auch keine wildgewordenen Radio-24-Reporter mehr anzutreffen,
die hinter jedem dahergelaufenen Typen einen möglichen Junkie vermuten
Eine Internetlösung der  |